Neurobiologie des Psychopathen: wenn das Gehirn seine Menschlichkeit verliert

· 27. November 2018

Die Neurobiologie des Psychopathen sagt uns, dass das Gehirn dieser Menschen anders funktioniere. Abgesehen von ihrem Mangel an Empathie liegen singuläre Faktoren zugrunde, die einen charakteristischen zerebralen Abdruck bei jenen Individuen hinterlassen würden, die nach Ansicht von Experten eindeutig psychopathische Merkmale aufweisen.

Es ist möglich, dass uns, während wir das Wort Psychopathie hören, Namen wie Charles Manson oder Ted Bundy einfallen. Dieses psychologische Profil ist für viele Menschen ein Objekt der Faszination und deshalb wecken Filme und Fernsehserien, die sich um diese Art von Charakter drehen, tendenziell so viel Interesse. Das Böse, d. h. die dunkle Umkehrung unseres Ideals der Menschheit, fasziniert uns so sehr wie es uns Angst macht.

„Die Welt wird nicht von bösen Menschen bedroht, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Albert Einstein

Es gibt jedoch einen Aspekt, den wir manchmal vernachlässigen. Bücher wie The Psychopath Test  des Journalisten, Forschers und Experten Jon Ronson zeigen, dass fast 4 % der CEOs in großen Unternehmen psychopathische Eigenschaften haben. Damit meinen wir etwas ganz Einfaches: Die psychopathische Persönlichkeit manifestiert sich nicht ausschließlich in Serienmördern oder in denen, die andere dazu bewegen, derartige Straftaten zu begehen, wie Charles Manson es tat.

Dieses Profil prägt auch eine bestimmte Anzahl von Menschen, mit denen wir täglich interagieren. Außerdem, wie Jon Ronson erklärt, leben wir in einer Gesellschaft, die zuweilen darauf ausgerichtet ist, diese Art von Verhalten zu belohnen. Das heißt, in einer Gesellschaft derjenigen, die manipulieren, täuschen und an die Macht kommen, indem sie die Bedürfnisse und Rechte anderer verletzen.

Dieses Bedürfnis nach Dominanz und impliziter oder expliziter Aggression erscheint jedoch nicht zufällig. Sie hat biologische Grundlagen, die wir kennen sollten.

Mann mit Maske betrachtet anderen Mann

Neurobiologie des Psychopathen

Bevor wir uns eingehender mit der Neurobiologie des psychopathischen Verhaltens beschäftigen, wollen wir definieren, wie eine Person mit dieser Persönlichkeitsstörung ist und wie sie sich verhält. So können wir grob gesagt Folgendes festhalten: Ein Psychopath ist jemand, der nicht lieben kann oder nicht weiß, wie man liebt. Er hat diese Fähigkeit schlicht nicht. Er ist jemand, der sich nicht einfühlt, der geschickt im Manipulieren ist und ein ausgezeichneter Stratege im Lügen.

Psychopathen besitzen auch die Gabe der Überredung, haben in der Regel einen charakteristischen Charme und reagieren sehr konkret in Situationen von Angst oder Stress, und zwar mit Kälte. Heute haben wir ein valides Instrument, um diese Dimension zu messen: den Psychopathietest nach der Hare-Skala. Dieses Werkzeug ermöglicht uns, den Grad der Psychopathie in einer Person zu beurteilen, wobei 40 die höchste Punktzahl ist.

Der Neurobiologe mit dem Psychopathie-Gen

Wenn wir von der Neurobiologie des Psychopathen sprechen wollen kommen wir um einen Namen nicht umhin: James Fallon, ein Neurowissenschaftler an der University of California in Irvine (Kalifornien, USA), ist einer der führenden Experten für Psychopathie. Tatsächlich ist er ein Berater des Pentagons und eine Referenz in der Erforschung des kriminellen Geistes.

Das Merkwürdige ist, dass Fallon selbst „das Gen für Psychopathie“ trägt. Er und sein Team verbrachten mehrere Jahre damit, verschiedene diagnostische Tests an einer großen Anzahl von Häftlingen durchzuführen, während sie versuchten, jene Marker zu finden, die auf diese Art von Störung hinweisen. In einem Punkt waren die Ergebnisse ebenso beunruhigend wie aufschlussreich: Fallons Gehirn unterschied sich nicht allzu sehr von Insassen, bei denen eine psychopathische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde.

Tatsächlich war das kein Zufall. In Fallons Stammbaum können wir bis zu sieben Mörder identifizieren. Dazu gehört zum Beispiel Lizzie Borden, eine Frau, die als Axtkillerin bekannt ist, die ihre Eltern getötet und zerstückelt hat. Die Auswertung der Testergebnisse ergab also, dass das Gen für das Böse existiert, dass aber bestimmte Auslöser gegeben sein müssen, damit es zum Ausdruck kommt.

Schauen wir uns nun eine Reihe von Daten an, die es uns zweifellos ermöglichen werden, diese Idee zu verstehen.

James Fallon

Ein Gehirn mit weniger grauer Substanz

Eine interessante Studie, die 2012 am King’s College in London (England, Vereinigtes Königreich) durchgeführt wurde, bewies etwas, das Fallon bereits 2006 in seinen Untersuchungen an Häftlingen beobachtet hatte. Denn bei Menschen, bei denen Psychopathie diagnostiziert wird, ist die Dicke der grauen Substanz im rostralen präfrontalen Kortex und in den temporalen Gebieten geringer.

Was bedeutet das? Diese Anomalie, die zweifellos die charakteristischste der Neurobiologie des Psychopathen ist, offenbart den Mangel an Empathie und die Schwierigkeit, etwas so Wichtiges wie das Gefühl der Schuld anzunehmen.

Den Schmerz anderer genießen, aber nicht den eigenen

Wir haben im Laufe des Artikels darauf hingewiesen, dass die psychopathische Persönlichkeit in erster Linie durch einen Faktor gekennzeichnet ist, nämlich durch den Mangel an Empathie. Nun, in Bezug auf die Neurobiologie des Psychopathen muss jedoch festgehalten werden, dass Menschen mit diesem Profil sehr wohl Empathie empfinden, aber nur gegenüber der eigenen Person. Das ist etwas, was Experten in einer Studie der University of Cambridge (England, Vereinigtes Königreich) sehen konnten, die 2013 im Journal  Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht wurde.

Für diese Arbeit wurden 121 Magnetresonanztomografien an Häftlingen durchgeführt, bei denen diese Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde. Als ihnen Bilder präsentiert wurden, die Menschen mit Schmerzen zeigten, reagierte ihr Gehirn kaum. Das tat es erst in dem Moment, als der Experimentleiter sie bat, sich selbst in der gleichen Situation vorzustellen.

Andererseits zeigte sich, dass, wenn diese Menschen andere leiden und Schmerzen erleiden sahen, das Striatum vermehrt aktiv wurde. Dies ist ein sehr interessanter Teil des menschlichen Gehirns, da es mit der Verarbeitung von Belohnung, Motivation, Freude und Entscheidungen in Verbindung steht. So wurde diese ungewöhnliche Aktivität in diesem Bereich dahingehend interpretiert, dass Psychopathen es genießen, den Schmerz anderer zu beobachten.

Gibt es ein Gen für Bosheit?

Eher als ein Gen für „Bosheit“ existieren genetische Varianten, die eine erhöhte Gewaltbereitschaft definieren, wie Varianten der Gene CDH13 und MAOA. Neurowissenschaftler am Karolinska-Institut (Schweden) haben gezeigt, dass wir alle solche Varianten von unseren Eltern erben können. So trug auch Neurowissenschaftler Fallon einen solchen Marker. Über Risikoverhalten und Probleme mit der Impulskontrolle hinaus hat Fallon jedoch nie psychopathische Eigenschaften gezeigt. Vielleicht lag das an seiner Erziehung und Bildung. Er hatte immer eine liebevolle Familie und ein Umfeld, das wusste, wie man ihn auf die richtige Weise führt. Ihm fehlte es nie an Zuneigung, klaren Verhaltensrichtlinien und einem empathischen Umfeld. Es mangelte ihm an nichts und er durchlebte keine traumatische Kindheit.

Neuronen

Die Neurobiologie des Psychopathen beschreibt, dass dieser Zustand oft als Entwicklungsstörung auftritt. Manchmal triggert ein Mangel an Bindung, ein Trauma in früher Kindheit oder eine Situation von Stress und Qualen im Kind eine Reihe von biochemischen Prozessen, die eine progressive Veränderung des Gehirns und des Verhaltens bestimmen.

Umwelt, Erziehung und Bildung sind wesentliche Faktoren. Die Genetik beeinflusst uns zweifellos, aber sie bestimmt uns nicht zu 100 %. Es sei auch darauf hingewiesen, dass Gewalt und psychopathisches Verhalten generell abnehmen. Vor drei Jahrhunderten prägte gewalttätiges und aggressives Verhalten einen großen Teil unserer Gesellschaft. Heute sehen wir dieses Verhalten immer seltener, obwohl es sich dem Verschwinden widersetzt: Bis zu 1 % der  Bevölkerung zeigt noch immer dieses Merkmal, das der Psychopathie.