Mutige Menschen sind die, die Angst am besten kennen

26. August 2018 en Emotionen 0 Geteilt
Das Gesicht einer mutigen Frau.

Berlin erholt sich immer noch von dem Terroranschlag, der im Dezember 2016 in der Hauptstadt des Landes verübt wurde. Jeder Berliner, ja jeder Deutsche, ungeachtet seiner politischen Einstellung, fühlte wohl mit den Betroffenen und Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags. Die Menschen spürten die Verzweiflung der Angehörigen, aber sie spürten auch Angst.

Nach den Anschlägen gab es viele Berichte und Menschen teilten viele unterschiedliche Botschaften in den sozialen Netzwerken. Eine dieser Botschaften hat ganz besonders meine Aufmerksamkeit erregt. Es war noch nicht mal eine besondere Botschaft, sie wurde nur sehr oft wiederholt. Aber vielleicht ist sie aus diesem Grund auch so interessant? Die Botschaft lautete: „Wir haben keine Angst.“ Aber entspricht das auch der Realität? Hat keiner der Einwohner oder der vielen Touristen in Berlin Angst verspürt? Was ist mit den anderen Menschen auf der Welt, die Terroranschläge erleben mussten? Haben die etwa auch keine Angst?

Eine Zeichnung einer Frau, die nachdenklich wirkt und ein Herz auf dem Ärmel ihres Kleides hat.

Ja, ich habe Angst

Dieses Motto steht unbeabsichtigt dafür, was wir noch nicht über Emotionen gelernt haben. Emotionale Intelligenz ist Mode, überall wird von ihr gesprochen und sie findet sich in Artikelüberschriften. Aber wir sind noch weit davon entfernt, emotionale Intelligenz in unseren Gesprächen zu nutzen. Denn am Ende verraten unsere Worte, wie wir wirklich denken und fühlen.

Lasst mich also über die Angst schreiben, denn meine Oma und ich haben sie. Meine Oma ist ängstlich, wenn sie sagt, ich solle keinen Fuß mehr in den Stadtteil setzen, in dem der Anschlag passiert sei. Ich fürchte mich. Umsicht, Vorsicht, Angst und Sorge, dass es wieder passieren könnte. Furcht auch vor dem Unvorhergesehenen, vor dem scheinbar Unvermeidbaren, vor dem Zufälligen. Wie schnell kann ich die schlimmen Bilder und die Sirenen vergessen oder die Bilder der Flüchtenden, die nur einen Ausweg aus der Falle suchten, die noch wenige Momente zuvor ein besinnlicher Ort war?

Lasst uns darüber reden, wie wir unsere Angst ignorieren wollen, weil sie unsere Verletzlichkeit zeigt. Wenn wir die innere Stimme der Angst hören, fühlen wir Panik in uns aufsteigen. Wir fühlen uns verletzlich. Also verstecken wir unsere Furcht lieber und bestreiten sogar, dass wir sie haben. Aber ist es wirklich eine gute Idee, unsere Ängste zu leugnen?

Was passiert, wenn wir unsere Angst leugnen?

Was sind die Konsequenzen, wenn man eine Emotion leugnet? Zunächst wird die Energie dieser Emotion kanalisiert und lädt damit andere Emotionen, wie Wut oder Irritation, auf. Je mehr wir das tun, desto eher tendieren wir dazu, die Kontrolle über diese Gefühle zu verlieren. Das führt oft zu einer sinnlosen und unbegründeten Aggression gegenüber den vermeintlichen Sündenböcken. Aber was hilft es uns, Leute oder ganze Gruppen von Leuten zu verdammen, die unschuldig sind? 

Wir denken auch, dass wir unseren Mut verstecken, wenn wir unsere Angst ignorieren. Diesen Mut, den wir gern vor anderen Leuten zeigen wollen. Furcht aber erlaubt es uns, die Stärke und den gesellschaftlichen Verdienst von Bürgern zu erkennen, die auf die Straße gehen, um gegen Terrorismus und Fehlverhalten zu protestieren. Angst erlaubt uns auch, diejenigen zu verstehen, die an diesen Taten nicht teilgenommen haben.

Zwei Pfeile, die in unterschiedliche Richtungen zeigen

Unsere Angst, zu erkennen, hilft unserer Selbsterkenntnis

Uns Angst eingestehen hilft uns auch, uns selbst zu verstehen, die Ursachen unserer Furcht zu identifizieren. Indem wir unsere Furcht verleugnen, verpassen wir diese Chance und riskieren, dass wir uns von unseren Emotionen distanzieren.

Die Sorge, dass ein erneuter Terroranschlag verübt werden könnte, ist sehr hartnäckig und passt sich schnell unserer Lebenssituation an. Furcht sagt uns: „Sei vorsichtig! Etwas wird passieren, besser, du bist sind darauf vorbereitet.“ Wenn wir unsere Angst ernst nehmen, kann uns das jedoch helfen, uns mit anderen Menschen zu verbinden. Wir können Kontakt zu Gleichgesinnten herstellen und somit verhindern, dass wir uns allein gelassen fühlen. Vielleicht sollten wir gerade nicht denen folgen, die leugnen, wie sie sich fühlen.

Ich erzähle meiner Großmutter, dass ich ihre Furcht verstehe und dass ich auch Angst habe. Ich sage ihr, dass sie sich keine Sorgen machen solle, dass ich vorsichtig sein werde … und meine Oma beruhigt sich, weil sie weiß, dass ich genauso fühle wie sie. Angst ist eine Emotion, die uns beiden die Möglichkeit gibt, mutig zu sein.

Auch interessant