Nimm dich vor den Besserwissern unter den Ratgebern in Acht

5. Juli 2017 en Psychologie 79 Geteilt

Ein Rat ist eine subjektive Meinung, die ein Gesprächspartner einem anderen mit der Absicht vermittelt, sein Verhalten auf eine bestimmte Weise zu lenken. Doch es gibt Menschen, die andere mit ihren Ratschlägen zuschütten, ohne dass diese darauf vorbereitet wären. Wir haben sie hier als die „Besserwisser unter den Ratgebern“ getauft und diese Art von Mensch findet sich für gewöhnlich in jeder Familie, in jedem Freundeskreis. Die Besserwisser unter den Ratgebern könnte man als eine weitere Personengruppe der toxischen Menschen definieren, die ihren Rat als gute Absicht tarnen, um dir einzuflößen, was du mit deinem Leben tun oder was du lassen sollst, und das immer auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrung.

„Beim Versuch, jemandem zu helfen, können wir ihm schaden, wenn wir ihn dazu verpflichten, etwas anzunehmen, worum er uns nicht gebeten hat. Wenn wir außerdem darauf bestehen, jemandem einen Ratschlag zu geben, um den er uns nicht gebeten hat, geben wir ihn in Wahrheit uns selbst.“

Alejandro Jodorowsky

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir eine Position einnehmen, die Autorität, Weisheit und sogar Ansehen ausstrahlt, wenn wir Ratschläge geben. Andererseits nehmen wir einen Rat normalerweise gern an, denn unabhängig davon, ob er treffend ist oder nicht, fassen wir ihn gewöhnlicherweise als ein Zeichen dafür auf, dass es Menschen gibt, die sich um uns sorgen. Da die Ratschläge anderer immer auf deren eigenen Erfahrungen beruhen, sind die Schlussfolgerungen, die sie mit uns teilen, aber nicht notwendigerweise auf unseren Fall übertragbar.

Uns missfällt ein Ratschlag gar grundsätzlich, wenn wir hinter ihm eine manipulative Strategie vermuten, einen Versuch, unser Verhalten zu lenken. Falls du demnach mit einer Person zu tun hast, die sich, ohne dass du sie um Meinung gebeten hast, in dein Leben einmischt, besserwisserisch argumentiert, ohne zu wissen, wovon sie redet, und dir dazu noch ihrer Meinung aufdrängt, dann steht vor dir einer dieser Besserwisser unter den Ratgebern und es wäre besser, von ihm Abstand zu nehmen.

Um einen gut gemeinten Rat zu geben, gilt es vor allem, zu beachten, dass dieser Ratschlag erwünscht ist, denn andernfalls laufen wir Gefahr, etwas zu tun, worum man uns nicht gebeten hat. Zweitens ist es wichtig, dass wir Experten auf dem Gebiet sind und so eine auf fundiertem Wissen und der Wahrheit basierende Empfehlung aussprechen können. Und zu guter Letzt können wir einen angemessenen Ratschlag nur geben, wenn wir empathisch mit dem Empfänger sind und versuchen, das Problem aus seiner Sicht und nicht aus unserer eigenen zu betrachten, die immer anders ist als die seine.

Die Charakterzüge eines Besserwissers unter den Ratgebern

Wie wir bereits erklärt haben, besitzt ein Besserwisser unter den Ratgebern eine Reihe von Charakterzügen, die uns dabei helfen, ihn leicht zu entlarven. Normalerweise sind diese Menschen älter als wir, glauben, wegen ihres Alters mehr Erfahrung zu haben – auch wenn dem nicht immer so ist – und weiser als wir zu sein.

Manchmal werden Familienmitglieder, die uns am nächsten stehen, und sogar unsere eigenen Eltern zu Besserwissern unter den Ratgebern, wenn wir selbst schon älter sind. Dann können sie uns negativ beeinflussen, auch wenn das nicht ihre Absicht ist.

Die folgenden psychologischen Merkmale charakterisieren diese Personen:

  • Sie geben allgemeine Ratschläge. „Die Zeit wird schon alles regeln“,  oder, „glaube an dich und du wirst es schaffen“,  sagen sie. Das sind allgemeine Ratschläge, die wir in Jugendmagazinen lesen und später geben wir sie jemand anderem, in der Hoffnung, dass sie ihm helfen werden. Doch es liegt auf der Hand, dass diese vorgefertigten Ratschläge niemals hilfreich sind, da die Person, an die wir sie richten, sie schon kennt, sie sogar schon anwendet, aber sie einfach nicht das sind, was sie in diesem Moment braucht.

Oftmals helfen wir nicht nur, sondern bewirken durch unsere Beratung auch, dass sich der andere schuldig fühlt, weil er eben „nicht an sich glaubt“ oder „nicht das Gute an der Sache sieht“.

  • Sie haben Ängste, mit denen sie nicht umgehen können und die sie auf dein Erlebnis projizieren. Die Besserwisser unter den Ratgebern sind für gewöhnlich Menschen, die von nicht aufgearbeiteten Problemen geplagt werden und Angst davor haben, den Umständen die Stirn zu bieten. Das führt dazu, dass sie anderen Ratschläge geben, um ihr eigenes Leben zu reparieren. Aber niemand kann einer anderen Person (oder sich selbst) helfen, wenn in seinem Verstand noch lauter Geister ihr Unwesen treiben. Ihre Ratschläge sind häufig ängstlicher Natur: „Mach das nicht!“, „Das ist gefährlich!“, „Und wenn es nicht gut ausgeht?“  sind Beispiele für Ratschläge, die, anstatt den anderen zu motivieren, die eigene Angst auf den anderen übertragen.
  • Sie praktizieren den „Ichichmus“. Ein Besserwisser unter den Ratgebern gibt immer Ratschläge, die auf ich, ich und nochmals ich beruhen. Anstatt seinem Gesprächspartner zuzuhören, was in jedem Fall angebracht ist, werden von diesem ausgesprochene Sätze seinerseits sofort auf die folgende Art und Weise beantwortet: „Also ich…“, „mir ist das auch schon passiert und ich…“,  etc. Das haben wir alle schon mehr oder weniger oft getan und haben auch andere schon dabei beobachtet. Wenn wir der Empfänger solcher Ich-Botschaften waren, hat das wahrscheinlich dazu geführt, dass wir uns nicht verstanden oder gehört fühlten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Erfahrung eines anderen Menschen wenig mit unserer eigenen zu tun hat, auch wenn es den Anschein hat.

Jeder von uns hat seinen eigenen Erfahrungsschatz und auf Grundlage dessen lösen wir unsere Probleme.

  • Sie geben Ratschläge, denen sie selbst nicht einmal trauen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Rat eines Besserwissers unter den Ratgebern noch nicht einmal von ihm selbst in die Praxis umgesetzt wird, weil er ihm nicht traut. Er kann sogar große Schwierigkeiten mit sich bringen. Vielleicht ist er angemessen, aber nicht für diesen Moment, in dem einem die Kraft dafür fehlt.
    Ratschläge müssen auf jeden Fall auf realistischen Zielen aufbauen und an die Person angepasst bleiben. Allgemeine Ratschläge, wie „Wenn du mit dem Rauchen aufhören willst, solltest du von heute auf morgen damit aufhören und Kaugummis gegen die Anspannung kauen“ setzen unrealistische Ziele, obwohl es doch – in Bezug auf die Nikotinentwöhnung – viele weitere Techniken des Abgewöhnens gibt. Ja, solche Ratschläge können demjenigen sogar schaden, der sie erhält, Druck auf ihn ausüben oder ihn mit Angst erfüllen und einen entgegengesetzten Effekt haben.
  • Sie denken, dass ihr Gesprächspartner nicht nicht so „überlebensfähig“ ist, wie sie es sind. Die Besserwisser unter den Ratgebern sehen sich selbst als „Lebensretter“ an und sind der Meinung, dass die anderen nicht so informiert wie sie und ihnen unterlegen sind und sie aus diesem Grund brauchen würden. Hinter dieser Einstellung verbirgt sich allerdings, dass sie sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, sich lieber mit anderen ablenken, um nicht die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen zu müssen.

In Wahrheit braucht niemand unsere Ratschläge. Unsere Mitmenschen wünschen sich aber oft, dass wir mit ihnen kooperieren, damit sie ihre Wünsche oder Ziele erreichen, was nicht das Gleiche ist. Bevor wir jemandem einen Rat geben, um den wir nicht gebeten wurden oder bezüglich dessen wir nicht über fundiertes Wissen verfügen, sollten wir immer an Folgendes denken:

Wer versucht, einem Schmetterling dabei zu helfen, aus seinem Kokon zu schlüpfen, bringt ihn um. Wer versucht, einer Knospe dabei zu helfen, ihrer Hülle zu entschlüpfen, zerstört sie. Bestimmten Dingen kann man keine Hilfe anbieten. Sie müssen von allein an die Oberfläche gelangen.

Die Wahrheit triumphiert von selbst, Lügen brauchen dabei Hilfe

Sicherlich haben wir alle schon Situationen erlebt, in
denen wir nicht wussten, wie wir sie durchstehen könnten… >>> Mehr

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