Katastrophendenken oder die Angst vorm Leben

6. November 2016 en Psychologie 2 Geteilt

Menschen, die vom Katastrophendenken geplagt sind, neigen dazu, in jedem Ereignis schreckliche Konsequenzen zu sehen. Wenn ihnen der Bauch wehtut, haben sie Angst davor, zum Arzt zu gehen, weil sie annehmen, dass es sich beim Auslöser des Schmerzes um einen bösartigen Tumor handelt. Wenn sie aus Versehen etwas in Brand setzen, haben entsteht in ihrem Kopf sofort ein Bild von einer Verbrennung dritten Grades. Wenn sie in ein Flugzeug einsteigen, sehen sie sich selbst vor ihrem geistigen Auge, wie sie nach der Schwimmweste greifen.

Es liegt in unserer Natur, dass wir für gewöhnlich Neuem oder Unsicherem etwas ängstlich oder skeptisch gegenüberstehen. Doch für manche Menschen wird aus diesem Bisschen Angst ein grenzenloses Katastrophendenken, das sie regelrecht belagert und aus ihrem Leben die Hölle auf Erden werden lässt.

„Die Sonne scheint überall, aber manche sehen nur die von ihr erzeugten Schatten.“

Arthur Helps

Menschen, die von einem Katastrophendenken beherrscht werden, sind voller böser Vorahnungen. Der Ursprung ihrer Gedanken beruht im Allgemeinen auf der Annahme „Was wäre, wenn…“Aus diesem Grund drehen sich ihre Gedanken um Fragen wie: „Was, wenn ich mit dem Bus fahre und er einen Unfall hat?“ – „Und was, wenn ich meine Vorstellungen äußere und sich dann alle über mich lustig machen?“ – „Und wenn ich die Straße überquere und mir nicht auffällt, dass sich mir ein Auto unheimlich schnell nähert?“  Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um den schlimmsten Fall der Fälle, in jeder Situation.

Die Natur des Katastrophendenkens

Das Katastrophendenken ist kein unabhängiges Problem. Diese Denkweise steht im Zusammenhang mit viel weitreichenderen Angstzuständen und/oder Depressionen. Wer sehr viel Angst hat, zum Beispiel vor Herzrasen, glaubt, dass er einen Herzinfarkt bekommen wird. Wer unter einer Depression leidet, malt sich Szenarien aus, in denen er verlassen oder zurückgewiesen wird, unter einer Brücke lebt, auf der Straße um Almosen bettelt oder allein in einem karitativen Krankenhaus stirbt.

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Feststeht, dass wir alle manchmal solche Gedanken haben, doch es müssen die Alarmglocken läuten, sobald sie regelmäßig auftreten und sich hartnäckig halten. Natürlich können wir in einem Zoo gehen und von einem Bären angegriffen werden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das tatsächlich passiert, ist unheimlich gering. Wir können auch von einem Auto überfahren werden, doch es gibt viel mehr Menschen, die nicht in so einen Unfall verwickelt werden, als Personen, die das tatsächlich erleben.

Der Punkt ist doch, dass diese unglaublich geringe Wahrscheinlichkeit von jemandem, der solche Katastrophengedanken hat, überschätzt wird. Das kommt daher, weil die Denkweise aufgrund dessen gestört wird, dass Betroffene nicht die Objektivität der Wahrscheinlichkeit eines Geschehnisses, sondern nur die Subjektivität der Wiederholung der Gefahr im Verstand wahrnehmen. Anders gesagt, wird die Vorstellung dieser absurden Risiken so oft in Gedanken wiederholt, dass der Betroffene letztendlich das Gefühl bekommt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, sehr hoch ist. Diese Überschätzung der Wahrscheinlichkeit wird auch von anderen Faktoren als nur durch unsere Vorahnung beeinflusst, wie beispielsweise durch das Umfeld oder die Medien.

Im menschlichen Gehirn beeinflusst ein immer wieder auftauchender Gedanke sogar die Art, wie sich unsere Neuronen verbinden. Je öfter wir an etwas denken, desto tiefer dringt die entsprechende Vorstellung in unseren Geist ein. Genau das passiert auch beim Katastrophendenken: Da sich diese Gedanken so oft wiederholen, brennen sie sich in den Verstand ein. Und weil das so ist, wiederholen sie sich unaufhörlich, trotz der Tatsache, dass sie ein Beweis für die Selbsttäuschung sind.

Katastrophen und die Angst vorm Leben

Fast jeder Mensch erlebt mindestens einmal in seinem Leben eine Situation, die er als Katastrophe erachtet. Früher oder später werden wir mit dem Tod eines geliebten Menschen, mit einem einschneidenden Erlebnis aufgrund schwieriger Gesundheitszustände oder schlichtweg durch die Unsicherheit darüber, was nach einer drastischen Veränderung im Leben zu tun ist, konfrontiert. Wenn diese Situationen jedoch an der Tagesordnung wären, würden wir das nicht überstehen.

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Wer von Katastrophengedanken verfolgt wird, versteht nicht, dass all diese Situationen zu bewältigen und zu überstehen sind. Wovor sich Betroffene eigentlich fürchten, ist die Tatsache, in einer Situation hängen zu bleiben, in der sie extrem verletzlich sind: in einer Situation, in der sie nicht reagieren können, die sie wortwörtlich paralysiert und in der sie absolut machtlos sind. Das bedeutet aber, dass sie einen wichtigen Aspekt außer Acht lassen: Wir verfügen in jeder Situation, so schwierig sie auch sein mag, über Mittel, um uns selbst eine Antwort zu liefern.

Menschen, die von Katastrophengedanken verfolgt werden, haben so gut wie immer eine schwierige Kindheit gehabt. Sie haben von Kindesbeinen an gelernt, dass Angst etwas Feindseliges ist und dass Gefahren auf sie warten. Als sie noch klein waren, verstanden sie sehr wahrscheinlich noch nicht wirklich, worin Risiken bestanden, und das führte dazu, dass sie in ihrem Inneren einen Mechanismus erschaffen haben, der eine übertriebene Defensive erzeugt.

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Um diesen Gedanken den Garaus zu machen, ist es ratsam, in sich zu gehen, um sie zu bewerten und sie mit einem „Realitätsfilter“ zu bearbeiten. Außerdem hilft es uns, an mögliche Antworten zu denken, die diesen Gefahren trotzen, und dafür sollten wir bei vorbeugenden Maßnahmen anfangen.

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