Psychologische Kühnheit: Wie wichtig es ist, etwas zu wagen

· 3. März 2019

Die sogenannte psychologische Kühnheit gibt uns Mut und Willenskraft. Sie ist dieser entscheidende Impuls, der uns die Tür zu etwas öffnet, unsere Sichtweise erweitert und uns Schwierigkeiten überwinden lässt. Wir sind hierbei nicht nur mutig, sondern kühn. Denn Menschen, die psychologische Kühnheit besitzen, haben gelernt, etwas zu wagen, mit Respekt einzufordern, was sie verdienen, sich jeden Tag mehr für das anzustrengen, was sie brauchen und sich wünschen.

Es gibt ein altes Sprichwort, das uns daran erinnert, dass Angst und Mut Hand in Hand gehen. Man könnte sagen, dass der Mensch in gewisser Weise schon immer dazu gezwungen wurde, seine Angst und Unsicherheit zu überwinden, um seine Ziele erreichen zu können. Aber woher bekommen wir diesen inspirierenden Funken, der uns genau dann, wenn wir diese Kühnheit brauchen, Mut verleiht?

Wir Menschen sträuben uns normalerweise sehr gegen Veränderungen und unsere Angst weist uns in die Schranken. Und hier kommt ein Wert ins Spiel, den wir alle trainieren und fördern können: Die Rede ist von der psychologischen Kühnheit. Dieser persönliche Wert, der uns Vertrauen gewinnen lässt, der Kräfte in unserem Inneren mobilisiert, um den Widrigkeiten des Lebens begegnen und Träume realisieren zu können.

Søren Kierkegaard, der Vater des Existenzialismus, betonte wiederholt, dass Mut einen vorübergehenden Gleichgewichtsverlust mit sich bringe. Nichts zu wagen, bedeutet allerdings, sich früher oder später zu verlieren. Daher sollten wir lernen, diese psychologische Kühnheit in uns zu wecken, um mit der Entwicklung dieser Fähigkeit Stück für Stück mutiger zu werden.

„Mutig ist nicht, wer keine Angst empfindet, sondern wer diese Angst überwindet.“

Nelson Mandela

Mann steht auf einem Berg

Wie wir in 4 Schritten unsere psychologische Kühnheit entwickeln

Mit Hinblick auf psychologische Kühnheit und Mut finden wir nur wenig wissenschaftliche Literatur. Dabei handelt es sich um sehr spezifische Artikel, die oft jenen Bereich ansprechen, die wir persönliche Entwicklung nennen. An dieser Stelle möchten wir dennoch auf eine interessante Studie von Martin Seligman hinweisen, die 2005 im American Journal of Psychiatry  veröffentlicht wurde.

Diese Forschungsarbeit trägt den Titel „Stärken und Tugenden des Menschen“. In dieser Arbeit werden nicht nur die Eigenschaften derjenigen beschrieben, die in der Lage sind, mit Widrigkeiten umzugehen, sondern auch die von Menschen, die wissen, wie sie etwas investieren und Fähigkeiten entwickeln, um am eigenen Wohlergehen zu arbeiten. Das sind die gleichen Fähigkeiten, mit denen man Stress und Angst besser bewältigen kann.

Unter all den Stärken, die in der Studie besonders glänzen, ist es die Kühnheit, die sich als wichtigste Eigenschaft herauskristallisiert. Sie wird aber nicht nur als Synonym für Mut verstanden. Kühnheit geht über Mut hinaus, da der Begriff Kühnheit psychologisch gesehen noch umfassender und tiefgründiger ist. Denn durch Kühnheit entwickeln sich besondere Strategien, die sich aus einer klaren Denkweise ableiten.

Dazu gehört auch der Wunsch, richtig zu handeln. Ein kühner Mensch hat einen ethischen Kodex, ein Ziel und den Willen, seine Angst zu überwinden. Deshalb möchten wir uns heute ansehen, welche Dimensionen es uns ermöglichen, psychologische Kühnheit zu entwickeln.

Frau läuft durch ein Feld

1. Entscheidungen treffen, obwohl wir unsicher sind

Daniel Kahneman ist einer der Psychologen, der auf dem Gebiet der Entscheidungsfindung einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Ein Aspekt, der uns immer wieder auf die Probe stelle, sei, seiner Ansicht nach, unsere Unsicherheit. Wir könnten diese auch als diesen Raum bezeichnen, in dem Ängste wachsen und Unklarheit herrscht. Nicht zu wissen, was passieren wird, löst bei uns Angst aus und lähmt uns oft.

Eine Möglichkeit, mit solchen Situationen umzugehen, ist, auf psychologische Kühnheit zurückzugreifen: Wir müssen lernen, Entscheidungen zu treffen. Manchmal, so Dr. Kahneman, übernehmen wir schon allein durch die Entscheidung, was wir heute essen, die Kontrolle über etwas. Und eine Entscheidung ist immer der erste Schritt; sie steht für Bewegung und erlaubt es uns, die Kontrolle über unser eigenes Leben zu übernehmen.

2. Die Dinge hinterfragen und anders denken

Wer seine eigene Realität nicht infrage stellt, verliert sich letztendlich, lässt sich von anderen leiten und bestimmen. Wer allerdings kühn ist, vermeidet diesen Ansatz. Der Grund dafür ist, dass kühne Menschen gelernt haben, anders zu denken, Fragen zu stellen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

So etwas erfordert Zeit und Mut. Es erfordert, mit typischen Vorstellungen zu brechen und sich nicht mit dem Ist-Stand zufriedenzugeben. Niemand erreicht diese persönliche Entwicklung in ein oder zwei Tagen. In Wirklichkeit ist es eine ständige Übung, bei der am Anfang nur eine leise Stimme zu hören ist. Wir beobachten lediglich, was uns umgibt. Später werden Ängste überwunden und schließlich entwickeln wir jene durchsetzungsstarke Stimme, die lernt, zu hinterfragen und klarzustellen, Positionen zu verteidigen.

„Das Leben schrumpft oder wächst im Verhältnis zum eigenen Wert.“

Anais Nin

3. Die Verantwortung für sich selbst übernehmen

Diese psychologische Kühnheit und Mut zu entwickeln, bedeutet, einen Pakt mit sich selbst einzugehen. Es ist eine Allianz mit unserem eigenen Sein, in der wir für alles, was wir getan haben, für jeden zurückgelassenen Aspekt, für jeden Fehler, für jeden Misserfolg und auch für jeden Triumph selbst die Verantwortung übernehmen.

Nur wenn wir aufhören, anderen die Schuld für Enttäuschungen oder erlebte Verluste zu geben, werden wir dazu bereit sein, ohne nutzlose Lasten voranzuschreiten. Obwohl wir mehr als nur einmal gehört haben, dass ein mutiger Mensch von Wut oder von dieser Entschlossenheit angetrieben werde, die von einem starken Charakter ausgehe, können wir sagen, dass das nicht der richtige Weg ist.

Nur ein gelassener Geist kann das Leben derart bewusst wahrnehmen. Nur wer Groll und Ängste beiseite lässt, kann mit größerer Leichtigkeit vorankommen und eine klare Vorstellung davon haben, nach welchen Sternen er greifen will.

Mann erklimmt einen Berg

4. Den eigenen Horizont erweitern

Nur wenn wir uns von der Küste entfernen, entdecken wir, wie schön und groß der Ozean ist. Wie wir jedoch wissen, gibt es nur wenige Dinge, die uns mehr Angst machen, als den Blick von unseren täglichen Häfen abzuwenden. So weisen Experten wie Brené Brown, Forscher an der University of Houston (Texas, USA) und Spezialist für Dimensionen wie Verletzlichkeit, Mut oder Scham, auf Folgendes hin: Niemand komme mit jener psychologischen Kühnheit auf diese Welt, die es einem Menschen erlaube, jede Erfahrung ohne Angst zu erleben. Wir müssen sie Schritt für Schritt entwickeln. Im Grunde genommen müssen wir nicht weit reisen, um unseren Horizont zu erweitern. Manchmal können wir auch als Menschen wachsen, indem wir andere Menschen treffen, indem wir die Schwelle bestimmter Türen überschreiten und Komfortzonen verlassen.

Auch sind wir kühn, wenn wir es wagen, Gewohnheiten zu ändern. Diese kleinen Veränderungen in unserer Routine erweitern genauso unseren Horizont, stärken das Herz und trainieren uns in dieser wachsenden Kühnheit, wo wir schließlich den Fortschritt machen, den wir wirklich brauchen.

Wir sollten gleich heute damit anfangen, unsere psychologische Kühnheit zu entwickeln, und uns trauen, täglich an unserer Kühnheit zu arbeiten.

  • Seligman, Martin (2005). Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. American Journal of Psychiatry162(4), 820-a-821. https://doi.org/10.1176/appi.ajp.162.4.820-a
  • Brown, Brene. (2012). Daring Greatly; How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead. New York City, NY: Avery.