Liebe bei Menschen mit Autismus: Kann das funktionieren?

Viele mögen überrascht sein zu hören, dass Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung einfühlsam und empathisch sein können. Sie können sich verlieben und eine glückliche Beziehung führen, auch wenn sie besondere Herausforderungen überwinden müssen.
Liebe bei Menschen mit Autismus: Kann das funktionieren?

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 30. Juli 2022

Es mag überraschen, aber eine der häufigsten Fragen auf Google über Autismus-Spektrum-Störungen ist, ob Liebe bei Menschen mit Autismus funktionieren kann. Rund um dieses Thema gibt es noch immer viele Vorurteile und enorme Unwissenheit. Viele glauben, dass Betroffene die Sprache der Zuneigung nicht verstehen oder fühlen.

Das ist ein Irrtum. Familien von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) wissen, dass Betroffene die tägliche Zuneigung schätzen und benötigen. Auch Jugendliche und Erwachsene erleben Emotionen, verlieben sich und experimentieren Leidenschaft und Sehnsüchte. Menschen auf dem Spektrum berichten oft, dass sie manchmal “zu viel fühlen”. Ihre Emotionen überschwemmen sie und sie wissen nicht so recht, was sie inmitten eines solch chaotischen Universums machen sollen.

Zunächst dürfen wir nicht vergessen, dass nicht alle Menschen mit Autismus gleich sind. Diese neurobiologische Entwicklungsstörung manifestiert sich auf viele Arten und variiert bei jeder Person stark.

Es gibt unter anderem schwerwiegendere Fälle mit Sprecheinschränkungen, das Asperger-Syndrom und hochfunktionalen Autismus. Jenseits der möglichen Einschränkungen, Stereotypien oder sensorischen Veränderungen hat jede betroffene Person das Bedürfnis, geliebt und umsorgt zu werden. Wie dieses Bedürfnis konkret aussieht, ist bei jedem Menschen anders.

Liebe mit Autismus: Kann das funktionieren?

Liebe bei Menschen mit Autismus: Kann das funktionieren?

Liebe bei Menschen mit Autismus reagiert auf ein Bedürfnis. Warum sollte ein Mensch mit einer autistischen Störung nicht in der Lage sein, so etwas zu erleben?

Einer der bekanntesten Autoren in der Erforschung von Autismus und neurologischen Entwicklungsstörungen ist Simon Baron-Cohen. Dieser Psychologe ist bekannt für seine Arbeiten zur Theory of Mind oder zum autistischen männlichen Gehirn. In den 1990er-Jahren wurden viele seiner Bücher populär. Dies führte dazu, dass viele glaubten, dass alle Menschen mit ASS empathielos und nicht in der Lage sind, mit ihrem Umfeld in Kontakt zu treten oder soziale Signale zu verstehen.

Auch im Film können wir das immer wieder beobachten: Wir sehen, dass sich Menschen mit Autismus von der Realität abkoppeln, jedoch ein besonderes Talent entwickeln. Diese Störung kennt jedoch viele Schattierungen, nicht jeder ist ein Genie und nicht jedem mangelt es an Empathie.

Emotionale Empathie

Eine der am weitesten verbreiteten Vorstellungen ist, dass es Menschen mit Autismus an Empathie fehlt. Dies kann jedoch nicht verallgemeinert werden. Eine 2019 veröffentlichte Studie der Universität Osaka stellte fest, dass Menschen auf dem Spektrum Defizite in der sogenannten kognitiven Empathie aufweisen. Das heißt, es fällt ihnen schwer zu verstehen, warum jemand leidet, wütend oder enttäuscht ist.

Allerdings zeigen sie ein hohes Maß an emotionaler Empathie. Das heißt, sie fühlen die Emotionen anderer mit hoher Intensität. Manchmal ist diese emotionale Empfänglichkeit sogar höher als bei neurotypischen Personen (Menschen ohne Autismus).

Liebe mit Autismus

Liebe bei Menschen mit Autismus: Verstehe mich und ich werde dich verstehen

Für Menschen mit Autismus ist Liebe nicht einfach. Sie sind in der Lage, sich zu verlieben und das auf eine tiefe Art und Weise. Trotzdem ist eine Beziehung kompliziert, deshalb müssen folgende Aspekte berücksichtigt werden:

  • Personen auf dem Spektrum verstehen bestimmte alltägliche Beziehungscodes nicht. Der Partner oder die Partnerin wartet nach einem schlechten Tag vielleicht auf eine Umarmung oder ein “Ich liebe dich”, ist dankbar für ein Kompliment oder erwartet sich ein unterstützendes Wort. Menschen mit Autismus sind sich darüber oft nicht bewusst.
  • Kommunikation ist deshalb besonders wichtig. Der Partner oder die Partnerin übernimmt oft die Rolle des “Übersetzers”, da Betroffene sich über bestimmte Dinge nicht bewusst sind. Menschen mit Autismus müssen wissen, was von ihnen erwartet wird und wann, ihre Partner sollten dies immer deutlich machen: “Ich möchte, dass du mich fragst, wie mein Tag gelaufen ist, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme”, “Wenn du siehst, dass ich traurig bin, umarme mich”, “Wenn wir spazieren gehen, mag ich, dass du meine Hand hältst”…

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Liebe bei Menschen mit Autismus jeden Tag stattfindet, mit ihren Schwierigkeiten, ihren Schattierungen und ihren enormen Herausforderungen. Experten können ihnen Strategien zur Hand geben und das Paar unterstützen, damit die Beziehung wachsen kann und beide glücklich macht.

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  • Baron-Cohen, S. (1999). Autismo: un trastorno cognitivo específico de “ceguera de la mente”. International Review of Psychiatry, 19 – 33.