Richte dich erhobenen Hauptes auf und beanspruche deine Macht

· 29. Mai 2018

Beanspruche deine Macht, stecke nicht den Kopf in den Sand und gib nie wieder bei etwas nach, das dir nicht zusagt, du nicht willst oder dich wütend macht. Du hast eine Stimme, um zu sprechen, einen Blick, der es ablehnt, das Leben voller Angst zu sehen, und eine Präsenz, die bereits nach mehr Raum verlangt. Richte dich also auf, denn wahre Größe misst man nicht in Zentimetern, sondern in Mut, Respekt und persönlicher Entschlossenheit.

Charles-Louis de Secondat pflegte zu sagen, dass derjenige, der seine Macht missbrauche, nur durch eine andere Macht gestoppt werden könne. In gewisser Weise ist es so, als wären wir einem ständigen Machtkampf ausgesetzt, in dem wir uns gegenseitig kontrollieren, uns messen, unterwerfen, herausfordern und zu einem bestimmten Zeitpunkt die Füße stillhalten. Anstatt in Harmonie zu leben, sind wir eine Gesellschaft, die schon immer Hierarchien und die daraus resultierende Diskriminierung geliebt hat.

„Ich möchte nicht, dass Frauen Macht über Männer haben, sondern über sich selbst.“

Mary Wollstonecraft

Wenn wir daher einen Moment lang aus psychologischer Sicht das Wort „Macht“ analysieren, stoßen wir auf unzählige Studien, in denen immer die gleichen Begriffe vorkommen: Autorität, Ausrichtung, Nötigung, Angst, gegenseitige Abhängigkeit, und vor allem, dass einer vom anderen unterdrückt wird.

Erst seit Kurzem erfährt dieses Konzept interessante und inspirierende Veränderungen. Durch die Psychologie haben wir heutzutage Zugang zu diesem Bereich, der sich „persönliche Macht“ nennt, in dem etwas anderes geboren wird als Machtspiele, Differenzen oder Nötigungen. Wir sprechen von der Möglichkeit, innere Stärken zu vereinen, uns selbst „Macht zu geben“, um unsere Ziele zu erreichen und eine egalitäre Gesellschaft zu schaffen. Dafür müssen wir zuerst unsere persönliche Kraft, unser Selbstvertrauen, unser Potenzial entfalten und jene Eigenliebe wecken, die keine Grenzen hat und schließlich Angst beiseitelässt, um den eigenen Möglichkeiten zu vertrauen.

Selbstsichere Frau mit roten Backen

Beanspruche deine Macht und lerne, nein zu sagen

Es ist an der Zeit, das Wort „Macht“ auf eine andere Weise zu verstehen. Wir können es als ein Erwachen sehen, als eine bewusste Wahrnehmung davon, was man verdient, was man für sich selbst, und was nicht weniger wichtig ist, für die eigene Gesellschaft, tun kann. Es gibt ein sehr interessantes Buch mit dem Titel Nein sagen und trotzdem erfolgreich verhandeln,  das vom Anthropologen Dr. William Ury stammt und uns dazu einlädt, tiefgründig über diese Thema nachzudenken.

Ein Großteil der Situationen, in denen es einen klaren Machtunterschied gibt, wo einige ihren Einfluss ausüben und andere aufgrund sozialer, wirtschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Unterschiede untergeordnet werden, hat eine Gemeinsamkeit: Wer an der Spitze der Pyramide steht, ist es gewohnt, immer das zu bekommen, was er will. Die Menschen, die das Umfeld des Machtinhabers bilden, haben zu jedem Projekt, zu jeder Idee, jeder infantilen Laune stets ja gesagt.

Dr. Ury erklärt uns, dass diese Art von Mensch durch Angst Einfluss nehme. Wenn du also deine Macht beanspruchen willst, solltest du so etwas Einfaches tun, wie dich zu trauen, nein zu sagen. Glaube daran, dass das, was du brauchst oder denkst, das Richtige ist. Es handelt sich dabei um etwas so Offensichtliches wie jemandem Grenzen zu setzen, der daran gewöhnt ist, seinen Horizont dort zu ziehen, wo er ihn sehen will.

Frau mit bunten Blumen auf dem Kopf hält sich ihre Hand vor's Gesicht

Wir sollten auch einen anderen Aspekt berücksichtigen. Es reicht nicht, sich einfach nur zu trauen, nein zu sagen. Keine Veränderung rührt aus nur einer einsamen Stimme und einer mutigen Person, die es wagt, ganz allein diesen Schritt zu gehen. Große Veränderungen werden durch den Zusammenschluss vieler Verneinungen geboren, vieler Menschen, die ihre Stimmen zusammen erheben als wären sie eine.

Das Gleiche können wir momentan bei der Bewegung #metoo beobachten. Viele Frauen trauten sich irgendwann einmal, ihre Stimme zu erheben, doch niemand wollte ihnen zuhören und ihnen nicht einmal Glauben schenken. Im gegenwärtigen Moment ist die Gesellschaft allerdings aufnahmefähiger, denn diese Frauen haben sich zusammengetan, um ihre Angst einmal beiseite zu lassen und eine Realität sichtbar zu machen, in der Machtmissbrauch ins Unermessliche gestiegen war.

Deine Macht schlummert in dir, du musst sie nur zum Leben erwecken

Egal, ob du eine Frau oder ein Mann bist, egal, wie alt du bist und in welcher Situation du dich momentan befindest, du solltest an eines denken: Deine Macht schlummert in dir, du musst sie nur zum Leben erwecken. Dieser innere Impuls sollte dich dazu befähigen, deinen Platz in der Welt zu finden, den Platz, den du willst, und nicht den, den andere für dich wollen. Diese innere Kraft sollte strahlen und kreativ sein, sollte eine innere Stimme sein, die dich in dunklen Momenten leiten kann und gleichzeitig mächtig genug ist, um andere zu trösten und sie auch zu leiten.

Damit uns das gelingt, können wir an folgenden Aspekten arbeiten:

  • Entdecke deine Identität, definiere deine Werte, werde dir darüber bewusst, was dich definiert und was du für unvertretbar hältst.
  • Entdecke deine Fähigkeiten und dein Potenzial. Mache dir klar, wo deine Grenzen sind.
  • Denke über deine Position in der Gesellschaft nach, darüber, was dich aktuell umgibt und über die Rolle, die du in deinen Alltag spielst. Identifizierst du dich mit dem, was man von dir erwartet und was deine Bedürfnisse sind?
  • Ändere etwas an den Aspekten deiner sozialen und persönlichen Realität, die dir missfallen. Sei dazu in der Lage, aus dir selbst den Menschen zu machen, der du wirklich sein willst, ohne Angst, ohne Vorurteile und kritische Stimmen.
Frau mit roten Backen und Vogel auf der Schulter

Schließlich ist es wichtig, dass du in deinen Alltag Zeit und Mühe investierst, um an deinem persönlichen Wachstum zu arbeiten, um dein Selbstwertgefühl, dein Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen zu stärken. Deine Macht nährt sich durch deine Selbstsicherheit und dein Bewusstsein darüber, dass du etwas Besseres verdienst. Nur dann wirst du nie wieder den Kopf in den Sand stecken, nur dann wirst du Teil dieser Bewegung sein, die auf Respekt, Gleichberechtigung und dem Ideal basiert, eine würdigere Gesellschaft für alle zu schaffen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Hülya Özdemir