Ob ein fehlendes Selbstwertgefühl nicht doch der Ursprung aller psychischen Störungen ist?

· 1. Juni 2017

Das Selbstwertgefühl ist der Teil unserer Selbstwahrnehmung, der unsere emotionale Hülle mehr oder weniger resistent macht. Uns bedingungslos zu lieben, ist zweifellos die Grundlage des psychischen Wohlergehens, denn in Wahrheit ist die Eigenliebe für unser Glück viel wichtiger als wir uns vorstellen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht schwierig erscheinen mag, sich selbst zu lieben.

Es ist unmöglich, glücklich zu sein, wenn man sich selbst nicht liebt. Sich zu lieben, akzeptieren, bestätigen und schätzen, komme was wolle, ganz gleich was irgendjemand sagt, ob wir nun einen Fehler gemacht haben oder nicht, ist der Grundstein, um ein Leben voller Zufriedenheit, Wohlbefinden und Erfüllung zu führen.

Die eigene Person bedingungslos anzuerkennen, ist eine überaus schwierige Aufgabe, so wie es auch schwierig ist, Menschen zu finden, die einen wahrhaft lieben, ganz ohne aufgesetzte Masken.

Es ist nicht genau bekannt, wieso sich der Mensch für gewöhnlich so wenig selbst liebt. Es scheint etwas mit dem Ego und dem Verlangen, sich von der Masse abzuheben, zu tun zu haben. Wenn jemand besonders oder besser als andere sein möchte, wird er letztendlich nur enttäuscht sein, denn irgendwann findet er heraus, dass auch er Schwächen und Grenzen hat und nicht so einzigartig ist, wie er vorhatte, zu sein. Das hat zur Folge, dass ein Schwarz-Weiß-Denken entsteht und in unserem Verstand arbeitet, was in unserem Inneren folgende Überzeugung auslöst: „Wenn ich nicht besser und anders bin, bin ich rein gar nichts wert.“

Um ein gesundes Selbstwertgefühl zu besitzen, ist es daher unbedingt zu vermeiden, uns einen ungewöhnlich hohen Wert zuzuschreiben. Stattdessen sollten wir uns einen einzigartigen Wert geben, so wie das für jeden Menschen gilt.

Das fehlende Selbstwertgefühl und der Zusammenhang zu psychischen Störungen

Wenn wir uns einige klassische psychische Störungen anschauen, fällt uns sofort auf, dass ihr Ursprung größtenteils in einer fehlenden Selbstliebe liegt. Dieses fehlende Selbstwertgefühl führt zu dysfunktionalen Überzeugungen, negativen Gefühlen und kontraproduktiven Verhaltensweisen, die den Betroffenen in einen Teufelskreis stürzen.

Um das besser verstehen zu können, analysieren wir im folgenden Verlauf ein paar Beispiele:

Angststörung

Ängstliche Menschen zeichnen sich durch eine intensive Angst vor der Zukunft aus. Ihre Gedanken sind stets vom Katastrophendenken beherrscht, da sie glauben, dass sie Fehler machen werden oder etwas Schreckliches passieren könnte. Es ist offensichtlich, dass sich hinter dieser Angst eine enorme Unsicherheit verbirgt. Betroffene vertrauen weder auf ihre eigenen Fähigkeiten noch glauben sie, sie seien dazu in der Lage, unvorteilhaften Situationen allein die Stirn bieten zu können. Bei fast allem brauchen sie daher die Hilfe anderer. Sie brauchen es, dass ihnen andere dabei helfen, ihre Probleme zu lösen, oder sie auf diesem Weg begleiten, damit sich ihre Angst reduziert. Sie sagen zu sich selbst: „Du bist nichts wert, du allein kannst und weißt nichts und deshalb brauchst du jemand Besseren, der das für dich tut.“ 

Zwangsstörung (auch OCD genannt)

Sie ist eine der Folgen des extremen Perfektionismus. Wenn jemand perfektionistisch ist, dann weil er denkt, dass von ihm erwartet wird, dass er alles fehlerfrei macht. Das ist, wie wir bereits zuvor gesagt haben, das Ergebnis des Wunsches, anders sein zu wollen. Betroffene zweifeln immer wieder, es fällt ihnen schwer, sich zu entscheiden, da es für sie sehr wichtig ist, dass sie diese Entscheidung auf den richtigen Weg führt. Wenn sie aber feststellen, dass diese herbeigesehnte Perfektion unmöglich zu erreichen ist, sind sie am Boden zerstört.

Anorexie und Bulimie

Bei diesen psychischen Störungen ist ein fehlendes Selbstwertgefühl besonders offensichtlich. Betroffene sind der Meinung, dass sie wesentlich mehr wert wären, wenn ihr Äußeres den von der Gesellschaft auferlegten unrealistischen Standards entsprechen würde. Aus diesem Grund machen sie ihren persönlichen Wert von ihrem Erscheinungsbild abhängig, welches ihnen nicht gefällt.

Solange ihr Aussehen für sie nicht angemessen ist, können sie sich nicht lieben. Diese Besessenheit ist so durchdringend, dass sie, so wie bei der Zwangsstörung auch, die Perfektion in einem erfundenen und unmöglichen Selbstbild suchen, was zur Folge hat, dass ihre Wahrnehmung ihres Körpers weiter verzerrt wird, was genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich wollen.

Emotionale Abhängigkeit

Wenn wir denken, dass andere mehr wert sind als wir selbst oder wir es nicht wert sind, geschätzt zu werden, kann das in einer emotionalen Abhängigkeit enden. Wir akzeptieren dann Verhaltensweisen des anderen, die wir normalerweise nicht tolerieren würden. Der Gedankengang bei einer emotionalen Abhängigkeit sieht wie folgt aus: „Da ich nichts wert bin und deine Liebe nicht verdiene, gebe ich mich mit den Krümelchen zufrieden, die du mir anbietest, und bin dem ausgeliefert, was du mit mir machen willst.“

Depression

Auch bei dieser Störung liegt es auf der Hand, dass die Eigenliebe fehlt. Depressive Menschen sehen sich selbst als „sehr klein“ an, als Personen ohne jeglichen Wert, und deshalb können sie ihre Ziele nur schwer erreichen. Sie sind der Meinung, dass ihnen nichts von dem gelingen wird, was sie in die Hand nehmen, und sie kommen sogar an einen Punkt, an dem sie keinen Sinn mehr im Leben sehen und sich fragen: „Wofür?“  Sie fühlen sich schuldig, miserabel, sehen sich als Opfer und überzeugen sich jeden Tag aufs Neue davon, dass sie nichts wert seien und sie deshalb niemand wertschätzen werde.

Wir könnten als Beispiele noch viele weitere psychische Störungen aufzählen, wie eine Störung der Impulskontrolle, Störungen, bei denen versucht wird, eine innere Leere zu füllen, Persönlichkeitsstörungen, usw. Der gemeinsame Nenner all dieser Störungen ist die fehlende Selbstliebe und wenn wir als Experten nicht ausreichend an der Selbstakzeptanz arbeiten, so ist eine Heilung praktisch unmöglich, denn wir würden nur an der Oberfläche kratzen.

Wenn wir es uns als Ziel setzen, uns selbst zu akzeptieren, dann befreit uns das: Niederschläge verlieren an Bedeutung, genauso wie Kritiken oder die Zurückweisung anderer. Perfektion wird nicht länger gesucht und wir erlauben uns selbst, gemäß unserer persönlichen Kriterien und unabhängig von anderen zu handeln.

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