Die tiefsten Wunden entstehen nicht durch scharfe Messer

· 12. Dezember 2016

Die tiefsten Wunden entstehen nicht durch scharfe Messer, sondern durch Worte, Lügen, Abwesenheit und ein hinterhältiges Verhalten.

Es sind Wunden, die wir nicht auf der Haut sehen können, aber die schmerzen und bluten, weil sie aus Tränen der Traurigkeit gemacht sind, aus diesen Tränen, die wir in bitterer Stille weinen.

Wer verletzt wurde, kommt eine Zeit lang von seinem Weg ab. Doch nach einer Weile beginnt die Zeit die Wunden zu heilen und genau dann wird diesem Menschen etwas bewusst.

Er bemerkt, dass er sich verändert hat, sich noch immer verletzlich fühlt und manchmal den schlimmsten Fehler überhaupt begeht: Er macht sich so unantastbar, um sich selbst zu schützen.

Doch Selbstschutz bringt Misstrauen, hin und wieder Wut und sogar Groll mit sich. Das ist ein Abwehrmechanismus, mit dem derjenige versucht, zu vermeiden, noch einmal so verletzt zu werden.

Aber niemand kann ewig mit dieser Abwehrhaltung leben. Wir können nicht zu Einsiedlerkrebsen werden und uns selbst die Chance auf das Glück nehmen.

Mit Leid umzugehen, raubt uns viel Kraft, aber es ist auch eine gewissenhafte Aufgabe, die, wie Jung einst sagte, von uns abverlange, dass wir uns mit unserem eigenen Schatten auseinandersetzen, um unser Selbstwertgefühl zu heilen.

Diese Verbindung wieder herzustellen, ist etwas, das niemand für uns tun kann.

Das müssen wir allein für uns selbst als eine Art Neuanfang tun.

Nur wem es gelingt, sich den Dämonen seiner traumatischen Erfahrungen mutig und voller Entschlossenheit zu stellen, der wird aus dieser Situation als neugeborener Mensch herausgehen.

Denn nach solch einer feindseligen Begegnung wird ein Mensch nicht mehr der gleiche sein.

Er wird stärker sein.

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Balsam für die verletzte Seele

Balsam für eine verletzte Seele ist das Gleichgewicht.

Es ist der Schritt hin zur Akzeptanz, um sich von all dem zu befreien, was so schwer auf einem lastet und so sehr schmerzt.

Es ist die Entscheidung, sich eine dickere und schönere Haut zuzulegen, die nicht mehr so verletzlich ist, damit unser erschöpftes Herz die Kälte übersteht.

Doch wir dürfen nicht vergessen, dass sich unter dieser Haut noch andere Wurzeln verbergen, die den Schmerz weiterhin stützen. Verzweigungen, die das Gefühl von Leid nur verstärken und die Wunde deshalb nicht heilen kann.

Unsere Verletzlichkeit zu hassen, ist beispielsweise eine dieser Wurzeln. Viele wollen nicht verletzlich sein und wollen gegen diese offensichtliche Schwäche ankämpfen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die es uns nun mal verbietet, verletzlich zu sein.

Ein Balsam für die verletzte Seele besteht dennoch darin, ihre zerbrechlichen Teile zu akzeptieren und sich vor Augen zu führen, dass man verletzt ist, es aber verdient, Frieden und Glück zu finden.

Am wichtigsten ist, dass wir uns selbst so sehr lieben, dass wir diese zerbrochenen Teile ohne Unwille akzeptieren und ohne unsere eigene Liebe und die anderer zu verweigern.

Eine andere Wurzel, die unserer verletzten Seele noch mehr schadet, ist der gemeine Groll.

Ob wir es glauben oder nicht, dieses Gefühl „vergiftet“ unser Gehirn für gewöhnlich so sehr, dass wir unsere Denkweisen ändern.

Wenn wir über längere Zeit Groll hegen, ändert das unsere Sichtweise auf das Leben und auf unsere Mitmenschen.

Niemand von uns kann in diesem Käfig in unserem Inneren Frieden finden, um unsere Wunden zu heilen.

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Diese tiefen und unsichtbaren Wunden werden für immer in unserem tiefsten Inneren hausen.

Aber wir haben zwei Möglichkeiten: Die erste besteht darin, für immer acht zu geben, nicht wieder verletzt zu werden.

Die zweite ist, unser Schutzschild abzulegen, um die eigene Verletzlichkeit zu akzeptieren und zu fühlen.

Nur so werden wir gestärkt hervorgehen, etwas lernen und diesen befreienden Schritt in Richtung Zukunft machen.

Wir alle sind mehr oder weniger verletzt worden, aber wir sind auch alle mutig

Wir alle tragen zerbrochene Teile unserer selbst in uns. Es sind diese verloren gegangenen Teile unseres Puzzles, die wir einfach nicht mehr finden können.

Eine dramatische Kindheit, eine schmerzliche Liebesbeziehung, der Verlust eines geliebten Menschen – Tag für Tag treffen wir auf unsere Mitmenschen, ohne dass wir diese unsichtbaren Wunden wahrnehmen.

Persönliche Kämpfe, die jeder einzelne von uns ausgetragen hat, bestimmen, wer wir heute sind. Wenn wir das voller Mut und Würde tun, werden wir stärker. Es macht aus uns noch wesentlich schönere Wesen.

Wir müssen dazu in der Lage sein, uns wieder zu finden.

Die zerbrochenen Teile unserer selbst haben nichts mehr mit dem inneren Skelett zu tun, das einmal unsere Identität stützte. Unser Mut und unsere Selbstwahrnehmung: Wir sind wie verwirrte Seelen, die sich im Spiegel nicht wieder erkennen oder sich selbst davon überzeugen, dass sie es nicht mehr verdienen, zu lieben oder erneut geliebt zu werden.

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Schritte, um unserer Wunden voller Mut selbst zu heilen

Auf Japanisch gibt es einen Ausruf, der lautet: „Arigato zaishö”, was auf Deutsch so viel heißt, wie „Danke Hoffnung“.

Doch eine ganze Zeit lang hatte dieser Ausspruch eine andere wirklich interessante Konnotation in Bezug auf das persönliche Wachstum: Er zeigt uns die subtile Fähigkeit auf, die der Mensch besitzt, um Leid, Hass und Groll in etwas anderes zu verwandeln.

  • Wir sollten die Augen in unserem Inneren öffnen, um uns selbst wieder neue Hoffnung zu geben. Denn uns auf das Leid zu konzentrieren, das diese Wunden verursacht, entfernt uns vollständig von der Möglichkeit, etwas daraus zu lernen.
  • Um das zu erreichen, müssen wir dazu fähig sein, zu vermeiden, dass sich unsere Gedanken immer wieder um ein und dasselbe schmerzliche Thema kreisen und wir unaufhörlich misstrauisch sind. Denn so wird die Wunde immer wieder aufreißen.
  • Der erste Schritt sollte es zweifellos sein, Gedanken, die sich ständig um Angst, Groll oder Schuldgefühle drehen, auszubremsen, sowie unseren Fokus auf die Zukunft zu lenken.
  • Wenn wir uns an diesem dunklen Ort wiederfinden, wo wir einzig und allein von Hass und Groll begleitet werden, können wir nicht in die Zukunft schauen. Wir müssen uns daran gewöhnen, Schritt für Schritt in Richtung Helligkeit, Klarheit, neuer Hoffnung und neuer Projekte zu gehen.

Es ist gut möglich, dass uns Menschen im Laufe unseres Lebens in eine Art Schleier des Schmerzes gehüllt haben, der von diesen unsichtbaren Wunden verursacht wird.

Dennoch solltest du dich daran erinnern, dass wir wie Samenkörner sind: Wir sind dazu in der Lage, sogar in den schlimmsten Situationen zu sprießen, um lauthals zu sagen „Arigato zaishö”.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Miho Hirano