Die Philosophie der Geisteskrankheit

30 Juli, 2020
Wie werden psychische Störungen definiert und diagnostiziert? Die Philosophie der Geisteskrankheit versucht, diese und andere wichtige Fragen zu beantworten.

Die Philosophie der Geisteskrankheit ist ein interdisziplinäres Fachgebiet. Es kombiniert Methoden und Sichtweisen aus der Philosophie, der Psychologie, den Neurowissenschaften und der Ethik, um psychische Erkrankungen zu untersuchen.

Philosophen, die psychische Erkrankungen untersuchen, befassen sich mit den ontologischen, erkenntnistheoretischen und normativen Problemen, die sich aus dem Verständnis von psychischen Erkrankungen ergeben. Eine der zentralen Fragen dieser Philosophie ist die, ob das Konzept der psychischen Erkrankung eine angemessene und objektive wissenschaftliche Definition haben kann.

Ein Diskussionspunkt ist daher der, ob wir psychische Erkrankungen als eine Form der psychischen Störung verstehen sollten. Die Philosophie der Geisteskrankheit untersucht auch, ob wir Geisteskrankheiten besser als diskrete geistige Einheiten mit klaren Kriterien für Einschluss/Ausschluss erkennen, oder ob wir sie als Punkte entlang eines Kontinuums zwischen normal und unpässlich ansehen.

Philosophie der Geisteskrankheit: eine Kritik des diagnostischen Prozesses

Philosophie der Geisteskrankheit: eine Kritik des diagnostischen Prozesses

Philosophen, die die Idee der Geisteskrankheit kritisieren, argumentieren, dass es nicht möglich ist, den Begriff „Geisteskrankheit“ zu definieren. Sie argumentieren auch, dass die Kategorien psychischer Erkrankungen bereits bestehende Normen und Machtdynamiken auferlegen.

Es gibt auch viele Fragen in Bezug auf den Zusammenhang zwischen der Rolle von Werten beim Verständnis von psychischen Erkrankungen. Philosophen denken darüber nach, wie sich diese Werte auf das Konzept der Krankheit im Allgemeinen beziehen.

Philosophen, die Teil der Neurodiversitätsbewegung sind, glauben, dass die Gesellschaft als Ganzes das Konzept der Geisteskrankheit überarbeiten muss. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft über die verschiedenen Arten von Erkrankungen nachdenkt, die Menschen aufzeigen, ohne die betroffenen Personen, die statistisch „abnormal“ sind, zu stigmatisieren.

Das Diagnoseproblem

Darüber hinaus gibt es erkenntnistheoretische Probleme, die mit der Beziehung zwischen psychischen Erkrankungen und deren Diagnose zusammenhängen. In der Vergangenheit drehte sich das Hauptproblem darum, wie Krankheitslehren psychischer Erkrankungen (Klassifizierungsrahmen), psychische Störungen mit erkennbaren Symptomen in Beziehung setzen.

Dies gilt insbesondere für das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (kurz: DSM; deutsch: diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen).

Innerhalb des Klassifizierungrahmen des DSM-Leitfadens können wir eine psychische Störung durch das Vorhandensein oder Fehlen einer Reihe von Symptomen aus einer Nachweisliste identifizieren. Diejenigen, die mit der Verwendung von verhaltensbasierten Symptomen zur Diagnose von psychischen Erkrankungen nicht einverstanden sind, argumentieren, dass die Symptome ohne einen geeigneten theoretischen Rahmen für die Aussage, dass ein mentaler Mechanismus gestört ist, nutzlos sind.

Folglich sollte ein Diagnosesystem in der Lage sein, zwischen Personen zu unterscheiden, die von echten psychischen Erkrankungen betroffen sind und solchen, die in ihrem Leben eine schwierige Zeit durchleben. Kritiker argumentieren, dass der DSM-Leitfaden in seiner heutigen Form dazu nicht in der Lage ist.

Ist das Konzept der Geisteskrankheit überhaupt vertrauenswürdig?

Es gibt auch verwandte Fragen zu Art und Rolle von Werten bei psychischen Erkrankungen. Die erste Frage ist, ob psychische Erkrankungen ein wertneutrales Konzept sind. Die Krankheitslehren psychischer Erkrankungen versuchen, wertneutrale Definitionen von Störungen zu finden.

In einer idealen Welt würden die Konzepte in Handbüchern, wie dem DSM, eine universell zugrunde liegende menschliche Realität widerspiegeln. Die psychischen Störungen, die sie definieren, sollten keine kulturellen Werturteile davon darstellen, was im Geist geschieht.

Philosophische Kritik am Konzept der Geisteskrankheit

Michel Foucault war einer der ersten Kritiker der Idee von psychischen Erkrankungen und psychiatrischen Einrichtungen. Foucault argumentierte, dass psychiatrische Anstalten historisch gesehen als Orte dienten, an denen Rationalitätsmodelle angewendet wurden, die den Personen, die sich bereits in Machtpositionen befanden, Privilegien einräumten.

Dieses Modell schloss viele Mitglieder der Gesellschaft aus dem Kreis der Menschen mit rationaler Entscheidungsfreiheit aus. Asylanstalten waren Orte, an denen die Gesellschaft „unerwünschte“ Menschen beherbergte. Infolgedessen verstärkten die Anstalten bereits vorhandene Machtdynamiken.

Foucault glaubte, dass die Ideen von psychischen Erkrankungen soziale Konstruktionen sind, die dem gleichen Zweck dienen wie:

  • Rasse
  • Geschlecht
  • soziale Klasse
  • sexuelle Orientierung

Daher verwenden bestimmte Personen und Institutionen das Konzept der psychischen Erkrankung, um ihre Macht aufrechtzuerhalten und zu erweitern. Ziel ist es, die soziale Ordnung beizubehalten, die die Machthaber definieren.

Michel Foucault war einer der ersten Kritiker gegenüber der Idee von psychischen Erkrankungen und psychiatrischen Einrichtungen

Eine konstruktivistische Perspektive psychischer Erkrankungen

Konstruktivisten können eine Reihe von Positionen zur Frage sozialer Konstruktionen und psychischer Erkrankungen einnehmen. Ein weniger radikaler Konstruktivist könnte beispielsweise argumentieren, dass Kulturen Modelle der „idealen Entscheidungsfreiheit“ auferlegen. Dann verwendet die Gesellschaft sie, um Sätze menschlichen Verhaltens zu kennzeichnen.

Aus dieser Perspektive können Verhaltenssyndrome in allen Kulturen vorhanden sein. So entwickelt jede Kultur eine Theorie der idealen Entscheidungsfreiheit. Das bedeutet, dass bestimmte Syndrome als „Krankheiten“ bezeichnet werden. Gleichzeitig gruppieren andere Kulturen die Syndrome je nach ihren Werten auf unterschiedliche Weise.

Die Verhaltensweisen, die wir als „Symptome einer Depression“ bezeichnen, existieren nur, weil Ärzte sie zusammengefasst haben. Sie bezogen sich dabei auf viele verschiedene Gründe, die wir hier nicht weiter erklären werden. Die einzige Möglichkeit zu erklären, warum bestimmte Verhaltensweisen, Gefühle oder Gedanken auf diese Weise zusammengefasst werden, besteht darin, dass Ärzte und Experten diese Gruppierung erstellt haben.

Wenn wir über die charakteristischen Verhaltensweisen eines Herzinfarkts sprechen möchten, können wir leicht die kausale Vorgeschichte betrachten, die dieses bestimmte Verhalten vereinheitlicht. Den Symptomen von Geisteskrankheiten fehlt jedoch eine Erklärung für ihre Gruppierung, die unabhängig von ihrem klinischen Erscheinungsbild ist.

Unter diesem Gesichtspunkt ähneln die Erkranungen dem, was Ian Hacking als „interaktive Typen“ bezeichnet. Natürliche Typen repräsentieren Gruppierungen, die unabhängig von externen Meinungen existieren. Bei interaktiven Typen erleben sich Einzelpersonen jedoch nach einem festgelegten Gesichtspunkt. Sie ändern ihre Gefühle und Emotionen, um sich an einen bestimmten Typ anzupassen.

Beispiele für den interaktiven Typ mit psychischen Erkrankungen

Wir sollten uns die multiple Persönlichkeitsstörung (jetzt als dissoziative Identitätsstörung bekannt) als einen interaktiven Typ vorstellen. Mit anderen Worten, multiple Persönlichkeitsstörungen sind kein grundlegendes Problem der menschlichen Neurologie, das Neurowissenschaftler entdecken können.

Sobald das Konzept der multiplen Persönlichkeitsstörung identifiziert ist, werden viele Menschen diese Kennzeichnung erhalten. Diese Ideen führen zu Diagnosen ohne zugrunde liegende Ursachen im Gehirn, die erkannt werden können.

Diese Kennzeichnung verbirgt wiederum effektiv andere mögliche Erklärungen für die Geisteskrankheit, die innerhalb der Philosophie weniger essentiell und sogar pluralistisch sind.

Zusammenfassend ist die Philosophie der Geisteskrankheit eine Perspektive, die die Psychologie in vielerlei Hinsicht lehrt, wie man eine Person außerhalb des medizinischen Bereichs und der iatrogenen Kennzeichnung versteht.