Moderne Macht will dich ängstigen, aber nicht unterdrücken

· 21. Juni 2017

Angst ist eine völlig natürliche Emotion, die das eigene Überleben sicherstellt. Aber auf die Spitze getrieben, hat sie die Macht, deine Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen zu konditionieren. Machthaber wussten zu allen Zeiten, dass Angst eine wirksame Waffe ist, dass man sie dazu benutzen kann, um andere zu kontrollieren und sie so zu beeinflussen, dass sie genauso denken, fühlen und handeln, wie es von ihnen gewünscht ist. Machthaber haben immer schon gern diese Waffe gezogen, um die unter ihrer Befehlsgewalt stehenden Menschen zu unterdrücken.

In der untersten Schublade befindet sich zum Zwecke der Angsterzeugung die körperliche Bestrafung. Sie bedroht die Integrität oder das Leben derer, die ihr ausgeliefert sind. Körperliche Gewalt, Entbehrungen und Schmerzen sind die bewährten Werkzeuge, die im Laufe der Menschheitsgeschichte benutzt wurden, um Ungehorsame zu bestrafen, Feinde zu unterwerfen oder eine latente Bedrohung für diejenigen aufrechtzuerhalten, die fügsam sind.

“Macht scheint den Charakter zu verderben und absolute Macht führt zur absoluten Korrumpierung.”

Es handelt sich aber um zwei völlig verschiedene Dinge, wenn man von der Unterwerfung feudaler Knechte im Mittelalter spricht oder von der Kontrolle über die Massen im Hier und Jetzt.

Viele Leute können heute einer körperlicher Bestrafung entgehen. Es wäre nämlich unmöglich, jede Tat, die gegen einen Machthaber gerichtet ist, aufzudecken. Oder diejenigen nachhaltig zu bestrafen, die eine solche Tat angestrengt haben. Deshalb greift moderne Macht zu sehr viel ausgefeilteren Methoden. Es geht nicht mehr darum, jene zu unterdrücken, die die Regeln brechen. Es geht vielmehr um die Einführung von Mechanismen, die den Gehorsam der Mehrheit gewährleisten.

Macht und Angst in den heutigen Zeiten

Wenn es eine Emotion gibt, die moderne Menschen massiv ergriffen hat, ist es die Furcht. Dabei handelt es sich um eine verschwommene, diffuse Furcht, die sich daraus speist, dass wir unzählige latente Bedrohungen ausmachen. Obwohl es an genauen Daten zu dieser drohenden Gefahr fehlt. Die realen Risiken sind nur schwer abzuschätzen. Deswegen kann die Furcht leicht einen Fuß in die Tür bekommen und in unser emotionales Leben eindringen, ohne dass es uns auffällt. Ein genaueres Wort für diese Art von Furcht ist Angstzustand.

Was in Wirklichkeit aufgebaut wird, ist eine Angst vor dem Leben. Ohne dass wir es wollen, stellen wir uns dieser Furcht, indem wir gehorsam sind. Wir halten uns halb bewusst, halb unbewusst an die Befehle, die uns erteilt werden. Wir versuchen, ein Teil der Herde zu werden. Wenn wir rebellieren, passiert das auf eine unterwürfige Art und Weise. Wir können uns zwar in einem Fußballturnier gegenseitig ausstechen, aber wenige Menschen verfügen über die nötige innere Freiheit, alles stehen und liegen zu lassen und für das zu kämpfen, was sie sich fortwährend erträumt haben.

Viele Menschen sind sogar dazu in der Lage, auf ihre Rechte zu verzichten, wenn sie dafür einen vermeintlich höheren Grad an Sicherheit erhalten. Politiker wissen das. Darum benutzen sie Drohungen als rechtfertigende Ausrede dafür, Menschen in ihren Rechten und Freiheiten einzuschränken: Die Leistungen der Krankenkassen müssen beschränkt werden, damit ein finanzieller Zusammenbruch vermieden werden kann. Wenn die Steuern erhöht werden müssen, geht es dabei um die Sicherung deiner Rente. Die Politiker erlauben der Polizei, dein Zuhause ohne Haftbefehl zu betreten. Man muss ja gegen die Bedrohung durch den Terrorismus ankämpfen. Man sagt, dass die Politik heutzutage nicht das Blaue vom Himmel verspricht, sondern den Bürger vor Albträumen schützt.

Die Bedrohungsfabrik

In der modernen Welt ist sicherlich nicht alles eitel Sonnenschein voll Harmonie und Brüderlichkeit. Aber die Welt ist auch nicht der schmutzige Sündenpfuhl, wie das die Nachrichten und Medien jeden Tag aufs Neue verkünden. Die Medien haben sich darauf spezialisiert, Verbrechen, Gewalt und Korruption zum Mittelpunkt unserer Wirklichkeit zu machen. Natürlich gibt es das alles. Es ist allerdings genauso wahr, dass gute und ehrliche Leute, die nur in Frieden leben wollen,  jeden Tag Millionen an guten Taten leisten.

Machthaber brauchen verängstigte Bürger, weil verängstigte Bürger verletzbar sind. Und verletzbare Menschen fühlen eher, anstatt zu denken. Und wenn sie ihre Gefühle nicht kritisch hinterfragen, werden sie von der Furcht erfasst, die sie in sich tragen. Dann geben sich die Menschen mit untragbaren Zuständen zufrieden. Ihr Leben ist dann auf folgenden Dinge begründet: Man führt inhaltsfreie Gespräche über das Smartphone, betet muskelbepackte Körper an und macht fünf Master-Abschlüsse, um die eigene Kompetenz zu beweisen. Oder man sucht wie besessen den Seelenpartner, der einen vor allem retten wird. Oder, im Bezug auf die Politik, sucht man Schutz bei radikalen Gruppen – Schutz vor den Bedrohungen, die diese selbst prophezeit haben.

Es gibt Leute, die Furcht und Angst geschickt schüren. Es gibt keinen Angestellten, der nicht Angst vor einer Kündigung hätte. In den meisten Unternehmen hängt das Damoklesschwert des Mitarbeiterabbaus über der gesamten Belegschaft. Wenige Mütter ziehen ihre Kinder mit einem Gefühl des inneren Friedens auf. Es gibt ja Pädophile, ADHS und tausend andere Dinge, um die man sich Sorgen machen kann. Wir müssen alle mit diesem ungewissen Gefühl leben, wann wohl der nächste geistesgestörte Machthaber einen Krieg vom Zaun brechen wird. Oder wann wohl die nächste verantwortungslose Person daherkommt, die die Spielregeln ändern und uns vom Spielbrett fegen wird?

Warum bestraft man durch Anwendung körperlicher Gewalt? Warum unterdrückt man Menschen? Es ist doch völlig ausreichend, dass man die Gesellschaft in einen permanenten Angstzustand versetzt. Deswegen gibt es auch die Bedrohungsfabrik. Sie lehrt einem jeden, dass er unmöglich die Kontrolle über sein eigenes Leben übernehmen kann. Dass da draußen Bedrohungen lauern, auf die man aus der eigenen, begrenzten Position nicht angemessen reagieren kann. Und dadurch rechtfertigt man dann die Tatsache, dass viele hundert widerwärtige Geschöpfe an den Schalthebeln der Macht sitzen.