Narzisstischer Missbrauch in einer Beziehung

Ein Gastbeitrag von Sven Grüttefien. "Der narzisstische Mensch befasst sich nur mit sich selbst, prahlt unentwegt mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten, stellt seine Wünsche und Vorstellungen über die aller anderen und interessiert sich nicht für seine Mitmenschen."
Narzisstischer Missbrauch in einer Beziehung

Geschrieben von Sven Grüttefien

Letzte Aktualisierung: 10. November 2022

Eine Beziehung mit einem narzisstischen Menschen gestaltet sich äußerst schwierig, weil er nicht in der Lage ist, sich auf seinen Partner rücksichtsvoll einzustellen und dessen Wünsche und Bedürfnisse angemessen zu berücksichtigen. Narzissmus steht für die auffällige Selbstverliebtheit eines Menschen und die damit einhergehende übertriebene Selbstbezogenheit. Der narzisstische Mensch befasst sich nur mit sich selbst, prahlt unentwegt mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten, stellt seine Wünsche und Vorstellungen über die aller anderen und interessiert sich nicht für seine Mitmenschen.

Der Narzisst hält sich für etwas ganz Besonderes, glaubt, wichtiger als alle anderen zu sein, besitzt eine völlig überzogene Anspruchshaltung und erwartet eine Vorzugsbehandlung, wo immer er in Erscheinung tritt. Er ist besessen von einem Gefühl der Einmaligkeit, der Überlegenheit und Größe, weshalb er davon ausgeht, immer die einzig wahre Meinung zu vertreten, die besten Ideen zu haben sowie die größten Leistungen und Erfolge zu erzielen. Er glaubt, in jeder Hinsicht besser als seine Mitmenschen zu sein.

Daher stellt ein Narzisst in einer Beziehung seine Bedürfnisse und Interessen über die seines Partners und merkt nicht, wie er mit seiner Egomanie das Miteinander belastet. Immer muss sich alles um ihn drehen – um seine Wünsche, Themen, Aufgaben und Sorgen. Äußert der Partner seinerseits Wünsche und Bedürfnisse, geht der Narzisst meist gar nicht erst darauf ein oder wertet diese ab, um sie aus der Welt zu schaffen. In der Beziehung darf nur das beachtet und umgesetzt werden, was dem Narzissten gefällt. Ob dies auch dem Partner gefällt, spielt für den Narzissten kaum eine Rolle.

Narzisstischer Mann, der auf sich selbst zeigt

Alles muss sich um den Narzissten drehen

Wird der Narzisst von seinem Partner auf sein egoistisches Verhalten angesprochen, reagiert er äußerst empfindlich. Erfährt er Kritik – oder auch nur gutgemeinte Hinweise auf sein überzogenes Verhalten –, fühlt er sich sofort in seinem grandiosen Selbstbild angegriffen und geht energisch zur Verteidigung über. Meist wird dann der Partner, der es gewagt hat, ihm zu widersprechen oder seine Unfehlbarkeit anzuzweifeln, verbal und emotional in Grund und Boden gestampft. Der Partner fühlt sich dann gedemütigt und zutiefst in seiner Würde verletzt, hat er doch lediglich seine Meinung oder seinen Eindruck freundlich und sachlich vorgetragen.

Die grenzenlose Selbstverliebtheit des Narzissten, seine unerträgliche Egozentrik, seine enorme Empfindlichkeit bei gleichzeitiger völliger Empathielosigkeit, sein ständiges Verlangen nach Perfektion: All das macht es dem Partner in der Beziehung nicht leicht, den Ansprüchen des Narzissten jemals zu genügen, geschweige denn, seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse in die Beziehung einzubringen. Der Narzisst beansprucht den gesamten Raum in der Beziehung für sich allein – für den anderen ist darin kein Platz vorgesehen, ihn gibt es quasi gar nicht. Er dient nur als Erfüllungsgehilfe und muss sich um die Wünsche und Bedürfnisse des Narzissten kümmern. Er hat sich dessen Meinung und Vorstellungen klaglos anzuschließen und darf sich nur so verhalten, wie es dem Narzissten passt.

Autonome Bestrebungen des Partners sind nicht erwünscht und werden sofort mit Kritik, Abwertungen und Beleidigungen, häufig auch mit Drohungen und Bestrafungen unterdrückt. Der Narzisst vereinnahmt seinen Partner, greift permanent dessen Selbstwertgefühl an und destabilisiert seine Selbstsicherheit, damit dieser aus einer defensiven und eingeschüchterten Position heraus nicht gegen seinen Willen zu opponieren wagt. Er will die Vormachtstellung in der Beziehung und muss daher seinen Partner kleinmachen, kontrollieren und dessen Entfaltung einschränken.

Die Beziehung wird für den Partner zu einer Belastung

Hierzu setzt der Narzisst perfide Manipulationstechniken ein wie z. B. Gaslighting, Victim Blaming, Silent Treatment oder Ghosting, um die Wahrnehmung und die Selbstachtung des Partners ständig zu unterlaufen. Der Partner weiß nie, wie er es dem Narzissten recht machen kann, weil dieser entweder mit nichts einverstanden ist oder so hohe Maßstäbe setzt, dass der Partner diese schlichtweg nicht erfüllen kann. Er fühlt sich klein, hilflos und schuldig, weil er seinen narzisstischen Partner nicht zufriedenstellen kann und dieser offenbar unter seiner Unfähigkeit leidet.

Dabei möchte er doch seinem narzisstischen Partner alles recht machen, weil er ihn zum einen liebt, zum anderen aber auch, damit er endlich Ruhe bekommt und über die Zufriedenheit des Narzissten seine Selbstsicherheit zurückgewinnt. Ein Narzisst ist aber nie zufriedenzustellen: Er verlangt immer noch mehr, alles muss immer noch schöner und besser sein. Daher läuft der Partner in der gesamten Beziehung einem nie zu erreichenden Ziel hinterher. Dies ist ganz im Sinne des Narzissten: Er will, dass sich sein Partner für ihn plackt, um darin zum einen seine Macht zu erkennen, die er über den Partner hat, und um zum anderen ein Gefühl von Einmaligkeit zu erleben angesichts der Tatsache, dass er stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Bemühens seines Partners steht.

Für Außenstehende stellt sich oft die Frage, warum sich Partner dieses niederträchtige Verhalten gefallen lassen und sich vollständig für den Narzissten aufgeben. Sie lassen dabei außer Acht – oder wissen es nicht –, dass der Narzisst seinen Partner am Anfang der Beziehung in eine emotionale Abhängigkeit getrieben hat. Anfänglich idealisiert der Narzisst seinen Partner, trägt ihn auf Händen, erfüllt ihm all seine Wünsche und bestätigt ihm pausenlos, wie wunderbar er ihn findet. Er gibt seinem Partner alles, was dieser hören will und braucht. Dies tut er aber nicht, weil ihm seine Partner so viel bedeutet und er ihn so sehr liebt, sondern damit dieser von ihm abhängig wird.

Manipulationstechniken narzisstischer Menschen

Der Partner gerät in eine emotionale Abhängigkeit

Irgendwann hört der Narzisst nämlich damit auf, sich um die Bedürfnisse des Partners zu kümmern, und verteilt seine Zuneigung und Aufmerksamkeiten nur noch spärlich. Hat sich der Partner zuvor an die bevorzugte Behandlung und Hofierung des Narzissten gewöhnt, so muss er sich nun zukünftig dessen freundliche Zuwendung erst verdienen – und zwar, indem er dem Narzissten dient, diesem alles recht zu machen versucht und nicht herummurrt. Der Preis dafür, wieder mit den angenehmen Seiten des Narzissten in Kontakt zu kommen, ist die völlige Selbstaufgabe.

Die emotionale Abhängigkeit, in die der Partner geraten ist, macht es nicht gerade leicht, sich einfach wieder aus dieser toxischen Beziehung zu befreien. Der Partner ist nun auf die Wertschätzung und die Zufriedenheit des Narzissten angewiesen, um sich wohlfühlen und seinen Selbstwert regulieren zu können. Er braucht den Zuspruch des Narzissten, um seine emotionale Stabilität wiederzuerlangen, und ist daher bereit, alles für den Narzissten zu tun und so sein eigenes Bedürfnis nach Harmonie und Liebe zu befriedigen. Er kann nicht anders. Gleichzeitig tut der Narzisst aber alles dafür, dass sich sein Partner schuldig fühlt und ihm so weiterhin zur Verfügung steht.

Das Selbstwertgefühl betroffener Partner wird im Laufe der Beziehung immer weiter geschwächt. Irgendwann wissen sie nicht mehr, wer sie sind, was sie fühlen, was sie wollen und was sie noch denken sollen. Sie sind völlig verunsichert und wurden von dem Narzissten in vollkommene Verwirrung gestürzt. Die Folge ist, dass sie sich nur noch an der Meinung und den Vorstellungen des Narzissten orientieren und sich immer mehr von sich selbst entfernen. An diesem Punkt spüren sie zwar ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit, wissen aber nicht, wie sie sich aus dieser Lage befreien können und brauchen dringend Hilfe von außen, um zu verstehen, in welchem Dilemma sie sich verstrickt haben. Die Aufklärung über narzisstischen Missbrauch verschafft dann eine erste Erleichterung, weil Betroffene erkennen, dass sie nicht allein die Schuld an dem Konflikt in der Beziehung tragen, sondern dass ihr narzisstischer Partner ein gestörtes Potenzial in sich trägt.

Narzisstischer Missbrauch zersört die Beziehung

Typische Kennzeichen, die deutlich machen, dass man narzisstischem Missbrauch ausgeliefert ist, sind:

  • Betroffene Partner fixieren sich zu stark und meist einseitig auf die Bedürfnisse und die Meinung des Narzissten.
  • Sie verlieren sich selbst völlig aus den Augen, alles dreht sich nur noch um den Narzissten.
  • Sie sind emotional abhängig und können sich nur sicher und wohl fühlen, wenn der Narzisst mit ihrem Verhalten einverstanden ist. Sie hungern nach der Anerkennung des Narzissten.
  • Sie unterliegen ständig der Kritik und Entwertung des Narzissten und fühlen sich neben ihm klein und unbedeutend. Dabei können sie vor der Beziehung durchaus ein gesundes Selbstwertgefühl besessen haben.
  • Sie werden ständig von Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und diffusen Ängsten gequält.
  • Sie haben ständig Angst vor dem nächsten psychischen Angriff des Narzissten und verhalten sich aus diesem Grund äußerst vorsichtig und zurückhaltend.
  • Sie wurden von dem Narzissten von ihrem sozialen Umfeld isoliert und haben niemanden mehr, mit dem sie sich austauschen können. Der Narzisst erlaubt ihnen den Umgang mit anderen nicht oder redet es ihnen aus.
  • Betroffene können sich nur noch an den Narzissten wenden und fühlen sich daher oft einsam und verlassen, weil sich der Narzisst nicht wirklich auf sie einlässt und sich nicht mit ihren Sorgen einfühlsam auseinandersetzt.
  • Partner beginnen häufig mit fortschreitender Dauer der Beziehung, mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen, weil ihre Nerven überstrapaziert sind und ihnen der Narzisst nicht genügend Erholungsphasen gönnt.

Betroffene merken zwar irgendwann, dass sie in der Beziehung kein Mitspracherecht haben und sich der Narzisst auf ihre Kosten ein schönes und erfülltes Leben machen möchte, sie können sich aber aus dem destruktiven Einfluss nicht befreien. Oft sind sie schon so geschwächt, dass sie nicht mehr ausrichten können, als einfach nur weiter zu funktionieren – bis dann entweder der totale Zusammenbruch folgt oder der Narzisst sich trennt, weil der Partner nicht mehr so funktioniert, wie er es sich vorstellt. Der Partner wird dann für den Narzissten nutzlos und dieser zieht wie eine Heuschrecke zum nächsten Opfer weiter, ohne sich auch nur für einen Moment für das Leid und den Schaden, den er seinem Partner zugefügt hat, verantwortlich zu fühlen.

Weitere Informationen zum Narzissmus und zum narzisstischen Missbrauch:  https://umgang-mit-narzissten.de/

Weiterführende Ratgeber zum Thema Narzissmus:

Wie erkenne ich einen Narzissten?

Beschreibung von über 100 verschiedenen Eigenschaften und vielen Kennzeichen, um Narzissten besser verstehen und schneller erkennen zu können

Wie lebe ich mit einem Narzissten?

Beschreibung der psychodynamischen Prozesse in einer On-Off-Beziehung mit einem Narzissten und Hilfestellungen, wie sich Betroffene aus dem Kreislauf ständiger Trennungen und Versöhnungen befreien können

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