Rettet man die Beziehung, wenn man Untreue toleriert?

· 10. September 2017

Obwohl die Vorstellung von „Normalität in einer Beziehung“ wesentliche Veränderungen durchlaufen hat, verhalten sich viele Menschen weiterhin sehr konservativ, wenn es um Untreue geht. Trotz der Tatsache, dass sie so häufig vorkommt, sehen sie wenige Menschen als etwas Natürliches an. Genau genommen ist Untreue auch der Hauptgrund, weswegen sich Paare trennen.

Einige große Fragen jedoch bleiben: Sind wir monogam? Ist Monogamie aus evolutionsbiologischer Sicht die größte Anpassungsleistung des Menschen? Ursprünglich war unsere Spezies nämlich der Polyamorie recht zugetan. Das Konzept der Untreue entstand mit der Einführung der Institution der Ehe im alten Rom. Dabei hatte Monogamie anfänglich viel mehr mit Wirtschaft und Politik zu tun als mit der Natur des Menschen.

„Die Untreuen wissen um die Freuden der Liebe, aber die Treuen wissen um die Tragödien der Liebe.“

Oscar Wilde

Obwohl die Monogamie in einigen Ländern gesetzlich vorgeschrieben war und ist, gab es Untreue immer und überall, in allen Kulturen. Vor der Epoche der Romantik wurde sie mit einer gewissen Toleranz behandelt und erfuhr manchmal sogar reine Zustimmung.

Die Untreue und die Epoche der Romantik

Mit dem Vormarsch des Rationalismus und der romantischen Epoche änderte sich die Vorstellung von einer gesunden Beziehung komplett. Der Mythos der „besseren Hälfte“ oder des „Seelengefährten“ gewann an Boden. Die Exklusivität wurde folglich zu einem Fundament in Paarbeziehungen.

Die feministische Bewegung führte zu weiteren Ideen zur Untreue. Erstens wurde die Untreue des Frau ebenso verurteilt wie die Untreue des Mannes. Zweitens wurde die Scheidung zu einer weitverbreiteten Praxis. Untreue ist dabei der Faktor, der ihr am häufigsten zugrunde liegt.

Moderne Frauen sind unabhängiger und können untreuen Männer gegenüber weniger tolerant sein, als sie es früher sein mussten. Untreue macht sie zuweilen unglaublich wütend. Sie sind unter Umständen nicht mehr dazu bereit, jemanden zu tolerieren, der nicht ausschließlich sie liebt. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie diese Entscheidungen heute für sich selbst treffen dürfen: Frauen wie Männer denken ganz unterschiedlich über ihre untreuen Partner, und alle Emotionen, die in entsprechenden Situationen aufkommen, sind normal.

Was Experten über Untreue sagen

Das US-amerikanische Forschungszentrum Pew hat in 40 Ländern eine Studie durchführen lassen. Man wies in dieser Studie nach, dass Untreue das Verhalten ist, das die Menschen am stärksten ablehnen – bei beiden Geschlechtern und durch alle Altersgruppen und Kulturen hindurch. Paradoxerweise wird Untreue genauso universell abgelehnt wie sie universell praktiziert wird.

Die Sexualforscherin Esther Perel, Autorin des Buches Wild Life, die Rückkehr der Erotik in die Liebe  betont, dass dieses Thema eine Menge Scheinheiligkeit umgebe. Sie unterstreicht, dass sich die Untreuestatistik in den Gesellschaften, die sie am stärksten ablehnen, und jenen, die sie am ehesten zulassen, nicht voneinander unterscheiden. Sie stellt auch fest, dass es beim Thema Untreue eine Verschiebung gegeben habe – von einer Verhaltensweise, die Schmerz erzeuge, zu einer, die ein echtes Trauma verursache. Menschen fühlen sich verspottet, erniedrigt, übergangen und abgelehnt. Sie könnten nur zögerlich eine unparteiische Analyse des Vorfalls anstellen, um das Ausmaß seiner Wichtigkeit für sich selbst festzustellen.

Es ist nicht immer ratsam, sich zu trennen

Neue Entdeckungen in der Hirnforschung besagen, dass es im Gehirn unterschiedliche Schaltkreise für tiefe und für leidenschaftliche Liebesgefühle gibt. Mit anderen Worten: du kannst also zur gleichen Zeit eine Person lieben und eine andere begehren. Vom Standpunkt des Gehirnes aus gesehen ist es auch zutiefst vernünftig, mehr als eine Person gleichzeitig zu lieben.

Wenn Menschen untreu sind, heißt das nicht, dass sie ihre Partner nicht lieben. Es gibt viele Faktoren, die sie dazu veranlassen können, zu einem gegebenen Zeitpunkt den Kontakt zu einer anderen Person zu suchen. Meist hat das nichts damit zu tun, dass man mit dem Partner unzufrieden wäre. Der häufigere Grund besteht darin, dass man abenteuerlustig oder experimentierfreudig ist. Oder sich bemüht, sich selbst etwas zu beweisen und seine Verführungskünste unter Beweis zu stellen.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, sollte man Untreue vielleicht nicht als etwas so Dramatisches betrachten. Anstatt den Untreuen augenblicklich zu verdammen, ist es wichtig, innezuhalten und darüber nachzudenken, warum wir nun vor dieser Situation stehen.

Man weiß von vielen Fällen, in denen eine Affäre mit einer dritten Person schlussendlich die Beziehung gestärkt hat. Du hast die Möglichkeit, herauszufinden, woran es innerhalb deiner Beziehung mangelt. Vielleicht geht es auch darum, der Beziehung schlichtweg eine zweite Chance zu geben, sie aktiv wieder aufzubauen. Wenn wir die Untreue ihres moralischen Unterbaus berauben, können wir vielleicht tragfähigere Beziehungen aufbauen.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Anne Miller, Art Schëllin