Die Mütter von Soacha – ein Beispiel für Mut

· 8. Juli 2018

Soacha ist eine Gemeinde in der Nähe von Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Dieser Ort war der Schauplatz viele Arten von Grausamkeiten, bei denen es uns schwerfällt, die Motive nachzuvollziehen, wegen der sie begangen wurden. Eines dieser Ereignisse waren die sogenannten „Falsch Positiven“. Dieses Verbrechen bestand darin, dass militärische Kräfte Zivilisten töteten, um sie als Kriminelle hinzustellen und ihren Nutzen daraus zu ziehen.

Es gibt neun bestätigte Fälle von Falsch Positiven in Soacha. Und obwohl die Anzahl der Opfer in ganz Kolumbien wohl höher als 3.000 ist, haben diese Verbrechen in Soacha eine besonders deutliche Wirkung gehabt. In dieser Stadt gründeten die Mütter der Opfer eine Organisation und begannen einen Kampf gegen die Urheber, der bis heute andauert. Sie lehnen sich dabei an die Organisation „Die Mütter der Plaza de Mayo“ in Argentinien an.

„Lass dir von niemandem sagen, was du tun oder nicht tun oder nicht erreichen kannst. Erlaube. Es. Nicht.“

Emma Watson

Diese Frauen wurden von der Presse als „Die Mütter von Soacha“ getauft. Sie werden auch „Die Mütter des Oktobers“ genannt, weil sie in diesem Monat die Gründung der Gruppe feierten und ihre ersten Schritte unternahmen. Ihr Kampf wurde zu einem Kreuzzug gegen Denunziation in der ganzen Welt. Ihre Arbeit wurde mit mehreren internationalen Preisen ausgezeichnet.

Einer der schockierenden Fälle von Soacha

Einer der typischsten Fälle der Falsch Positiven in Soacha ist der von Fair Leonardo Porras. Er war ein 25-jähriger Mann mit einer deutlichen kognitiven Behinderung. Fair lebte in einem bescheidenen Haus, wie die meisten Einwohner von Soacha. Er ging einfachen Tätigkeiten nach, hauptsächlich im Baugewerbe. Außerdem wurde er als fürsorglicher Mensch respektiert, der jedem im Tausch gegen ein paar Münzen half.

Fair, der Sohn einer der Mütter von Soacha

Eines Tages kam er nicht nach Hause. Seine Familie begann eine hektische Suche in Krankenhäusern, Hospizen, Gefängnissen und Leichenhallen. Sie konnten ihn jedoch nicht finden. Monate später tauchte seine Leiche in Ocaña auf, in einer Gemeinde, die mehr als 600 Kilometer von Soacha entfernt liegt. Man sagte den Angehörigen, er wäre im Kampf gestorben, dass er heimlich der Kopf einer bewaffneten Guerillagruppe gewesen wäre.

Als seine Verwandten seine Leiche nach Hause überführten, stellten sie große Unstimmigkeiten zu der Geschichte fest, die ihnen erzählt wurde. Der zugehörige Bericht informierte, dass Fair mit einer Waffe in der rechten Hand gefunden worden wäre. Aber der junge Mann konnte diese Hand gar nicht bewegen und es gab sogar ärztliche Atteste, die das belegten. Es war zudem nicht nachvollziehbar, dass jemand mit einer derartigen geistigen Behinderung der Anführer einer bewaffneten Gruppe gewesen wäre.

Die Mütter, die zu Heldinnen wurden

Es war Luz Marina Bernal, die Mutter von Fair Leonardo, die sich entschlossen für die Aufklärung der Tat einsetzte. Der damalige Präsident von Kolumbien, Álvaro Uribe, deutete an, dass der junge Mann und die anderen acht jungen Männer von Soacha, die unter ähnlichen Umständen gefunden wurden, alle Kriminelle gewesen wären. Deshalb haben sich die Mütter von Soacha das Ziel gesetzt, den guten Ruf ihrer toten Kinder wiederherzustellen.

Dank der Hilfe der Rechtsanwälte von Soacha und der Staatsanwälte ist es diesen Frauen gelungen, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Luz fand dort heraus, dass ihr Sohn für weniger als 100 Dollar an Mitglieder der kolumbianischen Armee „verkauft“ worden war. Sie täuschten ihn und ließen ihn reisen. Später ermordeten sie ihn, während er ihnen den Rücken zukehrte, und nannten den seinen einen „Tod im Kampf“.

Mütter von Soacha

Mit großem Mut stellten sich Luz und die anderen Mütter von Soacha mehreren Morddrohungen. Sie wurden aufgefordert, auf ihre Klagen zu verzichten und ihre Forderung nach Gerechtigkeit einzustellen. Nach mehr als fünf Jahren wurde der Mord an Fair Leonardo Porras zum „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ erklärt. Die Täter wurden zu mehr als 50 Jahren Haft verurteilt. Die Drahtzieher hinter dem Verbrechen sind aber nach wie vor unbekannt.

Die Mütter von Soacha drückten ihre Tragödie in einem Theaterstück und in verschiedenen künstlerischen Formen aus. Sie werden „Die Antigonen“ genannt und sind zu einem Beispiel für Mut und Widerstand geworden. Genau wie ihre Kolleginnen in Argentinien haben sie beschlossen, angesichts der Willkür nicht zu schweigen. Sie haben bewiesen, dass ihre Stärke auch in den schwierigsten und grausamsten Szenarien den Weg zum Erfolg ebnen kann.