Patria, die Serie - Wie lange können Ressentiments dein Leben beherrschen?

Patria war über ein Jahr das meist verkaufte Buch in Spanien. Diese sehr beliebte Geschichte ist ein ehrliches Portrait über die ETA, jene baskische terroristische Widerstandsbewegung, die viel Schmerzen und Leiden verursachte. Jetzt kannst du diese Geschichte auch als Serie auf HBO erleben.
Patria, die Serie - Wie lange können Ressentiments dein Leben beherrschen?

Letzte Aktualisierung: 30. November 2020

Patria ist eine Fernseh-Adaption des gleichnamigen Romans von Fernando Aramburu. Der Drehbuchautor und Executive Producer Aitor Gabilondo passte das Buch für den Fernsehbildschirm an. Nachdem die Serie mit acht Folgen auf dem Filmfestival von San Sebastian gezeigt wurde, wurde sie von HBO ausgestrahlt.

Die Serie erzählt die Geschichte zweier Familien, deren Leben von der ETA geprägt und bestimmt ist. Die ETA war eine terroristische Vereinigung, die 853 Menschen ermordete, um die spanische Regierung unter Druck zu setzen. Ihre Forderung war die Unabhängigkeit des Baskenlandes.

Das Schöne an Patria ist jedoch, dass es sich nicht um eine politische Analyse der ETA handelt. Stattdessen ist es eine sehr menschliche Reflexion darüber, wie es für diejenigen war, die ETA unterstützten und für diejenigen, die von der Gruppe bedroht und getötet wurden. Die Serie versucht nicht, die gegnerischen Seiten des Problems zu entlasten, zu vergleichen oder ihre Taten zu relativieren.

Patria, die Serie: Es ist nicht die Geschichte, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie erzählt wird

Für 40 Jahre versuchte die terroristische Untergrundorganisation ETA gewaltsam an die Macht zu gelangen, um alleinige Repräsentanten und Vertreter der Bedürfnisse der Bewohner des Baskenlandes zu werden. Sie kämpften also für die baskische Autonomie. Sehr oft wurden Mitglieder der Zivilgesellschaft zu Opfern ihrer Angriffe, Erpressungen und Drohungen.

Spanien setzte sich mithilfe der staatlich finanzierten antiterroristischen Befreiungsgruppen (GAL) zu Wehr. Die Mitglieder der GAL ermordeten und folterten sowohl ETA-Kämpfer als auch diejenigen, von denen sie annahmen, sie wären Mitglieder dieser Vereinigung. Allerdings wurden diese Versuche, die ETA auszuschalten, von der ETA selbst häufig dazu genutzt, weitere terroristische Aktionen zu rechtfertigen. Darüber hinaus konnten sie dadurch teilweise auch weitere Mitstreiter für ihre Mission gewinnen.

Im Jahr 2011 erklärte die ETA einen dauerhaften Waffenstillstand. Darüber hinaus begannen sie im Jahr 2017, ihre Waffen zurückzugeben. Im Mai 2018 löste sich die ETA schließlich offiziell auf. Allerdings haben sie nie um Vergebung gebeten. Außerdem waren die Menschen in ihrem Umfeld nicht dazu bereit, die ehemaligen ETA-Mitglieder den Behörden auszuliefern. Infolgedessen befinden sich bis zum heutigen Tage viele Mörder auf freiem Fuß.

Zwei Frauen, zwei Ideologien

Patria erzählt über drei Jahrzehnte die Geschichte zweier baskischer Familien, die durch den bewaffneten Konflikt zerstört wurden. Die Bekanntgabe des Waffenstillstandes im Jahr 2011 und die bevorstehende Auflösung der ETA inspirierte eine Witwe namens Bittori (gespielt von Lena Irureta) dazu, in ihre Heimatstadt San Sebastian zurückzukehren. Nach dem Mord an ihrem Mann Txato (gespielt von José Ramón Soroiz) musste Bittori von dort fliehen; er war ein baskischer Transportunternehmer.

Ihre Rückkehr reißt viele alte Wunden auf. Denn dort sind auch ihre ehemaligen Freunde Miren (gespielt von Ane Gabarain) und deren Ehemann Joxian (Mikel Laskurain). Die beiden Familien standen sich sehr nahe, bis die ETA eine von ihnen ins Visier nahm. Miren will Antworten, aber nicht aus ideologischer Rachsucht. Sie will nur wissen, ob Joxe Mari (Jon Olivares), der Sohn ihrer Freundin, derjenige war, der ihren Ehemann ermordet hat. Sie weiß, dass er im Gefängnis ist, aber sie weiß nicht, welche Rolle er bei dem Verbrechen gespielt hat.

Eine Geschichte aus Vergangenheit und Gegenwart

Im Verlauf der Serie gibt es immer wieder Rückblicke auf die Geschichte der Freundschaft zwischen diesen beiden Familien. Daher wirst du auch sehr schnell bemerken, dass es Ereignisse gibt, die ein Davor und ein Danach in dieser Beziehung markieren. Die Notwendigkeit, zu familiären, geografischen und politischen Themen Stellung zu beziehen, zerstört schließlich selbst die stärksten emotionalen Bindungen.

Die Serie kehrt mehrere Male zu Txatos Tod zurück und zeigt die Szene aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie zeigt sehr klar die Auswirkungen der Erpressung durch die ETA und deren Ausrichtung auf die sozialen Beziehungen und die Furcht, die sie zu erzeugen imstande war.

Patria ist ehrlich, wenn es um den Schmerz geht, den die Familien der Mörder erlitten haben mögen. Aber die Serie scheut sich auch nicht vor der Herausforderung, zu erzählen, wer sie waren und was sie zu solchen gemacht hat.

Patria - eine Frau sieht aus dem Fenster

Patria, die Serie: Wenn Ressentiments bestehen, kann es keinen Fortschritt geben

Die Serie zeigt die emotionale Zerstörung, die jene Familien verwüstete, die mit der ETA in Kontakt kamen. Denn die Tatsache, dass die ETA ihre Waffen niederlegte, bedeutet nicht, dass diese Menschen nicht weiterhin davon überzeugt waren, dass Mord der einzige Weg sei, mit dem sie ihr Ziel erreichen konnten. Wie wir bereits erwähnt haben, versucht diese Serie, dem Zuschauer ein Gefühl für die Tragik und Tragödie dieses Konflikts zu vermitteln.

Ohne den Versuch zu unternehmen, die Terroristen auf irgendeine Art und Weise zu entlasten, portraitiert Patria die Transformation eines jungen baskischen Nationalisten, der sich mit einem Freund dieser Bewegung anschließt, weil es abenteuerlich und aufregend erscheint.

Was als einfacher Spaß beginnt, entwickelt sich allerdings zu einer persönlichen Hölle. Die Geschichte wird manchmal so ausgewogen erzählt, dass sie die Menschen beinahe als zu harmlos erscheinen lässt, die andere aus nächster Nähe ermordeten, nachdem sie sie zuvor entführt und deren Kinder getötet hatten. Oder sie stellt sie tatsächlich als zu harmlos und nett dar. Das kommt auf die jeweilige Perspektive des Betrachters an.

Gabilondo entführt den Zuschauer in das Leben einer kleinen Gemeinschaft und zeigt, was es bedeutet, unter einer derartigen Bedrohung zu leben. Darüber hinaus dokumentiert er die Entwicklung einer lebenslangen Freundschaft zweier Familien, die sich letztendlich in tiefen Hass verwandelt. Du wirst Zeuge, wie eine politische Ideologie diese Menschen verändert und ihre Beziehung zueinander entmenschlicht.

In Patria ist kein Raum für oberflächliche Ideen oder Emotionen

Besonders herzzerreißend ist die Rolle von Miren, einer Mutter, die ihrem Sohn gegenüber scheinbar nur Ressentiments und kein bisschen Mitgefühl empfinden kann. Ihre Antithese ist ihre Tochter Arantxa (Loreto Mauleon), die mutig genug ist, das einzig wirklich Revolutionäre zu tun und die Menschlichkeit in anderen zu erkennen. Sie kämpft für das Gute in den Menschen, obwohl sie selbst so viel gelitten hat. Arantxa ist eine winzige Flamme der Hoffnung, die in der Dunkelheit von Patria flackert.

Abschließend lässt sich feststellen, dass sich die Serie weniger auf das konzentriert, woran wir glauben, sondern vielmehr darauf, wer wir sind. Letztendlich nur winzige Bausteine in der Geschichte, die durch einen Kontext bestimmt werden, der manchmal das Schlimmste hervorbringt.

Die Serie wirft auch verschiedene Fragen auf. Wie war es möglich, dass so viele Menschen den Terrorismus unterstützten oder akzeptierten? Wie kann eine Ideologie einen Menschen so sehr verblenden, dass er andere Menschen bedrohen, entführen oder ermorden kann? Warum kennen wir immer noch nicht die Identität der Mörder, die befreit wurden? Warum haben sich diejenigen, die solche Gräueltaten begangen haben, nicht für das entschuldigt, was sie getan haben?

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