Posttraumatische Belastungsstörung nach Krebs

Krebs kann posttraumatischen Stress auslösen. Die meisten Menschen, die diese Diagnose erhalten, betrachten sie als potenzielle Bedrohung für ihr Leben, mit allem, was das mit sich bringt.
Posttraumatische Belastungsstörung nach Krebs
Elena Sanz

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Elena Sanz.

Letzte Aktualisierung: 15. Januar 2023

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) treten nicht nur nach traumatischen Ereignissen wie Naturkatastrophen, physischer Gewalt, Unfällen oder Kriegen auf. Auch die Diagnose einer schweren Krankheit kann dazu führen. Krebs ist ein gut dokumentiertes Beispiel dafür: Schätzungsweise entwickeln zwischen 5 und 35 Prozent der Krebspatienten eine PTBS.

Wir können individuelle und kontextbezogene Risikofaktoren beobachten, die die Wahrscheinlichkeit, daran zu leiden, erhöhen. Betroffene benötigen psychologische Unterstützung und eine entsprechende Intervention, um die Symptome zu lindern.

Frau hat posttraumatische Belastungsstörung nach Krebs

Posttraumatische Belastungsstörung und Krebs

Eine ernste Bedrohung, die das Überleben einer Person gefährdet, kann eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen. Die Diagnose Krebs führt zu starkem Stress und ist sehr belastend. Wenn zusätzlich bestimmte Risikofaktoren vorhanden sind, ist die Wahrscheinlichkeit einer PTBS noch höher. Zu diesen Faktoren zählen eine schwere Erkrankung, Schmerzen und Nebenwirkungen, frühere Traumata oder mangelnde Unterstützung.

Ungewissheit und Angst überfordern viele Krebspatienten. Eine psychologische Intervention kann ihnen helfen.

Symptome

Nach der Diagnose Krebs oder der bereits zurückgelassenen Krankheit leiden Betroffene häufig an folgenden Symptomen, die häufig auch nach anderen traumatischen Erlebnissen auftreten:

  • Ständige Sorgen
  • Angst vor einem Rückfall
  • Albträume und Flashbacks über die Krankheit oder die Behandlungen
  • Angst vor der Zukunft und aufdringliche Gedanken
  • Reizbarkeit, Unruhe, Schlaflosigkeit und Müdigkeit
  • Vermeidendes Verhalten (Ereignisse, Menschen, Orte, Gedanken oder Gefühle, die an die Krankheit erinnern)
  • Gefühle von Schuld, Hoffnungslosigkeit, Scham und Wut
  • Emotionale Betäubung oder Schwierigkeiten, Gefühle zu empfinden

All diese Symptome verursachen nicht nur großen emotionalen Kummer bei den Patienten, sondern beeinträchtigen auch ihren Alltag sehr stark. Besonders gefährlich ist es, wenn die Vermeidungstendenz dazu führt, dass sie nicht zu Arztterminen gehen, die entsprechenden Tests nicht machen oder die verordneten Behandlungen nicht durchführen. Deshalb ist es wichtig, eine mögliche Störung schnell zu erkennen und entsprechend zu behandeln.

Neurobiologische Korrelate

Der krebsbedingte posttraumatische Stress kann an anatomischen und funktionellen Veränderungen im Gehirn erkannt werden. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Veränderungen in den neurobiologischen Systemen, die an PTBS beteiligt sind, auch bei Krebserkrankungen auftreten.

Im Einzelnen finden folgende Prozesse statt:

  • Die Aktivität der Amygdala ist erhöht, was zu einer verstärkten Reaktion auf Angst und als bedrohlich empfundene Reize führt.
  • Verminderte Empfänglichkeit des präfrontalen Kortex, wodurch die funktionelle Hemmung der Amygdala verhindert wird.
  • Das Volumen und die Funktion des Hippocampus verändern sich, was zu Beeinträchtigungen des expliziten Gedächtnisses führt.
  • Es kommt zu einer Hyperaktivität der Insula, die zu einem Wiedererleben des Traumas, aufdringlichen Gedanken und Vermeidungsverhalten führt.
  • Das Broca-Areal ist deaktiviert, was dazu führt, dass diese Patienten Schwierigkeiten haben, ihr traumatisches Erlebnis kognitiv zu strukturieren, zu beschreiben und zu verbalisieren.

Intrusive Symptome sind bei Krebspatienten mit PTBS am häufigsten anzutreffen und bilden in diesen Fällen den Kern der Störung. Aufgrund von Verbalisierungsschwierigkeiten scheint es besser zu sein, sich für multimodale Interventionen zu entscheiden als rein gesprächsorientierte Therapien durchzuführen.

Frau mit Krebs

Posttraumatische Belastungsstörung nach Krebs: Erkennung und Behandlung

Alles deutet darauf hin, dass die krebsbedingte posttraumatische Belastungsstörung häufig auftritt. Es ist besonders wichtig, diese Krankheit frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Bleibt sie unbehandelt, können sich Depressionen oder Angststörungen entwickeln.

Wir dürfen nicht vergessen, dass eine PTBS zu jedem Zeitpunkt der Krankheit und auch nach der Genesung auftreten kann, deshalb ist auch die Nachsorge wichtig. Nicht nur die Patienten selbst, auch Betreuer oder Angehörige können eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Dies ist insbesondere bei Eltern der Fall, die ein krebskrankes Kind betreuen.

Nach der Diagnose einer PTBS erfolgt die Behandlung mit einer Psychotherapie. EMDR oder eine kognitive Verhaltenstherapie hilft Betroffenen, ihr Trauma zu verarbeiten und mit Stressfaktoren besser umzugehen. In schweren Fällen kann zusätzlich eine medikamentöse Behandlung notwendig sein. Auch Selbsthilfegruppen sind vorteilhaft, da sie einen sicheren Raum bieten, um Gefühle und Erfahrungen auszutauschen.

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