Eine toxische Beziehung der Eltern hinterlässt beim Kind Spuren

13. Oktober 2017

Wer seinen Partner psychisch misshandelt, ihn erpresst, verachtet, beschämt und sein Selbstwertgefühl zerstört, der misshandelt auf indirekte, aber grauenvolle Weise auch seine Kinder. Denn ständiger Zeuge einer toxischen Beziehung der Eltern, ja einer von Missbrauch geprägten Beziehung zu sein, macht aus den Kleinen Opfer. Sie sind die traurigen Erben eines emotionalen Vermächtnisses und tragen mitunter irreversible Schäden davon.

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Weltwirtschaftsforums BEF seien psychische Erkrankungen weltweit die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit. Ein Großteil dieser, so eigenartig das auch erscheinen mag, hat ihren Ursprung in toxischen Beziehungen und in den psychischen Langzeitfolgen, die sich aus solchen Beziehungen ergeben. Zu derartigen Langzeitfolgen zählen posttraumatischer Stress, Depressionen, Angststörungen, chronische Schmerzen, Asthma und sogar Diabetes – und diese tiefen Brandmarken, die auf schädliche Beziehungen zurückzuführen sind, sind nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.

„Ich kann mir kein stärkeres Bedürfnis eines Kindes vorstellen, als das, von den Eltern beschützt zu werden.

Sigmund Freud

Soziale Einrichtungen und Gesundheitseinrichtungen betonen, wie wichtig es sei, die Opfer physischen oder psychischen Missbrauchs in einer Beziehung zu befähigen und ihnen keinen Stempel aufzudrücken. Unter „befähigen“ versteht man dabei, diesen Menschen, Männern oder Frauen, angemessene Mittel und Bewältigungsstrategien anzueignen, um sich selbst wieder schätzen zu lernen und somit ein emotional normales Leben führen zu können.

Was hierbei oft zu kurz kommt, ist die Rolle der Kinder, die bereits im jungen Alter Zeugen dieser besagten verletzenden Dynamik, dieser so toxischen Beziehung der Eltern wurden. Sie haben für sich jede Situation, jede Geste, jedes Geräusch, jeden Schrei, jedes Wort und jede vergossene Träne in ihrem kindlichen und unschuldigen Herzen verwahrt, ohne zu wissen, welche Auswirkungen das auf ihr späteres Leben haben würde.

Und vielleicht sind diese Kinder, die heute die Zeugen einer toxischen Beziehungen sind, morgen die nächsten Opfer oder die nächsten Peiniger. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass der Teufelskreis der Gewalt immer wieder zu denselben Erlebnissen und Situationen führt. 

Nachdenkliches Mädchen

Zeuge von Missbrauch zu sein, macht uns ebenfalls zu Opfern

„Nein, ich habe weder meine Kinder, noch meinen Partner je geschlagen.“  Das hört man nicht selten von Menschen, die andere misshandeln, die andere psychisch missbrauchen, weil es für den von ihnen verübten Missbrauch keine äußeren Anzeichen gibt. Das der anderen Person schadende Verhalten verlässt die intime Privatsphäre der eigenen vier Wände nur selten.

Auch wenn es seltsam klingen mag, die Tatsache, dass keine Schläge gesetzt werden und keine offensichtlichen Verletzungen entstehen, macht die Situation nur noch komplexer. Denn in diesen Fällen neigen die Opfer dazu, sich selbst die Schuld zu geben, anstatt dieses Verhalten als einen offensichtlichen Missbrauch anzusehen.

Dieses Schuldgefühl oder diese Selbstprojektion der Verantwortung findet auch beim kindlichen Opfer statt, das Zeuge des Missbrauchs ist. Sehr häufig verspürt auch es dasselbe Gefühl. Denn ein Kind ist ein weiterer Passagier in diesem Zug der Schmerzen, ein Begleiter auf diesem Weg, der alle zum gleichen Ziel bringt.

Wir müssen uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, was einst der Psychologe Piaget in seiner Theorie über die kognitive Entwicklung von Kindern erklärt hat: Im Alter von zwei bis sieben Jahren haben Kinder einen egozentrischen Fokus, ihre Welt dreht sich um die eigene Person. Das Kind hat aus diesem Grund das Gefühl, dass der Schmerz von Mama oder Papa, sowie auch die Schreie oder Streitigkeiten das Resultat von etwas sind, das es selbst auf irgendeine Art und Weise provoziert hat.

Toxische Beziehung der Eltern belastet Kind

Deshalb sind in jeder toxischen Beziehung, in der es Kinder gibt, auch sie die Leidtragenden, und das darf nicht vergessen werden. Es tut nichts zur Sache, dass sie auf der anderen Seite der Tür stehen und nichts sehen, dass sie noch nicht laufen, lesen, Fahrradfahren oder den Namen der Monster nennen können, die nachts vor ihrem Fenster auftauchen. Kinder fühlen und hören, interpretieren die Welt auf ihre Weise und deswegen gibt es nur Weniges, was noch verheerender für die Kindheit ist, als in einem Umfeld aufzuwachsen, das so krank und zerstörerisch ist.

Wie wir die toxische Beziehung unserer Eltern hinter uns lassen können

Manchmal wird die toxische Beziehung von beiden Elternteilen begünstigt. Es gibt Menschen, die unfähig sind, ein psychisch und emotional stabiles Umfeld zu erschaffen. Hierbei handelt es sich um Persönlichkeiten, die sich dadurch auszeichnen, dass Liebe und Aggression, Nähe und Erpressung eine äußerst schädliche Verbindung für sie selbst und besonders für die Kinder, die ebenfalls in diesem Haushalt leben, spinnen.

„Einer der besten Umstände, die dir im Leben passieren können, ist, eine glückliche Kindheit zu haben.“

Agatha Christie

Beziehungen, in denen Missbrauch stattfindet, gibt es in allen sozialen Schichten und sie sehen ganz verschiedenen aus. Doch zu den wahren Opfern in diesem Labyrinth des Missbrauchs zählen in jedem Fall die Kinder. Denn die eigene Identität in einem Umfeld zu erschaffen, das von Misshandlung geprägt ist, bildet oftmals die Grundlage dafür, dass der Teufelskreis der Gewalt erneut betreten wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Menschen die Gewohnheit haben, Denkmuster und Verhaltensweisen, die uns bekannt und vertraut sind, zu wiederholen.

Junge und Katze schauen zum Fenster heraus

Aus diesem Grund kommt es häufig vor, dass wir selbst erneut zu Opfern oder zu Peinigern werden, anstatt diese toxische Beziehung der Eltern hinter uns zu lassen, weil wir diese Art der Beziehung verinnerlicht haben. Um solch verheerende Auswirkungen zu verhindern und den Teufelskreis des Missbrauchs zu durchbrechen, brauchen wir daher angemessene Hilfsmittel. Kinder, die Zeugen einer solchen Dynamik wurden, brauchen wie ihre Eltern die Unterstützung ihres sozialen Umfeldes und therapeutische Hilfe.