Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen: Ein häufiges Phänomen

5. Oktober 2018

Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen schwirren um uns herum wie hartnäckige Insekten auf der Nahrungssuche. Sie sprechen nur eine Sprache: „Ich will, ich brauche, ich muss dir sagen …“  Wir sprechen über Menschen, die unfähig sind, ihre Frustrationen zu bewältigen, denen es an Autonomie und der Fähigkeit fehlt, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.

Viele Psychologen sagen, dass diese übermäßigen „Bedürfnisse“ die wahre Misere des 21. Jahrhunderts seien. Vielleicht wurden wir von der Gesellschaft zu diesem Verhalten erzogen; in vielen Fällen wird diese Lebensweise nämlich durch erlerntes Konsumverhalten und einem fast konstanten Bedürfnis befeuert, unsere existenzielle Leere zu füllen.

Alles, was wir brauchen, brauchen wir nicht.

Uns fehlt „etwas“ und wir wissen nicht, was es ist. Deshalb sind wir ruhelos, suchen zusammen mit unseren Freunden den nächsten Kick, um unsere unerklärliche Sehnsucht zu befriedigen. Manchmal suchen wir nach einer unmöglichen Liebe, nach neuen Erfahrungen, einem neuen Handy oder neuen Kleidern. Manchmal ist es eine neue Fernsehserie, die uns hilft, unseren Stress und unsere Probleme zu vergessen, oder wir essen, um unsere Angst zu lindern.

Wir alle brauchen Menschen, wir alle brauchen Güter. Wir alle sind zu einem gewissen Grad „bedürftig“. Das Problem entsteht jedoch, wenn wir aus diesem Mangel heraus zu Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen werden. Es geht in diesem Beitrag um die Art von Person, die verzweifelt nach etwas sucht, das sie selbst nicht definieren kann. Diese Person verärgert uns mit ihrem Verhalten, denn oft fühlen wir uns verpflichtet, für ihre Bedürfnisse zu sorgen und ihre Forderungen zu erfüllen.

Zeichnung eines Mädchens, dem Gewitterwolken folgen

Zwanghafte Bedürfnisse und der Psychologe

Dies ist ein wachsendes Phänomen, das es verdient, näher betrachtet zu werden. Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen gibt es mehr als je zuvor und häufig finden sie sich auch in psychologischer Beratung. Am Anfang ihrer Therapie sind diese Menschen oft verwirrt oder frustriert, manchmal sogar wütend darüber, wie die Welt sie behandelt. Oder genauer gesagt, wie ihre Freunde und Familie sie behandeln.

Bisher hat es offenbar niemand geschafft, ihnen die Zuneigung zu geben, nach der sie sich sehnen. Niemand scheint diesen Leuten und ihren Erwartungen gerecht werden zu können. Diejenigen, die noch immer für sie da sind, können wir an einer Hand abzählen. Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen verstehen die Welt nur aus ihrer eigenen Perspektive. Sie sind nicht in der Lage, das Ausmaß ihrer ständigen Bedürfnisse und ihrer selbstsüchtigen und allumfassenden Forderungen sowie deren Auswirkungen auf ihr soziales Umfeld wahrzunehmen.

Diese Einstellung der Betroffenen ist kindisch und verlangt, dass ein Psychologe sie darin unterstützt, diese Haltung abzulegen. Er muss Betroffene dazu bringen, zu sehen, dass hinter ihren ständigen Bedürfnissen eine unergründliche Leere steckt. Das zu erreichen ist nicht einfach. Denn diese Patienten haben sich daran gewöhnt, so wenig Aufwand wie möglich zu betreiben, indem sie andere ihre Probleme lösen und sich von ihren Mitmenschen aufbauen lassen.

Psychologe und Klient

Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen müssen „konsumieren“, um zu leben. Sie konsumieren unsere Energien und unsere Gedanken, sie geben ihr Geld aus und verschwenden ihre Zeit mit allem möglichen, um einen Ersatz für das Glück zu finden. Am Ende aber konsumieren sie sich nur selbst, denn ihre Verzweiflung wächst.

Menschen mit zwanghaften Bedürfnissen helfen

Die Lebensqualität eines Menschen, der das Gefühl hat, dass ihm immer etwas fehle, kann sehr gering sein. Albert Ellis sagte einmal: „Die Gedanken des ständigen Bedürfnisses bringen uns dazu, die Kontrolle zu verlieren und führen zu negativen Emotionen.“  Wenn wir dieser Theorie glauben schenken, dann offenbart sie etwas so Einfaches wie Offensichtliches: Das Gefühl, etwas zu brauchen, hängt mit unserem Überlebensinstinkt zusammen.

Mit anderen Worten, diese Leere, die wir manchmal fühlen, kann uns schlussfolgern lassen, dass wir uns nicht weiterentwickeln könnten: Wenn uns unsere Mitmenschen nicht helfen, wenn sie uns nicht unterstützen, wenn wir dieses oder jenes nicht bekommen können, dann wird unser Leben zerbrechen …  So erzeugt das Gefühl, etwas zu vermissen, Angst. Diese Angst produziert starke Bedürfnisse in uns. Da es lebensnotwendig erscheint, diese Bedürfnisse zu befriedigen, führen sie zur Verzweiflung. Wir stehen vor einem Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen, um wieder ein funktionales, gesundes und sinnvolles Leben führen zu können.

Der Schlüssel, um weniger im Leben zu brauchen

In einem ersten Schritt sollten wir lernen, an unseren wirklichen Bedürfnissen zu arbeiten. Eine gute Übung ist es, das „Ich brauche“  durch „Ich möchte“  zu ersetzen. Beispielsweise:

  • „Ich brauche andere, die mir zuhören.“ ⇔ „Ich möchte mich wertgeschätzt fühlen, weil ich mich selbst nicht genug liebe.“
  • „Ich brauche andere, die mir helfen, meine Probleme zu lösen.“ ⇔ „Ich bitte um Hilfe, weil ich nicht in der Lage bin, mit dem fertig zu werden, was mit mir geschieht.“

Sobald Betroffene ihre existenzielle Leere und Schwachstellen erkannt haben (geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit, mangelnde Problemlösefähigkeit, fehlende Entschlusskraft usw.), ist es an der Zeit, an jedem dieser Aspekte gründlich zu arbeiten.

Das Foto zeigt ein Mädchen, das ängstlich aussieht.

Ein weiterer entscheidender Punkt in diesem Prozess ist, den Betroffenen dazu zu bringen, eine einfache Regel in seinem täglichen Leben anzuwenden:  Er muss versuchen, für sich selbst herauszufinden, wonach er bei anderen Menschen sucht. Mit anderen Worten, wenn er also jemanden braucht, um ein Problem für ihn zu lösen, sollt er erst versuchen, es selbst zu lösen. Wenn er will, dass ihn jemand in einer bestimmten Situation unterstützt, sollte er zunächst versuchen, sich selbst zu motivieren. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie Stärke und positive Werte in sich selbst finden können, um angestrebte Ziele zu erreichen.

Betroffene haben ihre Persönlichkeit noch nicht ganz entfaltet. Es ist daher ratsam, sie zu ermutigen, neue Erfahrungen zu sammeln. Dies wird ihnen helfen, zu reflektieren und daran zu arbeiten, sich ihren eigenen Emotionen zu stellen.

Am Ende sei gesagt, dass es nie wehtut, an unserer Empathie und unserem sozialem Bewusstsein zu arbeiten. Wir müssen verstehen, dass unsere Mitmenschen auch Bedürfnisse haben. Wir müssen lernen, dass unser Leben nicht nur aus den Verben „wollen“ und „brauchen“ bestehen kann.