Pierre Bourdieu und seine Forschung über Machtmechanismen

Pierre Bourdieu war ein renommierter französischer Soziologe und Intellektueller, der über Klasse und Bildung theoretisierte.
Pierre Bourdieu und seine Forschung über Machtmechanismen

Letzte Aktualisierung: 03. August 2021

Pierre Bourdieu war eine einflussreiche Persönlichkeit des französischen intellektuellen Lebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er widmete sich vorwiegend dem Studium der gesellschaftlichen Reproduktionsmechanismen sozialer Hierarchien. Dieser Soziologe prägte wegweisende Begriffe wie “symbolische Gewalt”, “kulturelles Kapital” und “Habitus”. Erfahre heute Interessantes über die Persönlichkeit und das Werk dieses französischen Denkers.

Pierre Bourdieu: sein Leben

Pierre Bourdieu wurde am 1. August 1930 in Denguin (Pyrénées-Atlantiques, Frankreich) in einem armen Elternhaus als Einzelkind geboren. Sein Großvater war Pächter und sein Vater begann als Postbote, bis er später Postmeister wurde. Pierre wuchs in der französischen Kleinstadt auf und besuchte ein nahe gelegenes öffentliches Gymnasium, bevor er nach Paris zog, um das Lycée Louis-le-Grand zu absolvieren.

Der junge Bourdieu studierte Philosophie an der École Normale Supérieure in Paris. Nach seinem Universitätsstudium bekam er eine Stelle als Gymnasiallehrer in der Auvergne. In dieser Schule unterrichtete er ein Jahr Philosophie. Danach wurde er zum Militärdienst eingezogen und aus disziplinarischen Gründen in den Algerienkrieg versetzt.

Er widmete sich dann ab 1957 ethnologisch-soziologischen Feldforschungen in Algerien und studierte den Konflikt durch das kabylische Volk. Bourdieu veröffentlichte die Ergebnisse dieser Studie in seinem ersten Buch mit dem Titel “Sociologie de L’Algerie” (dt. Soziologie Algeriens). Diese Arbeit legte den Grundstein für seinen Ruf als Soziologe.

Das Werk von Pierre Bourdieu

1960 kehrte Bourdieu nach seinem Aufenthalt in Algier nach Paris zurück und nahm seine Tätigkeit als Lehrer an der Universität Lille auf, wo er bis 1964 arbeitete. Danach war Bourdieu Studiendirektor an der École Pratique des Hautes Études.

Nach dem gesellschaftlichen Umbruch im Mai 1968 gründete er das Zentrum für Bildung und Kultursoziologie, das dem Zentrum für Europäische Soziologie angegliedert war, dem Forschungszentrum, das er von 1985 bis zu seinem Tod leitete.

Im Jahr 1975 gründete er die interdisziplinäre Zeitschrift Actes de la recherche en sciences sociales. Diese Zeitschrift war wichtig für die Umgestaltung des anerkannten Kanons der soziologischen Produktion. Die Zeitschrift trug auch dazu bei, den wissenschaftlichen Anspruch der Soziologie zu erhöhen. Im selben Jahr veröffentlichte er in Zusammenarbeit mit Jean-Claude Passeron das Buch “Die Erben“, ein Werk, das zweifellos den Grundstein für seinen Erfolg legte. Ab 1981 lehrte er als Professor für Soziologie am Collège de France.

Ziel meiner Arbeit ist es zu zeigen, dass Kultur und Bildung nicht nur Hobbys oder Nebeneinflüsse sind.

Pierre Bourdieu

Bourdieu entwickelte neben seiner Lehrtätigkeit ein großartiges redaktionelles Werk, das es ihm ermöglichte, seine Gedanken zu verbreiten. Die Anerkennungen für seine Arbeit ließen nicht lange auf sich warten: Bordieu erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen für seine Karriere.

1993 erhielt er als erster Soziologe die Médaille d’or du Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). 1996 wurde er mit dem Goffman Award der University of California in Berkeley ausgezeichnet. Kurz darauf, im Jahr 2002, erhielt er die Huxley-Medaille des Royal Anthropological Institute.

Bourdieu heiratete 1962 Marie-Claire Brizard, sie hatten drei Kinder: Jerónimo, Emmanuel und Lauren. Mitte der 1960er-Jahre zog er mit seiner Familie nach Antony, einem südlichen Vorort von Paris. Er starb 2002 an Krebs. Die Pariser Tageszeitung Le Monde bezeichnete Bourdieu als den meistzitierten französischen Intellektuellen in der Weltpresse.

Das kulturelle Erbe

Bourdieu war ein begeisterter politischer Aktivist und ein entschiedener Gegner moderner Formen der Globalisierung. Seine Arbeit bediente sich Methoden, die ein breites Spektrum von Disziplinen umfassten: von der Philosophie und Literaturtheorie bis hin zu Soziologie und Anthropologie. Der Gelehrte sah in der Soziologie eine Waffe gegen soziale Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Bourdieu nutzte die Waffen des Intellekts, um bisher unbekannte Mechanismen zu entdecken, die dazu beitrugen, die bestehende Trennung und Ungleichheit zwischen verschiedenen sozialen Gruppen aufrechtzuerhalten. Er widmete sein Leben dem Kampf für eine bessere Welt für alle.

Der Diskurs von Bourdieu wurde in seinen letzten Lebensjahren durch neue Argumente gegen den Neoliberalismus akzentuiert. Er setzte sich auch für die Zivilgesellschaft und das im Entstehen begriffene Weltsozialforum ein.

Er war in Gewerkschaften und NGOs aktiv und stand den Bewegungen zur Verteidigung von Migranten und Bürgervereinigungen gegen neoliberale Positionen nahe.

Einer der vielleicht bedeutendsten Schritte Bourdieus bestand darin, dass er zwei neue, mit der Soziologie verknüpfte Konzepte einbrachte: Habitus und Feld. Außerdem definierte er den Begriff des Kapitals völlig neu.

Sein Vermächtnis für das universelle Denken: Symbolisches Kapital

Die Funktion der Soziologie besteht ausgehend von allen Wissenschaften darin, das Verborgene aufzudecken.

Pierre Bourdieu

Pierre Bourdieu postulierte eine Reihe umstrittener Konzepte, die wegen ihres Determinismus kritisiert wurden.

Ein klares Beispiel ist die These des Soziologen, dass die Schule funktioniert, indem sie familiäre, soziale und Klassenunterschiede reproduziert. Diese Funktion wird erfüllt, wenn sie die Personen auswählt und legitimiert, die aufgrund ihrer familiären Herkunft kulturell am besten ausgestattet sind. In diesem Sinne, so Bourdieu, ist Schule ein Mittel zum sozialen Aufstieg, gleichzeitig aber auch ein Instrument zur Ausgrenzung und Diskriminierung.

Durch diese Analyse kommt Bourdieu zu dem Schluss, dass der soziale Status des Bürgertums auf den Ressourcen des Bildungssystems beruht. Ihr wichtigstes Kapital ist das kulturelle Kapital.

Bourdieu unterscheidet zwischen ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital. Für Bourdieu tendieren alle Kapitale dazu, ökonomisches Kapital zu werden. Der Sinn der Akkumulation der verschiedenen Kapitalarten besteht letztlich darin, den Bestand des symbolischen Kapitals zu erhöhen.

Der Besitz verschiedener Arten von Kapitalien definiert den Standort der Person auf einer Karte, die verschiedene soziale Räume, auch Feld genannt, zeichnet. Die sozialen Abstände zwischen den Strukturen definieren die sogenannten sozialen Klassen, die insbesondere aufgrund der unterschiedlichen Verteilung des wirtschaftlichen und sozialen Kapitals “integriert” werden.

Das Werk von Pierre Bourdieu

Machttheorie: symbolische Gewalt

Bourdieu postulierte, dass die Naturalisierung der sozialen Welt auf eine Form der Herrschaft zurückzuführen ist, die auf symbolischer Gewalt beruht. Nach Bourdieu wird diese symbolische Gewalt von denen ausgeübt, die sie erleiden. Sie sind es, die sie aufrechterhalten, da sie sie als Merkmal ihrer eigenen Identität verinnerlicht haben.

Dieses Postulat besagt, dass dies der Mechanismus ist, durch den die Formen der Herrschaft, die sich aus der asymmetrischen Verteilung des Kapitals ergeben, reproduziert und symbolisch naturalisiert werden.

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  • Boyer, P. (1996). La sociología de Pierre Bourdieu. Reis, (76), 75-97. doi:10.2307/40183987
  • Fowler, B. (1997) Pierre Bourdieu and Cultural Theory: Critical Investigations. Londres: Sage Publications.