Mythos oder Wahrheit: Fördert Marihuana die Kreativität?

Viele glauben, dass Marihuana die Kreativität fördert. Wir schauen uns heute an, was die Wissenschaft dazu sagt.
Mythos oder Wahrheit: Fördert Marihuana die Kreativität?
Sergio De Dios González

Geprüft und freigegeben von dem Psychologen Sergio De Dios González.

Geschrieben von Edith Sánchez

Letzte Aktualisierung: 11. März 2024

Viele glauben, dass Marihuana die Kreativität fördert. Doch ist das tatsächlich der Fall? Dieser Mythos entstand vermutlich, da viele Künstler zu dieser Droge greifen. Charles Baudelaire erwähnt in seinen Essays Wein und Haschisch¹: “Beim Haschisch ist Vernunft nur noch ein Wrack im Spiel der Wellen, und der Gedankenfluss verläuft unerhört schneller und rhapsodischer.” Auch Persönlichkeiten wie John Lennon, Bob Marley oder Carl Sagan bekannten sich zu ihrem Marihuana-Konsum.

Eine aktuelle Studie, die im Journal of Applied Psychology veröffentlicht wurde, weist jedoch darauf hin, dass es sich nur um einen Mythos handelt: Cannabis kann die Kreativität sogar dämpfen.

Mythos oder Wahrheit: Fördert Marihuana die Kreativität?
“Cannabis macht dich wahrscheinlich nicht mehr oder weniger kreativ.” Christopher Barnes

Marihuana und Kreativität: Was sagt die Forschung?

Die zitierte Studie unter der Leitung des Psychologen Christopher Barnes, der an der Universität von Washington forscht, sollte herausfinden, ob Marihuana tatsächlich die Kreativität fördert. 191 Freiwillige, die gelegentlich Cannabis konsumieren, nahmen an der Studie teil.

Alle absolvierten zwischen 15 Minuten und 12 Stunden nach dem Konsum der Droge einen Kreativitätstest. Parallel wurden insgesamt 191 Freiwillige in zwei Gruppen aufgeteilt: Die erste führte 15 Minuten nach dem Konsum von Cannabis einen Kreativitätstest durch, die zweite erst 12 Stunden nach der Einnahme der Droge.

Zusätzlich zu den Kreativitätstests wurden die Teilnehmer gebeten, zu verschiedenen Zeiten ein Brainstorming durchzuführen. Am Ende bewertete eine Jury die Tests und die Ideen, die dabei herauskamen. Keiner von ihnen wusste, welchen Freiwilligen sie beurteilten. Damit sollte jede Voreingenommenheit vermieden werden.

Die Ergebnisse der Forschung

Die Ergebnisse zeigten, dass es keinen Unterschied zwischen den Teilnehmern gab, die den Test unter dem Einfluss von Cannabis absolvierten, und denen, die diese Droge nicht eingenommen hatten. Das Wissenschaftlerteam kam deshalb zu dem Schluss, dass Marihuana keinen Einfluss auf die Kreativität hat.

Allerdings stellten die Forscher fest, dass Menschen unter Drogeneinfluss dazu neigen, ihre eigenen Ideen und die anderer Teilnehmer zu überschätzen. Mit anderen Worten: Sie hatten das Gefühl, dass sie und andere kreativer waren, auch wenn dies nicht der Fall war. Das erklärt, warum viele ihre kreativen Fähigkeiten auf den Konsum von Cannabis zurückführen.

Wissenschaftler glauben, dass die positive Stimmung, die diese Droge bei den meisten Menschen hervorruft, auf jeden Fall ein wichtiger Ausgangspunkt für mehr Kreativität ist. In diesem Fall ist es nicht der Konsum selbst, der die Kreativität fördert, sondern die positive Bereitschaft, etwas zu schaffen.

fördert Marihuana die Kreativität?
Marihuana macht nicht kreativer, sondern führt dazu, dass die Konsumenten ihre Ideen überschätzen und sich für kreativ halten, auch wenn sie es nicht sind.

Weitere Studien

Die Ergebnisse von Christopher Barnes stimmen mit anderen Studien überein, die den Zusammenhang zwischen Cannabis und Kreativität untersucht haben, wenn auch mit einigen Nuancen. Forschungen aus dem Jahr 2012 ergaben, dass der Cannabiskonsum das divergente Denken, das zum kreativen Denken gehört, leicht anregt. Dieser Effekt wurde jedoch nur bei Menschen beobachtet, die normalerweise Schwierigkeiten haben, innovativ zu sein, und der Effekt war auch nicht sehr signifikant.

Eine andere Studie testete die Wirkung von Cannabis in drei Gruppen: Eine Gruppe erhielt TCH (Tetrahydrocannabinol – der psychoaktive Wirkstoff der Hanfpflanze), eine andere eine geringe Menge und eine ein Placebo. Keiner der Teilnehmer wusste, zu welcher Gruppe er gehörte.

Anschließend wurde eine Reihe von Tests durchgeführt, um die Kreativität zu messen. Die Ergebnisse zeigten, dass diejenigen, die geringe Mengen TCH oder ein Placebo erhielten, kreativer waren als diejenigen, die hohe Mengen TCH bekamen. In letzterem Fall kam es sogar zu einer deutlichen Verringerung der kreativen Fähigkeiten. Bisher gibt es also keine Beweise dafür, dass Marihuana die Kreativität fördert, im Gegenteil, diese Droge könnte sich sogar negativ auswirken.

Literaturempfehlung

  1. Wein und Haschisch, Charles Baudelaire, Manesse 2017

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  • Heng, Y. T., Barnes, C. M., & Yam, K. C. (2022). Cannabis use does not increase actual creativity but biases evaluations of creativity. Journal of Applied Psychology. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/apl0000599.
  • Schafer, G., Feilding, A., Morgan, C. J., Agathangelou, M., Freeman, T. P., & Curran, H. V. (2012). Investigating the interaction between schizotypy, divergent thinking and cannabis use. Consciousness and cognition, 21(1), 292-298.
  • Kowal, M. A., Hazekamp, A., Colzato, L. S., van Steenbergen, H., van der Wee, N. J., Durieux, J., … & Hommel, B. (2015). Cannabis and creativity: highly potent cannabis impairs divergent thinking in regular cannabis users. Psychopharmacology, 232(6), 1123-1134.

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