Alex Honnold – der Mann ohne Angst

· 23. Januar 2019

Für Neurowissenschaftler bleibt Alex Honnold ein Rätsel. Er ist die Ausnahme von der Regel. Die meisten Menschen haben Angst, zu fallen. Aus diesem Grund werden sogar Neugeborene unruhig, wenn sie das Gefühl haben, dass sie fallen.

Dabei handelt es sich um eine instinktive Angst. Sie ist in unseren Genen verankert. Ein Sturz gefährdet unsere physische Integrität und unser Leben. Daher greift die Biologie ein und setzt Angst als Warnzeichen für das Risiko ein, zu nah an den Abgrund zu treten.

Das Seltsame an Alex Honnold ist, dass er keine Angst vor dem Fallen hat. Honnold ist ein 32-jähriger Kletterer, der in den Vereinigten Staaten geboren wurde. Er wurde berühmt für seine Freikletter-Abenteuer, bei denen er auf Seile und andere Schutzausrüstung verzichtet. Meist klettert er allein. Diejenigen, die selbst klettern, wissen, dass sie alleine sehr verwundbar sind. Allein freiklettern ist fast selbstmörderisch!

Für Alex Honnold allerdings ist es die Normalität. Wenn er so klettert, fühlt er sich, als würde er Kaffee trinken. Er erlebt keinerlei Angst oder Nervosität. Dies veranlasste Neurologen dazu, sein Gehirn zu untersuchen.

„Fürchte dich nicht vor dem Gefängnis, vor Armut oder vor dem Tod. Fürchte die Furcht selbst. “

Giacomo Leopardi

Das ist Alex Honnold

Für Alex Honnold ist jeder Aufstieg eine Herausforderung, ein Frage von Leben oder Tod. Er mag vertikale Oberflächen. Er trägt zwar sportliche Kleidung, klettert allerdings nur mit einem Beutel Kalk um die Taille, um die Feuchtigkeit seiner Hände zu reduzieren und besseren Grip zu haben.

Alex Honnold klettert einen Überhang.

Er hält bereits viele Weltrekorde. Seine Paradedisziplin ist das freie Soloklettern. Er ist nicht der Einzige auf der Welt, der auf diese Weise klettert, aber er ist der Einzige, der es in so großen Höhen und mit so hohem Schwierigkeitsgrad tut.

Honnold scheint ein normaler Typ zu sein. Seine Haltung zeigt, dass er sich nicht anders oder besonders fühlt. Er lacht viel und ist sehr friedlich. Er weiß, dass seine Aktivitäten gefährlich sind. Viele seiner Freunde sind bei dem Versuch gestorben, so zu klettern, wie er es weiterhin tut. Auf die Frage hin, ob er Angst erlebe, sagt er, dass er die Idee des Todes besser akzeptiert als andere.

Seine Mutter sagt, dass er ein schwieriges Kind gewesen sei, aber er bestreitet dies. Er hat schon früh begonnen, seine Umgebung zu erklimmen. Als er 10 Jahre alt war, fing er an, an einer Kletterwand zu üben. Dann begann er mit Erkundungen auf Kletterausflügen. Im Alter von 19 Jahren ließ er alles andere sein und kletterte ab da an in Vollzeit. Er lebt in seinem Van und sagt von sich selbst, er sei ein Minimalist.

Alex Honnolds Gehirn

Die Erfolge dieses jungen Mannes beim Klettern fielen einer Gruppe von Forschern auf, die sich entschlossen, sein Gehirn zu untersuchen. Alles begann, als die Neurologin Jane E. Joseph hörte, wie Alex Honnold über Angst sprach. Aufgrund der von ihm beschriebenen Gefühle und der Art und Weise, wie er über seine Abenteuer sprach, dachte sie, dass mit seinem Gehirn etwas nicht stimme. Sie glaubte, in seiner Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, würde ein Problem vorliegen.

An der School of Medicine der University of South Carolina (South Carolina, USA) wurde Alex Honnolds Gehirn schließlich gescannt. Das Erste, was die Forscher überprüften, war, ob der junge Mann eine Amygdala hatte, und wenn ja, ob diese unverletzt war.

Als nächstes zeigten sie ihm eine Serie von höchst schockierenden Bildern und bewerteten seine Reaktion. Sie erkannten, dass die Amygdala von Alex Honnold nicht aktiviert wurde. Sie reagierte überhaupt nicht. Es war, als ob diese gefährlichen Situationen keinen emotionalen Einfluss auf ihn hätten.

Die Amygdala, symbolisch durch einen roten Luftballon dargestellt

Eine interessante Übersicht

Die Forscher konnten nachweisen, dass Alex Honnold keine Angst fühlen kann. Diese Schlussfolgerungen allerdings ließen sie eine interessante Hypothese aufstellen: Nach ihren Bewertungen ist es wahrscheinlich, dass sich das Gehirn von Alex so sehr an seine Art des Kletterns angepasst habe, dass es an diese Reize gewöhnt sei. Was für die meisten Menschen ein Risiko darstelle, sei für ihn völlig normal.

Diese Schlussfolgerung eröffnete neue Möglichkeiten im Bezug auf Angst. Es entstand eine neue Theorie, nach der die Gewöhnung an den Auslöser ein Weg zur Beseitigung der Angst sei. Eine allmähliche und systematische Exposition gegenüber gefährlichen Reizen könne solche Situationen für Betroffene erträglich machen. Wenn dies tatsächlich der Fall wäre, könnten alternative Therapien zur Behandlung von Angst entwickelt werden und vielen Menschen Erleichterung verschaffen.