Neuroarchitektur: Die Wirkung der Umwelt auf das Gehirn

· 7. April 2019

Obwohl die Neuroarchitektur eine neue Disziplin zu sein scheint, steht sie bereits kurz davor, ihren 70. Geburtstag zu feiern. Und über die vergangenen Jahrzehnte hat sich ihr wichtigstes Ziel nicht verändert: Ihre Aufgabe ist es, Räume für Glück, Wohlbefinden, Produktivität und Lebensqualität zu schaffen. Gebäude, die dazu beitragen, Stress und Angst zu reduzieren.

Es ist eine Branche, in der Architekten und Neurowissenschaftler zusammenarbeiten. Ihr Ziel ist die Gestaltung von Räumen und Gebäuden, deren Schwerpunkt auf der Förderung der Hirnfunktion liegt. Die Lage der Fenster, die Winkel zwischen Wänden und Möbeln, die Farben, Texturen, die offenen Räume und die Geräusche sind nur einige der Komponenten auf denen diese „gemeinsame“ Wissenschaft basiert.

Was ist die Neuroarchitektur?

Aus dem Blickwinkel der Errichtung von Gebäuden betrachtet, die die Funktion des Gehirns beeinflussen, könnte man sagen, dass die Neuroarchitektur eine Disziplin sei, die sich bereits in gotischen Gebäude wiederfinden lasse. Allerdings wusste man damals noch kaum etwas über die Neuroplastizität des Gehirns, die bis heute die wichtigste Inspiration für Neuroarchitekten ist. Die Neuroarchitektur ist eine Disziplin, die daran interessiert ist, wie die Umwelt die Chemie des Gehirns und die damit verbundenen Emotionen, Gedanken und das Verhalten verändert.

Dr. Fred Gage, ein Neurowissenschaftler am Salk Institute (Kalifornien, USA), interessiert sich sehr für die Auswirkungen von Umwelteinflüssen auf das Gehirn. Sein Interesse gilt dem Verständnis, wie das Gehirn den ihn umgebenden Raum analysiert, interpretiert und rekonstruiert. So liefern Gage und andere Neurowissenschaftler für Architekten wertvolle Hinweise, wie sie die Räume in einem Gebäude für das Gehirn sinnvoll aufteilen können. Durch die Schaffung bestimmter Umgebungen werden Mechanismen im Hirn in Gang gesetzt, jene Hormone produziert, die für die Entwicklung bestimmter Emotionen und Empfindungen erforderlich sind.

„Veränderungen in der Umgebung wirken auf das Gehirn und somit auch auf unser Verhalten.“

Fred Gage

Modernes Gebäude

Der psychosoziale Einfluss der Architektur

Es wird geschätzt, dass wir Menschen mehr als 90 % unserer Zeit in Gebäuden verbringen. Da wir wissen, welche Macht die Umwelt auf unser Gehirn hat, liefern uns allein diese Daten schon viele Informationen. Sie geben uns eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie wichtig es ist, menschlichere und gesündere Gebäude zu schaffen, die zu unserem Wohlbefinden beitragen. Die Neuroarchitektur konzentriert sich sowohl auf ästhetische als auch auf symbolische Aspekte.

Die Neurowissenschaften können das Gehirn vermessen und so verstehen, welche Reize es stimulieren, welche es aktivieren und herunterregeln können. Das Ganze hat nichts mit einem Gebäude zu tun, dessen Architektur uns zur Ruhe verhelfen würde, oder mit einem anderen, welches Angst in uns auslösen könnte. In diesem Sinne behandelt die Neuroarchitektur Konzepte wie die Lichtmenge und -projektion oder die Höhe der Decken. Experten wissen, welche Parameter die Kreativität sowie die Produktivität der zukünftigen Nutzer beeinflussen können. Dabei wird auch berücksichtigt, welche architektonischen Elemente im Gehirn einen kollaborativen Effekt oder ein bestimmtes Bedürfnis erzeugen.

Die Elemente

Wir kennen bereits einige architektonische Elemente, die unseren Geisteszustand beeinflussen können. So wissen wir zum Beispiel, dass Entwürfe von Architekten, die markante oder spitze Winkel enthalten, das Auftreten von Stress begünstigen können. Rechteckige Räume wirken weniger geschlossen als quadratische Konstruktionen. Auch die Beleuchtung ist ein äußerst wichtiges Element. Ungünstige Lichtverhältnisse zwingen das Gehirn dazu, beim Bewältigen einer Aufgabe viel härter zu arbeiten, was natürlich einen nachteiligen Einfluss auf die Produktivität hat.

Hohe Decken sind für kreative und künstlerische Aktivitäten besonders gut geeignet. Ganz im Gegenteil begünstigen niedrige Dächer die Konzentration und die routinierte Arbeit. Auch Farben können die Stimmung und somit unsere Entscheidungen und Einstellungen bestimmen. Grüne Farbtöne beispielsweise reduzieren die Herzfrequenz und haben eine stresslindernde Wirkung. Rote Töne regen im Gegensatz dazu Kognitionsprozesse und Aufmerksamkeit an, welche dazu beitragen, dass wir Aufgaben, für die eine hohe Konzentration erforderlich ist, besser erledigen können.

Gebäude im Profil eines Kopfes

In Symbiose mit der Außenwelt

In den letzten Jahren hat die Neuroarchitektur die Bedeutung von Außenräumen und der Natur für das reibungslose Funktionieren des Gehirns erkannt. Der Kontakt zur Natur ist für uns ebenso wichtig, wie das Aufladen von elektronischen Geräten. Die Natur gibt dem Gehirn die Fähigkeit, sich zu entladen und neue Energien zu tanken.

Ein weiteres wichtiges Element beim Trennen der Verbindung zur Realität ist der auditorische Kortex. Dieser Bereich des Gehirns befasst sich mit der Interpretation von Schallschwingungen. Es ist bereits bekannt, dass eine Person, die diesen Bereich mit Musik, die ihr gefällt, aktiviert, zusätzliche Mengen an Dopamin erzeugt – ein Hormon, das unter anderem die Konzentration bei der Arbeit verbessern kann.