Postmoderne Einsamkeit und Mythen über die Liebe

· 25. Oktober 2018

Postmoderne Einsamkeit ist das Ergebnis des Individualismus, dessen Werte und Ideale schon lange einen vorderen Rang in unserer Welt belegen. In diesem Sinne zwingt uns die Gesellschaft zwei sehr widersprüchliche Ideen auf: Gemäß der einen Idee müsse jeder seinen eigenen Weg gehen. Und gemäß der anderen Idee sei das Alleinsein aber ganz schrecklich.

Außerdem wird die postmoderne Einsamkeit noch dadurch verstärkt, dass es immer üblicher wird, sich gegenseitig zu fürchten. Das Konzept des gutmütigen Nachbarn ist quasi fast vollständig verschwunden. In unserer heutigen Welt sind die Menschen in unserer Umgebung nur noch Fremde. Wir möchten nichts über sie wissen, denn Fremde haben etwas Bedrohliches an sich.

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der die Menschen zunehmend allein sind, aber gegen die Einsamkeit kämpfen. Wir haben eine Welt geschaffen, in der wir nicht in einer Gemeinschaft leben können, aber in der wir auch nicht allein sein wollen. Beides, Einsamkeit und Gesellschaft sind ein Problem.

Einsamkeit – ein Konzept, das mit der Romantik problematisch wurde

Bis zur Epoche der Romantik zu Ende des 18. Jahrhunderts war das Thema der Einsamkeit von nicht allzu großer Bedeutung. Bis dahin war die Einsamkeit nichts, worüber man nachdenken musste oder womit man existenzielle Probleme hatte. Der Individualismus hat in jener Zeit ebenfalls noch keine bedeutende Rolle gespielt. Die Menschen lebten im Grunde in einer Gemeinschaft.Es war üblich, dass die ganze Familie unter einem Dach lebte. Großeltern, Kinder, Enkel und nahe Verwandte besetzten den gleichen Raum. Die nachbarschaftlichen Beziehungen waren gut ausgeprägt und für das Überleben wichtig. Gleichzeitig gab es kollektive Rituale, an denen alle beteiligt waren. Hochzeiten, Richtfeste und Gottesdienste seien nur als Beispiele genannt. Es gab ein klares Konzept, nach dem jeder ein Teil der Gemeinschaft war – die Leute kannten sich und sie lebten miteinander, nicht nebeneinander.

Ein Mann steht allein am Strand.

Dies änderte sich mit der Romantik. Die Partnerschaft war nun die Antwort auf alle Fragen des Lebens. Das Ideal war das eines isolierten, privaten Paar in seiner eigenen Welt. Die Gesellschaft begann, sich um das Paar und den kleinen Familienkern herum zu organisieren. Gleichzeitig gewann die Einsamkeit an Bedeutung und wurde zunehmend unerwünscht.

Postmoderne Einsamkeit

Der Übergang von der Großfamilie und der Gemeinschaft zu einer Gesellschaft von Paaren läutete eine neue Realität ein, die eng mit der Einführung neuer Technologien zusammenhing. So wurde die Ära der postmodernen Einsamkeit eingeleitet. Nun besteht aber ein grundlegender Widerspruch: Wir sind mit der ganzen Welt verbunden und fühlen uns einsamer denn je.

Frau schaut traurig auf ihr Handy.

Manche Menschen sind so einsam, dass sie sich schlecht fühlen, wenn sie keine Likes für ihre Posts in den sozialen Netzwerken bekommen. Tatsächlich gibt es so viel Einsamkeit, dass Menschen von jenen sozialen Netzwerken abhängig werden und von der Bestätigung, die sie hier erhalten. Sie sind wie besessen davon, Nachrichten zu empfangen und zu senden, auch wenn sie nichts aussagen.

Im Rahmen der postmodernen Einsamkeit gewann das Paar wiederum eine überproportionale Bedeutung. Wir nehmen allgemein an, dass man allein wäre, wenn man keinen Partner habe, so als würde die Welt nur aus Paaren bestehen. Und eine Trennung versetze uns demnach in einen Sumpf des totalen Elends, da das Paar die einzig anerkannte Quelle des Glücks ist.

Zweifel an den Mythen von Liebe und Einsamkeit

Vielleicht ist es an der Zeit, die Mythen von Einsamkeit und Liebe infrage zu stellen. Die postmoderne Einsamkeit zeigt, dass etwas nicht stimmt. Diese Kultur führt nicht zu Frieden, Erfüllung oder Glück, sondern eher zum Gegenteil. Emotionale Schwierigkeiten und psychische Probleme werden immer häufiger.

Beginnen wir damit, uns an etwas zu erinnern, das die meisten von uns bereits wissen: Wir alle brauchen Liebe. Aber romantische Liebe ist nur eine der vielen Arten von Liebe. Es gibt auch Liebe innerhalb der Familie und zwischen Freunden, Liebe zu Ideen und natürlich zu uns selbst. Wenn wir unseren Wirkungskreis auf die Liebe eines Partners reduzieren, werden wir emotional kleiner und verletzlicher.

Ein Baum wächst am Fels und im Hintergrund geht die Sonne unter.

Ebenso lohnt es sich, den Inhalt der postmodernen Einsamkeit zu hinterfragen. Wann haben wir angefangen, die Einsamkeit abzulehnen? Es ist eine realer Zustand, dem wir uns nicht entziehen können. Wir wurden allein geboren und werden allein sterben. Andere sind immer nur vorübergehend an unserer Seite, in Form eines Darlehens, um es mit modernen Begriffen zu beschreiben. Je besser wir uns selbst und unsere Einsamkeit verstehen, desto besser sind wir darauf vorbereitet, zu leben und glücklich zu sterben.