Moralisieren ist auch eine Form der Gewalt

6. April 2019

Moralisieren ist eine Form von psychischer Gewalt, die normalerweise unbemerkt bleibt. Seinen Mitmenschen Werte oder Prinzipien aufzuerlegen, wird in vielen Fällen gar als heroisch betrachtet. Aus diesem Grund werden manchmal aggressive und diskriminierende Einstellungen verteidigt oder bewundert.

Menschen, die auf Moralisieren zurückgreifen, rechtfertigen sich damit, dass sie dies zum Wohle ihrer Mitmenschen täten. Sie möchten, dass sich ihr Umfeld an bestimmte Werte anpasst, obwohl sie fragwürdige Mittel einsetzen, um dies zu erreichen. Wenn der Einzelne trotz massiver Drohungen des Moralpredigers nicht handelt, wird er kritisiert, verurteilt oder respektlos behandelt.

Im Allgemeinen beginnt der Zyklus des Moralisierens mit dem Paternalismus. Der Moralprediger gibt ungefragt Ratschläge, nach denen niemand verlangt hat. Seine Umgebung behandelt der Moralprediger so, als ob allein sein Urteil Respekt verdiente und wertvoll wäre. Der beunruhigendste Aspekt dabei ist, dass diese Person gerade kein gutes Beispiel für moralisch richtiges Verhalten abgibt. Stattdessen neigt der Moralprediger dazu, seine Meinung als wertvoller einzuschätzen als die seines Umfelds.

„Wer seine Moral bloß wie sein bestes Gewand trägt, der ginge besser nackt.“

Khalil GibranMroalisieren - das Gegenüber wird respektlos behandelt

Moralisieren und Unterwerfung

Das Hauptmerkmal des Moralisierens besteht darin, anderen Menschen Verhaltensrichtlinien aufzuerlegen. Das Schlüsselwort in der von uns beschriebenen Dynamik ist genau das: Imponieren. Der Moralisierende möchte, dass seine „wertvolle“ Meinung von anderen übernommen werde, weil er der Ansicht ist, dass sie die einzige Meinung wäre, der die Menschen folgen sollten.

Diejenigen, die moralisieren, denken, dass sie moralisch überlegen wären, entweder weil sie Vater oder Mutter, Chef, Psychologe oder Priester sind oder einfach über bessere Sprachkenntnisse verfügen als ihre Mitmenschen. Manchmal sind diese Moralprediger wirklich davon überzeugt, dass sie das Verhalten von Menschen beeinflussen könnten. Aber das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Authentisch-moralische Prinzipien müssen sowohl auf Nachdenken als auch auf eigener Überzeugung basieren. Sie werden nicht aus Angst, Druck oder Zwang in die Praxis umgesetzt. Es ist wahr, dass Kinder während ihrer Erziehung die Anleitung ihrer Eltern brauchen, um ein vollständiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Es gibt jedoch einen großen Unterschied zwischen Erziehung und Moralisieren. Erstere zielt darauf ab, Bewusstsein zu schaffen, während letzteres kontrollieren will.

Frau, die ihr Gesicht verdeckt

Moralisieren und Gewalt

Moralisieren führt zu psychischer Gewalt. Zuallererst, weil der Moralprediger davon ausgeht, dass die andere Person moralisch minderwertig wäre. Diese Meinung ist trügerisch. Wer kann am Ende wirklich sagen, wer wem moralisch überlegen ist? Gibt es volle Gewissheit, dass eine Person ethisch korrekter handelt als eine andere? Sind die Motivationen und Absichten, die ihr Verhalten bestimmen, gut genug? Und wer entscheidet das überhaupt?

Es gibt viele Fälle von religiösen Führern, Politikern, Eltern und Lehrern, die nicht das tun, was sie selbst predigen. Selbst wenn diese Figuren es doch tun und selbst strikt nach ihren moralischen Prinzipien leben, wäre der erste Beweis für moralische Aufklärung ihre Fähigkeit, die Individualität und Integrität anderer zu respektieren.

Auf der anderen Seite sollten wir beachten, dass dieses Verhalten nicht nur durch Sprache zum Ausdruck kommt. Normalerweise wird Moralisieren von Gesten der Billigung oder Ablehnung oder der Kennzeichnung von richtig und falsch begleitet. Und das ist gleichbedeutend mit einer Form der Manipulation, die anderen Menschen schadet.

Weitere Merkmale

Moralisieren geht einher mit kontrollwütigem und respektlosem Verhalten. So fühlen sich Moralprediger normalerweise berechtigt, ihre Mitmenschen zu befragen oder auszufragen. Sie neigen dazu, Fragen zu stellen wie „Wohin gehst du?“, „Was wirst du tun?“, „Warum hast du das getan?“  oder auch  „Was versteckst du vor mir?“.

Vielleicht sprechen sie auch mit einem fordernden Ton. Sie wollen Chefs sein, weil sie ihre vermeintliche Überlegenheit darin bestätigt sehen und darauf weiter aufbauen können. Sie haben außerdem das Gefühl, dass sie das Recht hätten, die Handlungen anderer Personen zu interpretieren. Daher neigen sie dazu, Dinge zu sagen wie: „Das hast du doch nur getan, weil du dir Dieses und Jenes davon erhofft hast.“

Die verletzendsten Dinge, die Moralprediger tun, sind Spott und Hohn auf andere auszuschütten. Außerdem stimmt es auch, dass sie ihre Mitmenschen beschimpfen, wenn diese sich nicht so verhalten, wie sie es gern hätten. Ihr Ziel ist es, Menschen dazu zu bringen, sich zu schämen und schuldig zu fühlen, nicht weil sie sich notwendigerweise um die moralischen Werte anderer sorgen, sondern weil sie wollen, dass ihre Meinung zum Gesetz wird.