Lektionen über Resilienz in Zeiten des Coronavirus

21 Mai, 2020
In Krisenzeiten und Momenten der Ungewissheit ist es besonders wichtig, unsere Resilienz zu stärken. Es handelt sich um eine Transformation, die es uns ausgehend von der Verletzlichkeit ermöglicht, Stärke zu zeigen, um uns der Gegenwart und der Zukunft besser zu stellen.

Der Begriff Resilienz ist in Mode, doch es handelt sich nicht um ein neues, sondern um ein notwendiges und inspirierendes Konzept. Resilienz in Zeiten des Coronavirus ist nicht nur eine Empfehlung oder Nachricht, die in sozialen Netzwerken verbreitet werden sollte. Es handelt sich um eine Notwendigkeit für unsere psychologische Gesundheit, die als Schlüssel verstanden werden muss, der uns hilft, jeden Tag die Tür zu unserer inneren Stärke zu öffnen.

Resilienz ist kein Charakterzug. Es handelt sich auch nicht um einen Mechanismus, den wir Menschen im Autopilot-Modus aktivieren können, wenn die Dinge kompliziert werden. Wir sprechen vielmehr von einem Prozess, einem Muskel, der Training erfordert, und von dem wir wissen, dass er an manchen Tagen nicht funktionieren wird. Manchmal wird er sich schwach fühlen und das Gewicht der Welt kaum ertragen können.

Um der berühmten Aussage von Nietzsche “Was mich nicht umbringt, macht mich stärker” gerecht zu werden, dürfen wir uns von den Widrigkeiten des Lebens nicht in den Abgrund ziehen lassen. Wir dürfen nicht erlauben, dass wir auf unbestimmte Zeit unsere Ressourcen verlieren. Doch dies kann uns allen passieren, ohne es voraussehen zu können.

Wir können fallen und uns eine Zeit lang als besiegt betrachten. Jedoch ist es unsere Pflicht, aus unseren Ruinen wieder aufzusehen und aus der Asche mit Hoffnung und Mut neu zu erstehen. 

Wir betonen noch einmal, dass es sich um einen komplexen Prozess handelt, der Engagement erfordert. Eine Blume zwischen Steinen ist ein überaus kompliziertes Kunstwerk, doch das schönste des Menschen. 

Lektionen über Resilienz in Zeiten des Coronavirus

Lektionen über Resilienz in Zeiten des Coronavirus

Das gute Leben ist ein Prozess, kein Seinszustand, sagte Carl Rogers, Psychotherapeut und Exponent der Humanistischen Psychologie.

Mit dem Leid, der Angst und Krisen ist es genau gleich. Leiden ist kein Seinszustand des Menschen, wir sind nicht hier, um Schmerzen zu ertragen und müssen nicht obligatorisch Elend erleben, um zu wissen, was es bedeutet, zu leben. Schmerz sollte immer eine vorübergehende Erfahrung sein und als ein weiterer Prozess im Leben betrachtet werden.

Damit dieser Prozess jedoch möglichst kurz ist und wir uns besser an die Komplexität der Umgebung anpassen können, müssen wir lernen, resilient zu sein. Doch was bedeutet das genau?

Dieser Ausdruck ist den meisten bekannt, doch vielleicht weiß nicht jeder, dass er aus der Physik stammt und erst ab den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Psychologie zur Anwendung kam.

Wir können Resilienz ganz einfach als die Fähigkeit des Menschen bezeichnen, sich von den Widrigkeiten des Lebens zu erholen, ohne dadurch an Stärke zu verlieren. In der Physik und im Ingenieurswesen kommt die Idee der “materiellen Resilienz” zum Ausdruck, die es einem Material ermöglicht, nach einem Aufprall wieder den ursprünglichen Zustand anzunehmen. Doch in der Psychologie ist dies nicht gegeben.

Niemand ist nach einer schwierigen und komplexen Lebenssituation wieder derselbe wie zuvor. Wir können den ursprünglichen Zustand nicht wiedererlangen. Wir verbessern uns, wir lernen neue Fähigkeiten, um mit Krisen umzugehen, um besser durchs Leben zu segeln. Anschließend gehen wir etwas näher auf diese Fähigkeit ein.

Nein, du bist nicht zu 100 Prozent resilient. Es handelt sich um einen Prozess, für den du etwas tun musst!

Natürlich ist es zu empfehlen, in Zeiten des Coronavirus unsere Fähigkeit zur Resilienz zu verwenden. Doch Psychologen wissen, dass nur sehr wenige Menschen wirklich zu 100 Prozent resilient sind. 

Um uns selbst auf die Probe zu stellen, können wir die Connor-Davidson Resilience Scale (CD-RISC) verwenden. Dabei werden folgende Aspekte berücksichtigt:

  • Ich kann mich gut an Veränderungen anpassen.
  • Normalerweise stelle ich mich Komplikationen oder unvorhergesehenen Ereignissen sehr effizient.
  • Ich versuche, die positiven Seiten der Dinge zu sehen, wenn ich mich Problemen stellen muss.
  • Ich kann gut mit Stress umgehen.
  • Nach einer Krankheit, Verletzung oder einer anderen Schwierigkeit erhole ich mich normalerweise gut.
  • Ich bin geschickt darin, meine Ziele zu erreichen. 
  • Wenn ich unter Druck stehe, denke und handle ich klar und entschieden.
  • Scheitern führt nicht dazu, dass ich meine Motivation verliere.
  • Ich betrachte mich als starke Person, wenn ich mich den Herausforderungen und Schwierigkeiten des Lebens stellen muss. 
  • Mit Emotionen wie Traurigkeit, Angst oder Zorn kann ich gut umgehen.

Resilienz liegt in deiner Natur, doch du musst sie entwickeln: Deine Verletzlichkeit kann dir Kraft geben!

Wissenschaftler der Universität Columbia führten eine detaillierte Studie durch, um die psychologischen Auswirkungen der Überlebenden des 11. Septembers zu untersuchen. Sie konnten dabei feststellen, dass der Index für posttraumatischen Stress nicht so hoch war, wie sie anfangs vermutet hatten. Ein Großteil der Opfer nutzte die Fähigkeit zur Resilienz.

65 Prozent der Studienteilnehmer konnten einen guten Genesungsprozess durchlaufen, indem sie verschiedenste Strategien umsetzten. Die erste davon war, ihre Verletzlichkeit zu akzeptieren. Sie lernten zu verstehen, dass jeder eine derartige oder ähnliche Situation experimentieren kann und das Recht darauf hat, zu leiden, sich verletzlich und verwundet zu fühlen.

Sie lernten auch, dass in jedem von uns ein Impuls, eine interne Kraft steckt, die uns einlädt, uns zu erholen und aus dem Erlebten zu lernen, die Gegenwart stärker, sicherer und auch hoffnungsvoller zu betrachten.

Lektionen über Resilienz in Zeiten des Coronavirus

Resilienz in Zeiten des Coronavirus: Akzeptieren und uns auf den Weg vorbereiten

Nassim Taleb, Essayist und Autor von so interessanten Büchern wie Der Schwarze Schwan, schrieb vor Kurzem, dass wir eine Idee über die Resilienz in Zeiten des Coronavirus verstehen müssen. Zwar hat er das Wort “widerstehen” selbst geprägt, doch er zieht jetzt vor, es aus dieser Gleichung zu streichen.

Widerstehen bedeutet, Kräfte zu sammeln, um etwas zu ertragen, das uns angreift und unterdrückt. Doch Nassim Taleb weist uns darauf hin, dass jetzt nicht der Moment ist, Energie durch Anstrengungen zu verlieren. Es ist jetzt Zeit für Akzeptanz und etwas mehr: Wir müssen uns auf Veränderungen vorbereiten und das bedeutet, dass wir eine andere Art von Energie benötigen. 

Die Resilienz in Zeiten des Coronavirus umfasst die Notwendigkeit von Veränderungen und Umbrüchen. Wer darauf besteht, zu widerstehen, bleibt am gleichen Ort, ohne voranzukommen: er konzentriert sich auf das Überleben und die Garantie des Wohlbefindens. Doch die Zukunft erwartet uns mit Veränderungen und nur ein resilientes Herz und ein resilienter Geist werden fähig sein, sich anzupassen und dieses neue existentielle Kapitel zu nutzen. Wir müssen alle darüber nachdenken. 

  • Bonanno, G. A., Galea, S., Bucciarelli, A., & Vlahov, D. (2006). Psychological resilience after disaster: New York City in the aftermath of the September 11th terrorist attack. Psychological Science17(3), 181–186. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01682.x