Proxemik: Wie wir im Raum kommunizieren

· 19. Dezember 2018

Die Proxemik beschäftigt sich mit der Nähe oder Entfernung zwischen Menschen und Objekten während Interaktionen. Sie untersucht die Distanz, die Menschen einhalten, wenn sie miteinander in Kontakt treten, sowie das Vorhandensein oder Fehlen von Körperkontakt. Außerdem beschreibt die Proxemik die emotionalen Distanzen, die zwischen den Menschen bestehen, während sie miteinander kommunizieren.

Die Proxemik lehrt uns, dass es uns normal erscheinen mag, eine Person frontal anzusprechen, dass andere Kulturen es aber eher akzeptieren, wenn wir uns in einem Winkel von 90° zur anderen Person positionieren. Ähnliches gilt für die Verwendung eines Kusses oder eines Handschlags als Gruß. Während sich die Lateinamerikaner täglich küssen und wir uns zum Gruß die Hand geben, vermeiden die Japaner den Körperkontakt und begrüßen sich gegenseitig mit einem Nicken.

Proxemik und Körperkontakt

Jede Kultur baut Kontakte auf ihre eigene Weise auf. Einige Kulturen erlauben keinen Körperkontakt in der Öffentlichkeit, während andere ihn für völlig akzeptabel halten. Diese kulturellen Unterschiede haben zur Klassifizierung von kontaktarmen- und reichen Gesellschaften geführt. Kontaktreiche Kulturen stehen für geringere Distanzen zwischen den Menschen. Im Gegensatz dazu gibt es in kontaktarmen Kulturen mehr Raum zwischen ihnen.

Aber diese kulturellen Unterschiede manifestieren sich nicht nur darin, wie Menschen miteinander in Kontakt treten, sondern auch darin, wie sie sich im Raum positionieren. Die Entfernung zwischen Menschen und die bewusste Gestaltung der Umgebung geben gleichermaßen an, welche Entfernung sozial akzeptiert wird.

Freunde in einem Café

Proxemik und Raum

Die Räume, die von den unterschiedlichen Kulturen genutzt werden, lassen sich in drei Unterkategorien unterteilen: Festraum, Halbfestraum und persönlicher oder informeller Raum.

Feste Räume beinhalten unbewegliche Strukturen, die Abstände markieren. Die Grenzen zwischen den Ländern stellen die am leichtesten erkennbaren festen Räume dar. Andere Beispiele für feste Räume sind die Mauern in einem Gebäude, die Straßen in einer Stadt, die Bäume im Park und auch die Struktur einer Familie. All diese Aspekte bestimmen die Distanz, die wir zu anderen Menschen in verschiedenen Situationen halten.

“ Etwa 30 Zoll von meiner Nase entfernt
verläuft die Grenze meiner Person,
und die ganze unbebaute Luft dazwischen
ist mein alleiniger Pagus.
Fremder, es sei denn, ich lade dich mit meinem Blick dazu ein,
dich mit mir zu verbrüdern,
hüte dich davor, sie unhöflich zu überqueren:
Ich habe keine Waffe, aber ich kann spucken.“

W. H. Auden

Halbfeste Räume sind solche, in denen Objekte unsere Bewegung nicht einschränken, weil sie selbst bewegt werden können. So kann beispielsweise eine Tür geöffnet oder geschlossen werden. Es gibt zwei Arten von halbfesten Räumen: Soziofugale Räume, voller unbequemer Stühle oder Regale im Supermarkt, lassen Menschen sich bewegen. Andererseits regen soziopetale Räume zur Konversation oder Interaktion an, wie z. B. die von Therapeuten genutzten Räume oder runde Tische, die das Gespräch begünstigen.

Schließlich existiert unser persönlicher oder informeller Raum um unseren Körper herum. Während die nordischen Kulturen eher distanziert sind, nutzen die mediterranen und lateinamerikanischen Kulturen mehr Körperkontakt und halten weniger Abstand zwischen den Menschen.

Bank mit Baum

Proxemik und Distanz

Das Gefühl des persönlichen Raumes erzeugt die Distanz zwischen den Menschen bei verschiedenen Interaktionen. Die Distanz, die wir zu anderen Menschen halten, hängt nicht nur von unserer Kultur ab, sondern auch von der Beziehung, die wir zu diesen Menschen haben. Vor diesem Hintergrund gibt es vier Arten von Entfernungen:

  • Intime Distanz. Diese Distanz besteht in engen Beziehungen, zu Partnern, Familienmitgliedern und engen Freunden. Intime Distanz bedeutet eine Invasion des persönlichen Raumes, und deshalb akzeptiert sie nicht jeder.
  • Persönliche Distanz. Der Kontakt zur anderen Person erfolgt, ohne in ihren persönlichen Bereich einzudringen. Wir nehmen ihn zu Menschen auf, denen wir nahe stehen und  die wir gut kennen. Obwohl es zwischen den Kulturen Unterschiede gibt, ist die persönliche Distanz meist etwa eine Armlänge lang.
  • Soziale Distanz. Das ist die Distanz, die wir zu Fremden halten, zu denen wir keine Beziehung oder Freundschaft pflegen und daher keine emotionale Nähe haben. Wir nutzen die soziale Distanz auch bei der Begegnung mit uns bislang unbekannten Menschen oder für Arbeitstreffen.
  • Öffentliche Distanz. Dies ist eine Entfernung von mehr als 3,5 Metern und stellt die ideale Entfernung für die Ansprache einer Gruppe von Personen dar. Diese Distanz lässt uns unsere Stimme erheben und wir nutzen sie in Konferenzen und Reden.

Obwohl viele Faktoren eine Rolle spielen, bleibt die Proxemik in unseren täglichen Interaktionen oft konsistent. Die Entfernungen, die wir zu anderen halten, unterscheiden sich vor allem in der emotionalen Nähe, die wir zu unseren Mitmenschen erzeugen und pflegen wollen. Dennoch beeinflussen auch Objekte im Raum und schließlich unsere kulturellen Wurzeln unser Verhalten.