Regressiver Autismus: soziale und geistige Rückentwicklung

Manche Kinder verlieren zwischen dem 15. und 30. Lebensmonat ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten. Erfahre in diesem Artikel Wissenswertes über diese Form des Autismus.
Regressiver Autismus: soziale und geistige Rückentwicklung
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 22. September 2023

Der Begriff Autismus-Spektrum-Störungen umfasst unterschiedlich ausgeprägte Einschränkungen des Empfindens und Verhaltens, die sich in der Regel bereits in der frühen Kindheit zeigen. Regressiver Autismus äußert sich normalerweise erst ab einem Alter von ungefähr zwei Jahren durch den Abbau sozialer Kontakte. In den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Kind unauffällig.

Der regressive Autismus führt zu einer sozialen und geistigen Rückentwicklung: Das Kind verliert seine sprachlichen Fähigkeiten, vermeidet den Blickkontakt oder reagiert oftmals nicht mehr auf seinen Namen. Nach dieser Regression verläuft die Entwicklung der autistischen Störung nach dem Standardmuster.

Nach heutigem Stand der Wissenschaft handelt es sich nicht um eine spezifische Form des Autismus, sondern um eine Spätmanifestation dieser neurobiologischen Störung. Diese Situation ist für alle nahestehenden Personen sehr komplex.

“Unsere Aufgabe bei Autismus ist nicht die Heilung, sondern die Linderung des Leidens und die Maximierung des Potenzials eines jeden Menschen.”

John Elder Robinson (Look Me in the Eye¹)

Regressiver Autismus: Was ist das?

Manche Eltern beobachten verwirrt, dass ihr Kind bereits erworbene Fähigkeiten wieder verliert. Die Diagnose nach der ärztlichen Untersuchung ist meistens schwer zu verstehen und zu akzeptieren. Normalerweise zeigen sich autistische Symptome bereits sehr früh, doch in diesem Fall handelt es sich um eine Rückentwicklung: Regressiver Autismus ist ein Muster innerhalb der Autismus-Spektrum-Störung (ASS), bei dem sich die Anzeichen erst nach den ersten zwei bis drei Lebensjahren zeigen.

Aus medizinischer Sicht ist die soziale und emotionale Regression nach einer scheinbar normtypischen Entwicklung auffällig. Neurologen weisen darauf hin, dass bereits in den ersten 15 bis 30 Lebensmonaten neurodivergente Symptome zu beobachten sind.

Die Symptome

Eine Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Sudanese Journal of Paediatric erwähnt, dass etwa ein Drittel der kleinen Kinder mit einer ASS im Vorschulalter bestimmte Fähigkeiten verlieren. Im Allgemeinen ist beim Spätautismus eine Rückentwicklung zu beobachten, die zu einer Stagnation der Fähigkeiten führt. Folgende Symptome sind charakteristisch:

  • Betroffene Kinder vermeiden Blickkontakt und körperliche Nähe.
  • Sie zeigen weniger Interesse am Spielverhalten.
  • Die ersten Symptome äußern sich zwischen dem 15. und 30. Lebensmonat.
  • Die Rückentwicklung der nonverbalen Kommunikation ist auffällig.
  • Sprachliche Fähigkeiten bilden sich allmählich ebenfalls zurück.
  • Echolalie (das Wiederholen von gehörten Wörtern oder Sätzen) ist häufig.
  • Die sozialen Fähigkeiten sind geschwächt und die Interaktion mit der Umwelt reduziert.
  • Der Verlust dieser Fähigkeiten kann plötzlich oder allmählich eintreten. Es gibt interindividuelle Unterschiede.
  • Wenn der Höhepunkt der Regression erreicht ist, erwerben die Kinder kaum mehr neue Fähigkeiten.

Spät einsetzender Autismus wird mit einer Veränderung eines Amyloid-Proteins in Verbindung gebracht. Dies würde die Fähigkeit der Zellen, Energie zu produzieren, verringern, den oxidativen Stress erhöhen und die Mitochondrien schädigen.

Handelt es sich um eine andere Art von Autismus?

Wie anfangs bereits erwähnt, zeigt die Autismus-Spektrum-Störung eine große Variabilität in der Art und Weise, wie sie sich manifestiert und beim Einzelnen auswirkt. Ein Artikel aus Neuroscience and Biobehavioral Reviews verdeutlicht, dass die Forschung noch keine genauen Antworten darauf hat, ob der regressive Autismus eine eigene Unterart ist. Andererseits ist es erwähnenswert, dass es Dr. Theodor Heller war, der dieses Verlaufsmuster im Jahr 1908 zum ersten Mal beschrieb.

Damals war von infantiler Demenz die Rede, doch es handelt sich in Wahrheit um eine Erscheinungsform des Autismus. Viele der scheinbar normtypischen Kinder zeigten bereits vor der eigentlichen Regression Symptome.

Regressiver Autismus: mögliche Ursachen

Die Ursachen für diese neurologische Entwicklungsstörung sind bislang nicht ausreichend erforscht. Bekannt ist, dass das Gehirn der Betroffenen deutlich größer ist, sowohl die Großhirnrinde als auch die weiße Substanz. Außerdem sind Stoffwechselveränderungen und genetische Abweichungen zu beobachten.

Die konkreten Ursachen sind derzeit jedoch rein spekulativ. Ein in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry veröffentlichter Artikel berichtet, dass Kinder mit regressivem Autismus höhere Werte des sezernierten α-Amyloid-Vorläuferproteins im Plasma aufweisen.

Obwohl diese Erkenntnis ein Biomarker für die Früherkennung des regressiven Autismus sein könnte, sind weitere Forschungen nötig, um zu eindeutigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Prävention und Behandlung

Die regressiven Symptome sind für die Familie äußerst belastend. Das Kind verliert allmählich soziale Kompetenzen, hat kein Interesse mehr am Spiel und reagiert nicht, wenn es gerufen wird. Viele Eltern, die diese Erfahrung machen, stellen sich deshalb folgende Fragen:

  • “Warum mein Kind?” Auf diese Frage gibt es keine Antwort, da wir bislang zu wenig über diese Krankheit wissen.
  • “Gibt es eine Behandlungsmöglichkeit?” Es gibt derzeit keine spezifische Behandlung und keine Möglichkeit, die Regression zu stoppen oder rückgängig zu machen. Wissenschaftler sind jedoch auf der Suche nach Mechanismen, um dies zu erreichen. Die Zeitschrift BMC Medizin berichtet über eine bahnbrechende Studie, die darauf abzielt, den regressiven Autismus zu behandeln. In diesem Rahmen wird ein Kortikosteroid namens Prednisolon getestet, da der Verdacht auf autoimmune Veränderungen vorliegt. Die Studie befindet sich derzeit in der experimentellen Phase, eine randomisierte Studie ist geplant.

Autismus, eine Störung mit einer großen Variabilität

Manche Menschen erhalten die Diagnose ASS erst Erwachsenenalter, in anderen Fällen werden die Symptome bereits im ersten Lebensjahr deutlich. Krankheitsverlauf und Ausprägung sind individuell sehr verschieden. Es sind unbedingt weitere Forschungen nötig, um mehr über diese Störung, ihre Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten herauszufinden.

Was wir auf keinen Fall vergessen dürfen: Kinder und Erwachsene mit einer ASS benötigen Verständnis, Respekt und Integration. Neurodiversität ist Teil unserer alltäglichen sozialen Realität. Ihr Raum zu geben und sie zu verstehen, macht uns zu einer würdigeren Gesellschaft.

▶ Lese-Tipp

  1. Look Me in the Eye: My Life with Asperger’s, John Elder Robinson (Autor), Mark Deakins (Erzähler), Random House Audio 2007

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