Psychologische Gewalt: der stete Tropfen auf den Stein

· 3. Juli 2017

Wenn wir über das Wort „Missbrauch“ nachdenken, kommt uns automatisch ein Bild vom schlagenden Täter in den Kopf. Allerdings ist körperliche Gewalt nur eine Art von Gewalt. In diesem Artikel werden wir über eine andere Form von Gewalt sprechen, die gleichzeitig oder isoliert auftreten kann, die psychologische Gewalt.

Manipulation, Erniedrigung und Beschimpfungen sind sehr viel verbreiteter als Schläge. Allerdings werden sie generell nicht angezeigt und es wird auch nur selten über sie gesprochen. Warum ist das so? Die Gründe sind unterschiedlich. Manchmal sind es die gleichen wie im Falle von körperlicher Gewalt, wie beispielsweise das Schamgefühl des Opfers. Aber auch die Schwierigkeit, sie nachzuweisen, weil keine physischen Spuren bleiben, spielt eine wichtige Rolle.

Psychologische Gewalt innerhalb und außerhalb des Zuhauses

Psychologische Gewalt tritt häufig zu Hause auf, aber auch auf der Arbeit, in den Medien, sozialen Netzwerken sowie unter praktisch allen anderen Umständen. In vielen Fällen passiert das sogar, ohne dass die Opfer es bemerken, weil sie sie unterschätzen. Aber auf die provozierten Schäden trifft das nicht zu.

Psychische Aggressivität tritt normalerweise über lange Zeiträume auf und wirkt wie der stete Tropfen auf einen Stein. Ununterbrochen wirkt er, ruft eine Erosion hervor, die schwierig zu reparieren ist. Eine Erosion, die wir nur sehr schwer erkennen können, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, genau hinzuschauen. Etwas Ähnliches passiert bei psychologischer Gewalt. Der Aggressor höhlt Stück für Stück das Selbstwertgefühl des Opfers aus, schafft Angst und Abhängigkeit in der anderen Person.

Während diese Art von Aggressivität überall auftreten kann, findet man sie doch am häufigsten im Kreis der Familie und vor allem in Beziehungen. Eine Person lässt die andere sich wertlos fühlen. Sie macht sie vor anderen lächerlich, urteilt über sie, beschimpft oder bedroht sie. Das Opfer verliert langsam seinen Willen und den Mut, hinauszugehen, sich an bestimmten Orten aufzuhalten, Freundschaften zu pflegen, seine Eltern und Familienmitglieder zu sehen. Aus dieser Art von Gewalt entsteht Abhängigkeit. Das Opfer fühlt sich unsicher, wertlos. Also bedarf es jederzeit seines „Partners“.

Psychologische Gewalt bei Kindern

Es gibt Menschen, die glauben, dass wir Kinder zu starken und disziplinierten Erwachsenen machen, wenn wir sie zu übertriebener Disziplin erziehen. Aber das stimmt nicht. Diese Art von strenger Erziehung bringt nur frustrierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene hervor, die voller Komplexe sind und ein sehr geringes Selbstbewusstsein haben.

Eltern, die ihre Kinder psychisch attackieren, realisieren nicht, dass sie zu einem Verhalten animieren, dass später gegen sie verwendet werden könnte. Besonders während der Adoleszenz, die sich auch im Normalfall schon kompliziert für alle Beteiligten gestaltet.

Warum wird psychologische Gewalt nicht angezeigt?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verschiedene Faktoren im Kopf behalten und bestimmten Umständen unsere Aufmerksamkeit schenken. Es gibt allerdings einige häufige Muster in dieser Art von Situation:

  • Zuerst einmal wird sie oft nicht angezeigt, weil sich das Opfer der Gewalt nicht bewusst ist. Der Angreifer handelt so „präzise und berechnend“, dass sein Tun nicht als etwas Schlechtes aufgefasst wird. Stattdessen wird es als etwas Alltägliches, Normales und sogar Erwartetes angesehen. Der Gedanke „Er tut es, weil er mich liebt.“  ist unter den Opfern tatsächlich sehr verbreitet.
  • Auf der anderen Seite ist sie sehr schwer zu beweisen. Im Großteil der Fälle bemerken die Familie und die Freunde des Opfers Veränderungen im Verhalten oder der Einstellung beider Parteien. Auch kann im Kontext eines sozialen Treffens verbale Aggression auftreten, aber wer wendet sich deshalb schon an einen Experten?
  • Auch wird psychologische Gewalt aus Angst nicht angezeigt. Manchmal muss das Opfer nach Hause zurückgehen und mit dem Angreifer leben, aus Angst, dass den Kindern oder einem anderen Familienmitglied etwas passiert.
  • Schließlich fehlt es in vielen Ländern an Experten und Hilfseinrichtungen in Bezug auf häusliche Gewalt, sowohl in körperlicher als auch in psychischer Form, was es den Opfern schwierig macht, von der Situation zu berichten.

Was kannst du tun, um dem Missbrauch zu entkommen?

Damit das Opfer seine Situation ändern kann, ist es eine gute Option, Kontakt mit Menschen aufzunehmen, denen etwas Ähnliches widerfahren ist. Es gibt Organisationen und Stiftungen, die helfen können. Gewinne etwas Abstand vom Täter – so viel wie möglich – sodass das Problem keine tragische oder irreparablen Konsequenzen nach sich zieht.

Es kann auch sein, dass das Opfer Gespräche mit nahen Freunden oder eine Therapie braucht. Mit der Unterstützung seiner Lieben, wird es einfacher sein, weitere Schritte in Richtung Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir die Menschen, die wir lieben, gegen diese Art von Aggression stärken, indem wir ihr Selbstwertgefühl heben.