Passive Gewalt: tiefe Wunden, die oberflächlich aussehen

· 25. Januar 2018

Passive Gewalt – das klingt beinahe paradox. Wenn wir an Gewalt denken, denken wir an Taten, Schläge, Worte, sodass „passive Gewalt“ zwei nicht miteinander zu vereinbarende Ideen zu umfassen scheint. Aber im alltäglichen Leben treffen wir Menschen, die es schaffen, dass wir uns angegriffen fühlen, ohne dass sie ihre Stimme erheben oder verletzende Worte benutzen. Das Opfer von passiver Gewalt fühlt eine vage Art von Schmerz, die schwer zu bestimmen ist. 

„Es gibt nur zwei Kräfte in der Welt, das Schwert und den Geist. Langfristig wird das Schwert immer durch den Geist besiegt werden.“

Napoleon Bonaparte

Passive Gewalt oder passiv-aggressive Einstellungen sind das Ergebnis der Unfähigkeit, Konflikte mit Autorität oder eine herausfordernde Situation mittels Finesse zu lösen. Daraus ergibt sich ein Gefühl der Hilflosigkeit oder Wehrlosigkeit, das sich in Resignation niederschlägt. Aber diese Resignation ist voller Wut und Frustration, die letztendlich auch zum Ausdruck kommen wird.

Passive Gewalt in alltäglichen Situationen

Passive Gewalt tritt häufig bei kleinen Kindern auf. Sie machen eine große Szene, und wenn man ihnen nicht nachgibt, dann werfen sie sich zu Boden, um sich selbst zu verletzen. Oder sie zerbrechen „unbeabsichtigt“ eine Vase.

Offensichtliche Beispiele für passive Gewalt geben auch Teenager. Ihr Vater oder ihre Mutter sagt ihnen, dass sie etwas Bestimmtes tun sollen, und sie antworten mit einem Satz wie: „Ja, sofort!“  Und dann machen sie es doch nicht.

Trauriger Teenager sitzt vor Computer

Schließlich treffen wir auch in der Welt der Erwachsenen auf passive Gewalt. Wenn wir zum Beispiel mit jemandem sprechen, und er tut so, als ob er uns nicht gehört hat. Oder wenn sie dir eine vernichtende Kritik geben, die als Ratschlag oder Vorschlag verschleiert ist. Oder wenn sie dich vor zweierlei Übel stellen und dich dann freundlich bitten, dich zu entscheiden. Und du kennst bestimmt noch mehr Beispiele!

Passive Gewalt und Autorität

Im Allgemeinen entsteht passive Gewalt in Situationen, die eine Machtdynamik beinhalten. Es ist genau diese Macht, die verhindert oder einschränkt, dass aggressive Gefühle ausgedrückt werden. Aus diesem Grund gehen Menschen dann zu einer vorgespielten Ehrerbietung über, die nichts weiter als passive Gewalt ist.

Trauriger Mann sitzt vor untergehender Sonne

Autoritätsfiguren wissen, dass diejenigen, die in der Hierarchie unter ihnen stehen, nicht die volle Freiheit haben, um auf ihr Verhalten zu reagieren. Zum Beispiel wenn dein Chef dich bittet, jeden Tag eine Stunde mehr zu arbeiten, um den anderen zu helfen. Oder wenn dein Partner dir sagt, dass er dir bei einer bestimmten Angelegenheit besser hilft, weil du es allein nicht schaffen würdest.

Passive Gewalt wird ausgeübt, wenn man Schuldgefühle hervorruft, indem man leugnet, den anderen erniedrigt oder ausnutzt, auch wenn es indirekt passiert. Manchmal ist es sehr schwer, diese Art von Gewalt zu erkennen, weil sie meist durch eine ruhige Redeweise und gute Manieren verdeckt wird. Sie wird nur selten bewusst eingesetzt.

Der Effekt von passiver Gewalt in sozialen Kreisen

Viele Verhaltensweisen von passiver Gewalt werden in unserer Gesellschaft weitergegeben und genährt. Zum Beispiel wenn du auf der Straße gehst und eine obdachlose Person dich um Geld bittet – vielleicht möchtest oder kannst du gerade nicht helfen. Und dann sagt die obdachlose Person: „Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“  In dieser Situation möchte er vielleicht wirklich, dass du einen schlechten Tag hast, weil du ihm eben nicht geholfen hast. Und das ist genau die Botschaft, die er dir zwischen den Zeilen mitteilt.

Explizit oder passiv gewalttätiges Verhalten ruft ähnlich geartete Antworten hervor. Der gestresste Chef zwingt nur ein paar seiner Angestellten, noch länger zu bleiben. Ein autoritärer Lehrer fördert unangebrachtes Verhalten, ob gewollt oder nicht. Die Mutter, die zu sehr kontrolliert, verursacht ihren Kindern Probleme. Ein Politiker, der Stimmen kauft, gibt Menschen einen Vorwand, ihre Steuern nicht zu zahlen.

Das Schlimmste an der passiven Gewalt ist, dass sie Verwirrung hervorruft, weil sie nicht explizit und offensichtlich ist. Wenn du deinen Teenager dafür bestrafen willst, dass er dir nicht gehorcht, dann sagt er: „Ich habe dir gesagt, dass ich es mache!“  Wenn du deinem Chef sagst, dass seine Beurteilung unfair sei, dann wird er dir wahrscheinlich einen Vortrag über Disziplin und Effizienz halten. Und dein Partner fühlt sich wahrscheinlich als Opfer oder ehrlich überrascht, wenn du ihm sagst, dass er dich behandelt, als ob du ein Dummerchen wärst.

Wir müssen lernen, diesen manipulativen Aktionen ein Ende zu setzen. Wir müssen mit Konflikten auf eine solche Weise umgehen, dass sie nicht diese Art von Gewalt hervorrufen oder nähren. Das bedeutet nicht, dass du alles, was dir in den Kopf kommt, sagen sollst, ohne es zu filtern. Es geht nur darum, dass wir unsere Fähigkeit der Kommunikation verbessern und ganz klar und ruhig mitteilen, was wir meinen.