Verhaltenshemmung und Angststörungen

Wir sprechen heute über eine angeborene Temperamenteigenschaft, die in vielen Fällen zu Angststörungen führt.
Verhaltenshemmung und Angststörungen
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 29. Juli 2022

Die Verhaltenshemmung (behavioral inhibition) ist eine Temperamenteigenschaft, die sich durch Ängstlichkeit, Vermeidung und sozialen Rückzug äußert. Diese Merkmale können das Leben stark beeinflussen und sind vielfach biologisch bedingt. Verhaltenshemmungen sind bereits bei Babys zu beobachten, die die Tendenz haben, nicht zu reagieren oder sich zurückzuziehen. Auch wenn bestimmte Umweltfaktoren eine Rolle spielen, bleibt die Verhaltenshemmung in der Regel das ganze Leben lang bestehen und trägt zur Entwicklung von Angststörungen bei.

Frau mit Verhaltenshemmung

Was ist Verhaltenshemmung?

Wie bereits erwähnt, ist die Verhaltenshemmung eine Temperamenteigenschaft, eine angeborene Neigung, auf bestimmte Weise wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Wir sprechen von einer charakterlichen Veranlagung, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt und sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Diese Eigenschaft ist von Geburt an erkennbar.

Betroffene reagieren auf Neues mit Angst und ziehen sich zurück. Sie suchen bei ihren Bezugspersonen Sicherheit, denn sie neigen zu Schüchternheit, Ängstlichkeit und Unruhe. Deshalb meiden sie auch soziale Kontakte. Im Alter von ungefähr acht Monaten entwickeln viele Kinder Trennungsangst und suchen bei ihren Bezugspersonen Schutz, wenn sie fremde Menschen sehen. Im Falle einer Verhaltenshemmung handelt es sich jedoch um eine extreme Tendenz, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt.

Verhaltenshemmung und Angststörungen

Schätzungsweise weisen 15 % der Kinder diese Tendenz auf, wobei 10 % der Betroffenen auch im Jugend- und Erwachsenenalter eine Verhaltenshemmung aufweisen. Diese Temperamenteigenschaft beeinflusst das Leben der Betroffenen und deren Erfahrungen tiefgreifend. Sie führt nicht nur zu Angst, Sorgen, Furcht und Unbehagen, sondern wirkt sich auch negativ auf Beziehungen aus.

Die schulische Leistung ist in vielen Fällen geringer, da das Kind Angst hat, aktiv am Unterricht teilzunehmen oder soziale Kontakte zu knüpfen. Es hat kaum soziale Beziehungen und wird von Gleichaltrigen abgelehnt. Im Erwachsenenalter versäumen Betroffene möglicherweise persönliche, berufliche oder soziale Chancen. Gleichzeitig sind sie anfälliger für psychische Krankheiten, insbesondere für soziale Phobie und generalisierte Angststörungen. In der Folge ist auch das Risiko für Depressionen erhöht.

Prävention und Herangehensweise

Dies bedeutet nicht, dass alle Personen mit Verhaltenshemmung Angststörungen entwickeln, denn es gibt weitere Variablen, die eine Rolle spielen und beeinflussbar sind:

  • Angststörung eines Elternteils: Hier spielen genetische und Umweltfaktoren eine Rolle. Ängstliche Eltern können die Vorstellung vermitteln, dass die Welt feindlich und gefährlich ist und die Tendenz bei ihren Kindern verstärken, sich zu fürchten und Situationen zu vermeiden.
  • Überbehütender Erziehungsstil: Damit halten Eltern ihre Kinder davon ab, zu experimentieren, sich auszuprobieren und Fähigkeiten zu entwickeln, weil sie alles für ihren Nachwuchs tun wollen. Anstatt den Kindern das Leben leichter zu machen, nehmen sie ihnen die Möglichkeit, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufzubauen, und das wird die Angst und das Gefühl der Verletzlichkeit aufseiten der Kinder gegenüber der Welt nur noch verstärken.
  • Mangelnde Zuneigung und übertriebene Kritik der Eltern: Es gibt auch Eltern, die ihren Kindern wenig Zuneigung entgegenbringen, diese kritisieren und nicht akzeptieren. Ein derartiges Verhalten führt zu einer unsicheren Bindung und macht zukünftige Angststörungen wahrscheinlicher.
  • Frühe negative Erfahrungen: Schließlich bedingen auch unangenehme oder traumatische Erlebnisse die Neigung zur Angst. Paradoxerweise machen gehemmte Menschen häufiger solche Erfahrungen, da ihre Angst es ihnen nicht erlaubt, gute soziale Fähigkeiten zu entwickeln und sie anfälliger für Ablehnung, Spott oder Isolation sind.
Kind mit Verhaltenshemmung

Abschließende Empfehlungen

Personen mit Verhaltenshemmung haben ein höheres Risiko für AngststörungenEine liebevolle, respektvolle und autonomiefördernde Erziehung kann diese Tendenz jedoch verringern. Auch Erwachsene haben Möglichkeiten, das Risiko zu minimieren. Das Vermeidungsverhalten verstärkt die Angst, deshalb müssen Betroffene lernen, ihre Angst zu überwinden, Erfahrungen zuzulassen und soziale Beziehungen aufzubauen. Professionelle Unterstützung ist auf diesem Weg unbedingt ratsam.

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