Mein Zimmer, mein Durcheinander, meine Welt

· 22. Juni 2017

Ein unaufgeräumtes Zimmer, ein Tisch voller Bücher, Post-its, alten Fotos, getrockneten Blumen und mehr als einer Kaffeetasse ist nicht mit einem chaotischen Leben gleichzusetzen. Manchmal steht scheinbar fehlende Ordnung im Zimmer im Einklang mit einem kreativen Geist. Es ist deine Essenz, dein organisiertes Chaos. Es ist deine ganz eigene Welt.

Im Laufe unseres Lebens wurde uns beigebracht, dass wir uns und unsere Umwelt organisieren müssen, weil Ordnung Kontrolle bedeutet, und eine aufgeräumte Umgebung uns ein gewisses Gefühl von Sicherheit gibt. Das ist nicht verkehrt, aber häufig nehmen wir Unordnung als etwas grundsätzlich Negatives wahr, denn für viele Menschen bedeutet Unordnung die Quintessenz von Versagen, Inaktivität, Gleichgültigkeit und Sich-gehen-lassen. Und an dieser Stelle liegen sie falsch.

Ein unaufgeräumter Schreibtisch ist nicht mit einem chaotischen Leben gleichzusetzen, genauso wie ein leerer Schreibtisch nicht mit einem leeren Geist gleichzusetzen ist. Mein unaufgeräumter Raum repräsentiert, was in meinem Geiste vor sich geht: Ich bin aktiv, frei und kreativ.

Ob du es glaubst oder nicht, es gibt einen ganzen Bereich in der Psychologie, der sich dem Durcheinander widmet und untersucht, was sich hinter diesem Verhalten verbirgt. Die University of Minnesota (Minnesota, USA) beispielsweise kam zu dem Ergebnis, dass ein unaufgeräumter Raum die Kreativität seiner Bewohner anregt. Allerdings muss man das Ganze etwas differenzierter betrachten, was wir im Folgenden tun werden.

Die Psychologie der Unordnung

Wir beginnen mit einer interessanten Tatsache. Tracey Emin ist eine britische Künstlerin, die der Welt 1999 ein besonderes Kunstwerk präsentierte: ein unordentliches Bett. Auf dem Bett lagen Kleidung, Zigaretten, Taschentücher, Wodka-Flaschen. Das Ganze sollte weder ästhetisch noch attraktiv sein, sondern ein persönliches Drama darstellen. Jenes persönliche Stadium, dass ein Mensch durchläuft, wenn das emotionale Leben durcheinandergerät.

Das Werk mit dem Titel My Bed  war Finalist für den Turner-Preis und wurde 2014 von Christie’s in London für 2,5 Millionen britische Pfund versteigert. Moderne Kunst ist eine Herausforderung, aber die Künstlerin erklärte später, nach dem durch die Aktion verursachten Aufruhr, dass sie meistens in einer unaufgeräumten Umgebung arbeitet, weil Unordnung, zumindest für sie, der Samen der Kreativität sei.

Ein Artikel in der New York Times beinhaltete Ähnliches. Sein Autor meinte, dass eine etwas unaufgeräumte Umgebung den Geist manchmal von Konventionen befreien und in die verschiedensten Richtungen wandern lassen könne, um neue Antworten und neue Ideen zu entwickeln. Es sei außerdem nicht zu vergessen, dass der Zeitpunkt innerhalb unserer kreativen Phasen, in dem plötzlich Entscheidungen und Innovationen aufkommen, in diesem chaotischen Sturm der Ideen liege.

Persönliche Bereiche und Gedankenfreiheit

Unordnung, die dir vorteilhaft, verständlich und bekannt vorkommt, wird keine Probleme verursachen und wird weiterhin von Vorteil sein, solange du eine gewisse Kontrolle über sie behältst. Die Psychologin Kathleen Vohs, eine Expertin bezüglich der Tendenz zu Ordnung oder Unordnung, erklärt, dass in der Arbeitsumgebung immer ein angemessenes Maß an Ordnung und Effizienz herrschen solle. Aber einen visuellen Bereich mit einem gewissen Grad an Chaos bezüglich Objekten und Farben zu schaffen, sei für unser Gehirn ein Stimulus, der es entspannen und seine Fähigkeiten anregen kann.

Man solle jedoch im Kopf behalten, dass nicht jeder diese Art von Unordnung ertragen kann. Es gibt individuelle Unterschiede, was bedeutet, dass es auch viele Menschen gibt, die eine völlig aufgeräumte und saubere Umgebung brauchen, um produktiv zu arbeiten.

Was auch immer dir persönlich mehr liegt, Tatsache ist, dass ein unaufgeräumtes Zimmer keineswegs eine Person mit einem chaotischen und verantwortungslosen Leben widerspiegelt… Genauso wie Menschen, denen Kontrolle und Ordnung in ihren persönlichen Bereichen wichtig ist, nicht zwingend Perfektionisten sind oder unter einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung leiden.

Wir alle sind frei in unseren persönlichen Bereichen und leben auf unsere eigene Weise. Jede Ecke spiegelt unsere Gewohnheiten und Gepflogenheiten wider und wir sollten dafür nicht kritisiert oder in Schubladen gesteckt werden. Man hört beispielsweise oft, dass unordentliche Menschen keine Ziele haben, unter internen Konflikten leiden und keine Dinge wegwerfen können, weil sie auf unnatürliche Weise an ihren Erinnerungen festhalten.

Diese Art von Volksweisheit ist nicht korrekt. Wenn du heute aufstehst und beschließt, dein Bett nicht zu machen oder das Haus nicht zu putzen, kann das vielleicht daran liegen, dass du dir in diesem Moment andere Prioritäten gesetzt hast. Es muss nicht unbedingt etwas bedeuten. Gewollte und kontrollierte Unordnung, die einem nicht über den Kopf wächst, beschert einem Geist, der sich mit seinen Besitztümern identifiziert, Ruhe.

Denn Ordnung dient dem Vergnügen des Verstandes und Unordnung dient für manchen dem Vergnügen der Fantasie.