Das postformale Denken: ein Stadium, das nicht jeder erreicht

Postformales Denken bedeutet, Logik mit Emotionen zu verbinden, das Subjektive mit dem Objektiven, das Philosophische mit dem Dialektischen. Es handelt sich um hoch entwickelte kognitive Prozesse.
Das postformale Denken: ein Stadium, das nicht jeder erreicht
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 18. August 2022

Die körperliche Entwicklung gipfelt, wie wir wissen, im Erwachsensein. Aber wie sieht es mit der kognitiven Entwicklung aus – gibt es eine biologische Obergrenze für dieses Potenzial? Um diese Frage zu beantworten, ist es interessant, sich Jean Piaget zuzuwenden. Der Schweizer Biologe betrachtete das postformale Denken als die letzte und anspruchsvollste Stufe der kognitiven Entwicklung, die nicht alle Menschen erreichen.

Diese letzte Nuance mag einige Leute verwundern. Warum erreicht nicht jeder diesen intellektuellen Höhepunkt? Die Wahrheit ist, dass es nicht einfach ist, die Fähigkeit zu erlangen, mit moralischen, emotionalen, logischen, deduktiven und sogar philosophischen Konzepten umzugehen. Manchmal fördern selbst das akademische Umfeld und unsere Ausbildung nicht das Erreichen dieses Ziels.

Bäume in Form von Köpfen, die das postformale Denken symbolisieren

Das postformale Denken: Was ist das?

Die Theorie Piagets geht davon aus, dass das menschliche Wissen durch aktives Handeln und Erfahrungen mit der Umwelt aufgebaut wird. Es handelt sich um das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der sich in vier Stadien einteilen lässt:

  • sensomotorische Intelligenz
  • präoperationale Intelligenz
  • konkret-operationale Intelligenz
  • formal-operationale Intelligenz

Jedes Stadium ist im Wesentlichen durch den Einsatz von immer komplexeren kognitiven Operationen gekennzeichnet. Piaget wies jedoch darauf hin, dass sich dieser Fortschritt im Alter von 15 bis 20 Jahren tendenziell stabilisiert oder verlangsamt. Ab diesem Punkt können interindividuelle Unterschiede zwischen den Menschen deutlich werden.

Das postformale Denken ist die fünfte Stufe unserer kognitiven Entwicklung. Wir erreichen dieses Stadium zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.

Wir können das postformale Denken als den kognitiven Prozess definieren, mit dem wir versuchen, unser Gedankengut auszurichten, um die alltäglichen Dilemmas und Herausforderungen zu lösen, die im Erwachsenenleben auftreten. So wird über das postformale Denken oft gesagt, dass es sich immer dann entwickelt, wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, beispielsweise mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, dem Verlust einer nahestehenden Person usw.

Dimensionen, die das postformale Denken definieren

In einer Studie erklärt ein Forschungsteam der Universität Harvard, dass sich das postformale Denken entwickelt, wenn wir neue akademische, soziale, emotionale, philosophische usw. Ressourcen erwerben. Es ist die Art von Wissen, das wir uns aneignen, wenn wir mehr über uns selbst und die Welt um uns herum lernen.

Das postformale Denken zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, mit Ungereimtheiten, Widersprüchen und Kompromissen umzugehen. Das Leben ist komplex und unsicher, und manche Menschen können besser mit der innewohnenden Unsicherheit umgehen. Das postformale Denken ist also sowohl ein Persönlichkeitsstil als auch eine Denkweise (Papalia und Martorell, 2017).

Andererseits ist es erwähnenswert, dass jeder von uns diese Fähigkeit entwickeln kann. Piagets fünfte Stufe der kognitiven Intelligenz setzt jedoch voraus, dass wir uns auf eine Reihe von sehr spezifischen Dimensionen konzentrieren. 

Selbsterkenntnis

Wir lernen uns selbst kennen, um offener zu verarbeiten, was uns umgibt, ohne Angst, ohne Unsicherheiten, auf eine neugierige Art und Weise … Nur wenige Dinge sind so entscheidend wie die Fähigkeit zur Selbstreflexion, der richtige Umgang mit unseren Emotionen und die Verbindung mit unserem eigenen Wesen, um zu wissen, was wir wollen und was wir benötigen.

Fähigkeit zur Relativierung

Die Grundlage des postformalen Denkens ist die Fähigkeit, flexibel zu sein und die Welt nicht in einer dichotomen Weise zu verstehen. Das heißt, die Person, die diesen Ansatz verwendet, ist nicht darauf beschränkt, die Realität in absoluten Begriffen wie gut oder schlecht, schwarz oder weiß zu verarbeiten. Es gibt immer Zwischenaspekte, die man beachten und verarbeiten muss.

Kognitive Flexibilität

Die Fähigkeit des postformalen Denkens entsteht aus der Erkenntnis, dass die Perspektive jeder Person nur eine mögliche Wahrnehmungsweise von vielen ist. Dieser Denkstil beinhaltet eine Umstrukturierung von Wissen und Erfahrungen sowie die Entwicklung von Problemlösungsalternativen als adaptive Reaktion auf Veränderungen in einer bestimmten Situation und einem bestimmten Kontext (Krzemien, et al., 2020).

Integration

Ein weiteres Merkmal des postformalen Denkens ist die Integration von Emotionen durch rationale Analyse. Diese Fähigkeit ist nützlich, um auf Lebenssituationen zu reagieren, in denen das Aufkommen von Stereotypen und Vorurteilen eine Bedrohung darstellt (Krzemien, et al., 2020).

Dialektisches Denken

Das postformale Denken ist dialektisch, d. h. es inkludiert die Integration von Überzeugungen, Wissen und Erfahrungen mit den Widersprüchen sowie Ungereimtheiten des Alltagslebens. Diese Art des Denkens beinhaltet Relativismus in Verbindung mit der Fähigkeit, Informationen in Bezug auf mehrere Perspektiven, Ideen oder Erfahrungen zu integrieren und zu synthetisieren (Krzemien, et al., 2020).

Akzeptanz von Widersprüchen

In der erwähnten Studie der Universität Harvard wird erklärt, dass das postformale Denken wiederum vier Stufen (systematisch, metasystematisch, paradigmatisch und cross-paradigmatisch) umfasst. Die meisten erreichen mit dem Erwachsenenalter zumindest die ersten Stufen.

Zu den ersten Fähigkeiten gehört die Akzeptanz von Widersprüchen. Tatsächlich gibt es nur wenige Dinge, die unsere Realität so sehr bestimmen wie ständige Zweideutigkeiten und der ewige Widerspruch. Es ist wichtig, diese Realität zu akzeptieren und sich zu bemühen, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen.

das postformale Denken

Das postformale Denken geht über die Fähigkeit der Problemlösung hinaus

Eine Möglichkeit, Intelligenz zu definieren, ist die kreative Problemlösungsfähigkeit, die uns in die Lage versetzt, uns an verschiedene Umstände anzupassen. Durch postformales Denken können wir aber darüber hinaus einen Schritt weiter gehen und Herausforderungen besser meistern.

Das postformale Denken ermöglicht eine kritische Sicht der Dinge und versucht immer zu verstehen, warum Probleme auftreten. Es geht dabei um die Fähigkeit, über die Ursachen von Leid, Sorgen oder Ungewissheit nachzudenken, auch wenn bereits eine Lösung vorliegt. In vielen Fällen ist diese Art der kognitiven Herangehensweise also eng mit der Philosophie verbunden.

Schließlich ermutigt uns die Philosophie, uns ständig Fragen zu stellen, um über unsere existenziellen Konflikte nachzudenken. Es ist gut, praktische und formale Intelligenz zu entwickeln, die es uns ermöglicht, jedes unvorhergesehene Ereignis zu lösen. Die Fähigkeit, auf eine umfassende, klare und transzendente Weise über uns selbst und die Welt nachzudenken, bringt uns zweifelsohne der wahren Weisheit näher.

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