Leid mit Leid vergleichen: Mir geht es schlechter als dir

Wir haben die Tendenz, uns mit anderen zu vergleichen, die durch soziale Netzwerke zusätzlich gefördert wird. Wenn du deine Lebensprobleme an denen anderer misst, tust du dir und anderen nichts Gutes.
Leid mit Leid vergleichen: Mir geht es schlechter als dir
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 17. Januar 2023

Manche Menschen scrollen durch soziale Netze, um ihr eigenes Leid mit den Tragödien und Lebensproblemen anderer zu vergleichen. Dabei denken sich viele: “Mir geht es schlechter, doch ich muss das doch nicht sofort an die große Wand hängen.” Wir haben jedoch die seltsame Angewohnheit, uns ständig an anderen zu messen. Außerdem glauben wir, dass ein schwieriger Lebensweg automatisch unermessliche Erfahrung und Weisheit bedeutet.

Die sozialen Netzwerke fördern die Tendenz, sich mit anderen zu vergleichen – nicht nur im Bereich der Schönheit oder verschiedener Fähigkeiten, auch das Glück, die Unzufriedenheit, das Leid und das Leben gelten als Maßstab. Wir laden dich heute ein, mit uns darüber nachzudenken.

Jeder Mensch hat das Recht, sein Leid zu verarbeiten und auszudrücken, der Vergleich von Unglück und Traurigkeit ist jedoch sinnlos, da wir alle einzigartig sind und unterschiedlich reagieren.

Person vergleicht ihr Leid mit anderen
Leid erfordert Einfühlungsvermögen, keine Kritik oder Unterbewertung unserer Umwelt.

Leid mit dem Leid anderer vergleichen

Kinder und Jugendliche machen immer wieder die Erfahrung, dass Erwachsene ihre Enttäuschungen unterbewerten. Wenn ein Kind beispielsweise mit dem besten Freund streitet, hört es oft den Kommentar “das wird wohl nicht so ernst sein” oder “du hast ja noch andere Freunde”. Nach dem Beziehungsaus mit der ersten Liebe antworten Erwachsene vielleicht: “Du hast das ganze Leben vor dir, es wird nicht deine letzte Beziehung sein!”

Sie sehen das Unglück ihrer Kinder durch das Prisma ihrer eigenen Erfahrung und beurteilen es aus einer völlig anderen Perspektive. Diese Klassifizierung und der Vergleich von Leid ist jedoch schädlich. Wir entwerten damit nicht nur die Lebenswirklichkeit anderer Menschen und nehmen ihnen die Möglichkeit, sich selbst zu äußern, wir treten zum Teil auch als Richter auf. Die Wahrheit ist, dass Leid, egal in welcher Form, Einfühlungsvermögen benötigt.

Jeder Mensch hat das Recht, seine Emotionen der Traurigkeit und des Schmerzes zu fühlen, ohne beurteilt zu werden.

Wenn wir das Leid anderer nicht anerkennen

Wenn wir das Leid anderer mit unseren eigenen Erfahrungen vergleichen, delegitimieren wir sie. Wir lassen sie glauben, dass ihre Scham, ihre Ängste und Befürchtungen nicht berechtigt sind, weil wir (scheinbar) Schlimmeres durchgemacht haben.

Die emotionale Erfahrung einer Person zu entwerten, bedeutet, ihre Geschichte, ihre Bedürfnisse und ihre Chancen auf Wachstum unsichtbar zu machen. Das ist eine Form von eklatanter Misshandlung, die wir als Gesellschaft überprüfen sollten.

Eine Studie der Universität Wesleyan zeigt, dass die Geschichte der Emotionen nicht nur aus psychobiologischer oder neurologischer Sicht verstanden werden kann, sie ist auch ein kulturelles Phänomen. Und manchmal kann der Kontext (Familie, Schule, Freunde…) als Hemmschuh für Emotionen und Gefühle wirken. Es ist eine kontraproduktive Praxis, die tief im Alltag verwurzelt ist.

Schmerz ist kein Wettbewerb

Schmerz ist kein Wettbewerb, bei dem jemand den ersten Preis gewinnen muss. Es gibt auch keine Hierarchie, in der das Leiden nach Noten und Status eingestuft wird. Unsere Gesellschaft ist jedoch geradezu irrational besessen davon, alles zu etikettieren, und das ist ein wichtiger Grund für den Vergleich von Leid.

Andererseits können wir den Faktor Narzissmus oder Egoismus nicht ausschließen. Es gibt Menschen, die gerne betonen, wie sehr sie im Leben gelitten haben, das gibt ihnen jedoch nicht das Recht, das Unglück anderer herunterzuspielen. Der Vergleich von Unglück und Schmerz ist eine Falle, ein faktischer Irrtum, der nur durch Empathie aufgelöst werden kann.

Viele von uns sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass unsere Gefühle nicht wichtig sind. Das kann dazu führen, dass wir im Erwachsenenalter unsere Traurigkeit und unser Unglück unterbewerten und annehmen, dass “andere es schlimmer haben”.

Frau vergleicht ihr Leid mit dem anderer
Es gibt Menschen, die ihr eigenes Leid abwerten, weil sie denken, dass es anderen noch schlechter gehen könnte.

Wenn wir uns selbst abwerten

Wir trösten uns immer wieder damit, dass es anderen noch schlechter geht. Dieser Vergleich wertet jedoch unsere eigenen Erfahrungen ab. Schließlich reden wir uns ein, dass wir uns mit einer bestimmten Situation abfinden müssen. Eine paar Beispiele:

  • “Auch wenn ich mit meinem Job sehr unzufrieden bin, muss ich mich damit zurechtfinden und froh sein, andere haben gar keinen Job.”
  • “Ich bin unzufrieden mit meinem Leben, aber ich kann mich nicht beklagen, denn meine Freundin hat gerade ihren Vater verloren, ihr geht es viel schlechter.”

Unsere Erfahrungen mit dem Leben anderer zu vergleichen, kann eine gefährliche Form der Entwertung sein. Wie die Schriftstellerin Brené Brown sagt, ist es eine Art, ein Veto gegen unsere Verletzlichkeit einzulegen, das uns davon abhält, unsere Schwierigkeiten zu lösen. Was wir nicht beleuchten, bleibt im Verborgenen und verstärkt das Unbehagen.

Der Vergleich von Leid und Lebensproblemen verbittert und macht krank. Vielmehr sollten wir Mitgefühl uns selbst und anderen gegenüber praktizieren. 

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