Mitgefühl mit sich selbst - warum es so wichtig ist

Mitgefühl mit sich selbst ist alles andere als Schwäche. Im Gegenteil, Selbstmitgefühl stärkt. Wenn du lernst, dich selbst sanft und einfühlsam zu behandeln, wenn du dir selber vergibst, wenn das erforderlich ist, und wenn du lernst, liebevoll mit dir selbst zu sprechen, wirst du in der Lage sein, besser mit den Schwierigkeiten und Komplexitäten des Lebens umzugehen.
Mitgefühl mit sich selbst - warum es so wichtig ist

Letzte Aktualisierung: 17. Juni 2021

Mitgefühl mit sich selbst zu haben ist kein Egoismus. Jeder Mensch hat das Recht, Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl zu praktizieren. Auf diese Weise ergibt sich die Möglichkeit, vergangene und gegenwärtige Fehler zu vergeben, in schwierigen Momenten Ermutigung zu erhalten und sich selbst respektvoll zu behandeln. Da dieses Wissen aber praktisch nirgendwo gelehrt wird, ist es wichtig, dass du weißt, wie du diese Haltung kultivieren kannst.

Im Dekameron sagte Boccaccio, dass es nichts gibt, was Menschen menschlicher macht, als Mitgefühl für ihre Mitmenschen zu empfinden. Irgendwie wurde uns sowohl kulturell als auch gesellschaftlich die Vorstellung eingetrichtert, dass diese Dimension immer von innen nach außen gerichtet ist. Natürlich ist es gut, wenn du mit den Menschen Mitgefühl empfindest, die leiden, denn dies ist grundsätzlich eine edle Haltung. Allerdings gibt es noch ein ebenso wichtiges Detail, das viele Menschen allzu oft ignorieren.

Mitgefühl darf sich nicht nur auf andere beziehen, sondern unbedingt auch auf dich selber. Denn Mitgefühl mit sich selbst zu haben ist gesund, kathartisch und ausgesprochen wichtig. Manche Menschen bezeichnen dies sogar als eine Art “gesunden Narzissmus”. Wie auch immer man Mitgefühl mit sich selbst benennt, dieser psychologische Aspekt geht weit über Eigenliebe hinaus. Er verleiht Halt, Schwung und Bedeutung. In unserem heutigen Artikel wollen wir uns mit diesem Thema etwas eingehender befassen.

Mitgefühl mit sich selbst haben, ist der Schlüssel zum psychischen Wohlbefinden

Es ist eine Sache, sich selbst zu lieben und eine andere, sich selbst so gut und richtig zu lieben, wie man es wirklich verdient. Aber nicht jede Form der Selbstliebe ist gesund. Es gibt viele überhöhte Egos und Selbstkonzepte, die in einem schädlichen Narzissmus gipfeln. Jene ungesunde Selbstverliebtheit, bei der niemand sonst auf der Welt existiert oder wichtig ist. Aber es gibt auch sehr viele Menschen, die sich selbst im Alltag ohne die Zuneigung und den Respekt behandeln, die eigentlich angemessen und wichtig wäre.

Wenn ein Mensch mit einem angeschlagenen Selbstwertgefühl durch die Welt geht, besteht ein erhöhtes Risiko für Depressionen und andere psychische Probleme. Und auch jene Menschen, die negative, anklagende und schädigende Selbstgespräche nicht kontrollieren können, sind sehr anfällig für verschiedene psychische Leiden. Niedriges Selbstwertgefühl und ein negativer innerer Dialoge führt häufig dazu, dass diese Menschen ihre Chancen nicht wahrnehmen, unglückliche Beziehungen eingehen und daran festhalten und nur selten persönliche Erfüllung erreichen.

Mitgefühl mit sich selbst - traurige Frau umarmt sich

Mitgefühl mit sich selbst zu haben ist kein Akt der Schwäche. Manchmal fällt es schwer, diesem Gefühl nachzugeben, weil viele Menschen Mitgefühl mit Mitleid assoziieren, also mit einem Gefühl, das oft leer und passiv ist und zwischen Traurigkeit und Zärtlichkeit gegenüber etwas oder jemandem schwankt.

Das ist sehr traurig, denn tatsächlich haben die meisten Menschen diese Dimension so weit verzerrt, dass sie sich unwohl fühlen, wenn sie dies selber erleben. Daher ist es notwendig, dieses Gefühl und dessen Bedeutung neu zu definieren, um ihm die Bedeutung zu verleihen, die es verdient.

Warum es so wichtig ist, Mitgefühl mit sich selbst zu haben

Kristin Neff definierte den Begriff Selbstmitgefühl und beschrieb dessen Bedeutung und Nützlichkeit für das psychische Wohlbefinden. Laut ihrer Forschungsarbeit entspricht dieses Konstrukt der Praxis der Achtsamkeit. Darüber hinaus stützen auch verschiedene wissenschaftliche Studien die Vorteile dieser Praxis für die psychische Gesundheit.

Mitgefühl mit sich selbst zu haben bedeutet vor allem, die Unvollkommenheit des Menschen zu akzeptieren. Es bedeutet zu verstehen, dass Menschen fehlbar sind und Fehler machen. Außerdem geht es darum, zu lernen, mit Wohlwollen und Einfühlsamkeit darauf zu reagieren. Es gibt viele Gründe, warum du dies anstreben solltest:

  • Die Duke University (USA) hat in einer Studie etwas Interessantes festgestellt. Menschen, die in ihrem täglichen Leben Selbstmitgefühl praktizieren, verfügen über eine ausgeprägte emotionale Intelligenz und sind mit ihrem Leben insgesamt zufriedener.
  • Darüber hinaus hat sich ebenfalls gezeigt, dass Selbstmitgefühl mit einer geringeren Inzidenz von Depressionen und Angstzuständen korreliert. Dies ist eine relevante Tatsache, über die es sich lohnt, intensiver nachzudenken.
  • Die Menschen, die in schwierigen Momenten respektvoll und liebevoll mit sich selbst umgehen können, pflegen einen wertfreien inneren Dialog mit sich selbst, der keine Kritik übt und es ihnen ermöglicht, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind.
  • Gleichermaßen interessant ist die Feststellung, dass sich Menschen, die Selbstmitgefühl praktizieren, normalerweise keine übermäßig großen Sorgen machen und sich nicht in negative Gedanken versenken, welche das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen könnten (Krieger, Altenstein, Baettig, Doerig und Holtforth, 2013).

Die Komponenten des Selbstmitgefühls

Bücher und Studien zum Thema Selbstmitgefühl haben in den letzten Jahren deutlich an Relevanz gewonnen. Wir haben bereits erwähnt, dass Patienten mit Depressionen ihren Genesungsprozess positiv beeinflussen können, wenn sie sich verstärkt auch der Praxis des Selbstmitgefühls widmen.

Studien wie zum Beispiel die der Universität Zürich sprechen davon, wie sinnvoll es ist, Mitgefühl mit sich selbst in die kognitive Verhaltenstherapie einzubeziehen. Darüber hinaus solltest du einige Elemente im Auge behalten, die die Praxis des Selbstmitgefühls prägen und kennzeichnen:

  • In der Lage sein, liebevoll und freundlich mit anderen und mit sich selbst zu sprechen.
  • Sich selbst positiv beurteilen.
  • Sich bewusst sein, dass der Mensch nicht perfekt oder unverwundbar ist.
  • Außerdem beinhaltet diese Praxis die Erkenntnis darüber, dass Leiden, Fehler und Verlust ein Teil des Lebens sind.
  • Mitfühlend mit sich selbst zu sein bedeutet, sich selbst zu schätzen und zu lieben.
  • Darüber hinaus ermöglicht es die Praxis der Achtsamkeit, diese Dimension noch effektiver zu entwickeln.
Mitgefühl mit sich selbst - Mann steht am Strand

Mitfühlend mit sich selbst sein: ein Schlüssel zur Unabhängigkeit

Mitfühlend mit sich selbst zu sein ist das Gegenteil davon, sich als schwach oder zerbrechlich zu betrachten. Mitgefühl mit sich selbst zu haben bedeutet, den eigenen Wert zu verstehen. Darüber hinaus impliziert es, dass du deine eigenen Fehler tolerierst und deine inneren Wunden annimmst. Auf diese Weise kannst du neuen Mut schöpfen und die Kraft finden, im Leben voranzuschreiten.

Aber es gibt noch einen weiteren sehr interessanten Aspekt, den du nicht unterschätzen solltest. Selbstmitgefühl erhöht deine Unabhängigkeit. Wenn du Selbstmitgefühl praktizierst, kannst du deine Emotionen, Bedürfnisse und dein Selbstwertgefühl bestätigen. Wenn du weißt, was du verdienst und was dir zusteht, bist du nicht länger von der Aufmerksamkeit und Bestätigung anderer Menschen abhängig. Stattdessen findest du all dies in dir selber. Obwohl du Anerkennung und Lob anderer Menschen natürlich nach wie vor zu schätzen weißt, sind diese externen Reaktionen keine unbedingte Notwendigkeit mehr für dich.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Selbstmitgefühl eine gesunde Übung ist. Du kannst dir selbst die Erlaubnis geben, unvollkommen zu sein und dich in jeder Situation und unter allen Umständen weiterhin lieben. Heute ist ein guter Tag, um damit zu beginnen!

Es könnte dich interessieren ...
2 Wege, nett zu sich selbst zu sein
GedankenweltLies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
2 Wege, nett zu sich selbst zu sein

Viele der Probleme, die uns bekümmern, haben denselben Ursprung: fehlende Selbstliebe. Wie aber lernt man, nett zu sich selbst zu sein?



  • Barnard, L. & Curry, J.F. (2011). Self-Compassion: Conceptualizations, Correlates, & Interventions. Review of General Psychology, Vol. 15, No. 4, 289–303.
  • Gilbert, P., & Procter, S. (2006). Compassionate mind training for people with high shame and self-criticism: Overview and pilot study of a group therapy approach. Clinical Psychology and Psychotherapy 13, 353-379. doi:10.100/cpp.507
  • Krieger, T., Altenstein, D., Baettig, I., Doerig, N., & Holtforth, M. G. (2013). Self-compassion in depression: Associations with depressive symptoms, rumination, and avoidance in depressed outpatients. Behavior Therapy, 44, 501-513. doi:10.1016/j.beth.2013.04.004
  • Neff, K. (n.d.). Definition of self-compassion. Self-Compassion.org. Retrieved from http://self-compassion.org/the-three-elements-of-self-compassion-2/
  • Neff, K., & Dahm, K. A. (2015). Self-compassion: What it is, what it does, and how it relates to mindfulness. In Brian D. Ostafin (Ed.) Handbook of Mindfulness and Self-Regulation (pp. 121-137). New York, NY, US: Springer.