„Mama, ich brauche dich nicht“: vermeidende Bindung bei Kindern

· 31. Januar 2018

Bindung ist das Gefühl einer intensiven Nähe, das eine große Rolle in unseren Beziehungen spielt. Obwohl es einige Arten der Bindung gibt, die nachteilig sind, sind zwischenmenschliche Bindungen an sich gesund und notwendig. Sie haben ihren Ursprung in der Kindheit, eine der am stärksten prägenden Lebensabschnitt. Das bedeutet, wenn es in irgendeiner Form eine Vernachlässigung oder ein schädliches Verhalten in dieser Zeitspanne gibt, dann kann der Aufbau von Bindungen gestört werden. Manche Menschen, die das erfahren haben, zeigen eine vermeidende Bindung.

Wenn die Umwelt, in der wir groß werden, uns dazu bringt, dass wir diese Art der Bindung entwickeln, werden wir Probleme dabei haben, gesunde Beziehungen aufzubauen. Jedoch werden wir uns dieser Probleme nicht bewusst sein, bis wir erwachsen sind. Und es gibt sogar Erwachsene, die Probleme haben, die aus einer vermeidenden Bindung entstanden sind, deren Ursachen sie aber nicht kennen.

Denken wir einmal darüber nach, wie Kinder sich an die Umwelt anpassen, in die sie geboren werden. Wenn die Eltern zu behütend oder zu distanziert sind, dann werden die Kinder Verteidigungsstrategien entwickeln, um damit fertig zu werden. Eine dieser Strategien ist die vermeidende Bindung.

Ainsworths Experiment zur vermeidenden Bindung

Mary Ainsworth hat verschiedene Studien durchgeführt, die sie dazu gebracht haben, drei Typen der Bindung zu definieren: sicher, ambivalent und vermeidend. Von diesen Typen ist nur die sichere Bindung „ideal“. Die anderen sind dysfunktionale Bindungen.

Was die vermeidende Bindung angeht, die wir uns heute näher anschauen wollen, hat Ainsworth ein Experiment durchgeführt, dass sie „fremde Situation“ nannte. In diesem Experiment hat sie das Verhalten von Babies untersucht, die von ihren Müttern getrennt waren. Was Ainsworth entdeckte, war sehr aufschlussreich: Die Kinder wurden sehr schnell wütend, dass heißt, sie waren sehr anfällig für Zorn. Gleichzeitig taten sie nicht, was von ihnen erwartet wurde. Sie suchten nicht nach ihren Müttern, als sie sie brauchten.

Eine Mutter mit Baby

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Baby mit einer gesunden Beziehung zur Mutter zu weinen anfängt, wenn diese das Zimmer verlässt oder von ihm weggeht. Aber wenn die Mutter zurückkommt, hört es auf, zu weinen, und fühlt sich sicher, ruhig und glücklich.

Babies mit einer vermeidenden Bindung zur Mutter handelten (und fühlten) anders. Sie zeigten Gleichgültigkeit. Ihnen war es egal, ob die Mutter wegging oder zurückkam. Die Mutter hat ihnen schlicht nicht die Sicherheit gegeben, die das Kind brauchte.

Wenn ein Kind Zurückweisung erfährt, wenn es zu seinen Eltern kommt und die Eltern nicht auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes eingehen, dann wird es sehr wahrscheinlich eine vermeidende Bindung entwickeln.

Am interessantesten an Ainsworths Experiment ist, dass Kinder mit dieser Art der Bindung ihre Mütter einfach ignorierten. Fremden gegenüber zeigten sie sich jedoch freundlich und gesellig. Ainsworth schloss daraus, dass die Babies es nicht gelernt hatten, ihre emotionalen Bedürfnisse ihren Müttern mitzuteilen (oder, wenn sie es getan hatten, das nicht funktioniert hatte), und dass sie daraus lernten, ohne ihre Mütter auszukommen.

Vermeidende Bindung und ihre Auswirkungen im Erwachsenenalter

Die vermeidende Bindung hat ernsthafte Konsequenzen für den jungen und erwachsenen Menschen. Dabei gibt es zwei Subtypen der vermeidenden Bindung, und die wirken sich unterschiedlich aus: ablehnend-vermeidend und furchtsam-vermeidend. Wir sehen uns nun genauer an, wie diese beiden Subtypen Bindungen im Erwachsenenalter beeinflussen.

Menschen mit einer ablehnend-vermeidenden Bindung sind meist unabhängig. Oftmals werden sie als selbstgenügsam angesehen. Ihre Gefühlswelt bringt sie dazu, jeden zurückzuweisen, der beabsichtigt, von ihnen abhängig zu werden. Gleichermaßen sind sie nicht gewillt, Beziehungen zu vertiefen, da sie sich weigern, sich an jemanden zu binden.

Ein Mann fasst sich an den Kopf

Auf der anderen Seite streben Menschen mit einer furchtsam-vermeidenden Bindung Intimität mit anderen Menschen an. Jedoch gewinnt am Ende ihre Furcht die Oberhand. Es ist schwer für sie, anderen zu vertrauen, da sie Angst haben, verletzt zu werden. Wenn sie es schaffen, Intimität mit anderen Menschen zu haben, fühlen sie sich dabei sehr unwohl.

Menschen mit einer vermeidenden Bindung haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken. Ihre Weigerung, sich an andere Menschen zu binden, ist dabei nur eine Strategie, um sich selbst vor Zurückweisung zu schützen. Sie haben gelernt, sich selbst zu verteidigen und ohne den Schutz ihrer Eltern auszukommen. Aus diesem Grund sind sie selbstgenügsam geworden. Jedoch leiden sie sehr, auch wenn es nicht danach aussieht.

Kinder, die sich zurückzuziehen und eine vermeidende Bindung zu ihren Eltern aufbauen – das ist ein Alarmsignal. Manchmal handeln diese Kinder feindselig und aggressiv. Im Jugendalter isolieren sie sich zunehmend, wodurch sie sich bei Gleichaltrigen unbeliebt machen. 

Die Kindheit ist eine sehr wichtige Phase. Indem man die Voraussetzungen für eine sichere Bindung schafft, hilft man den Kindern, zu Erwachsenen heranzuwachsen, die in der Lage sind, gesunde Beziehungen aufzubauen. Wenn dies nicht geschieht, dann werden sie Strategien entwickeln, um sich selbst zu schützen. Und diese wieder abzulegen, ist eine sehr schwierige Aufgabe.