Leere Stühle – wenn ein nostalgischer Hauch über dem Weihnachtsfest liegt

· 30. August 2017

Der Tisch ist fertig gedeckt. Leere Stühle. Zerbrochene Beziehungen. Getrennte Familien. Über dem Weihnachtsfest, der Zeit für Freude und Zusammenkünfte, liegt ein nostalgischer Hauch, vermischt mit Traurigkeit, Kummer und Ruhelosigkeit. Den Glanz dieser fröhlichen Tage können wir nicht mehr spüren. Wir erwarten nicht mehr mit Ungeduld die Freude, die dieses Datum mit sich bringt.

Es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Das Funkeln ist weg, weil da jemand fehlt. Weil sich alles im Laufe der Jahre so verändert hat, dass wir die wunderbare Illusion verloren haben, die uns als Kinder verzaubert hat. Wir haben uns die Unschuld nicht erhalten, die freudig auch das kleinste Detail bemerkte. Denn absolut jede weihnachtliche Kleinigkeit war von einer unzerstörbaren Magie erfüllt. Traurigerweise freuen wir uns heute an nichts mehr, weil in uns der Groll haust und die Abwesenheit regiert.

Warum überkommt uns die Traurigkeit besonders an Tagen wie dem Weihnachtsfest? In diesen Augenblicken, wenn sich die Festtage nähern und alles beginnt: die Vorbereitungen, die Geschenke, das festliche Schmücken und die Menüauswahl, dann kommen die Erinnerungen hoch und überschwemmen unseren Geist. Wir können sie nicht vermeiden. Die Macht des Weihnachtsfestes, das vor der Tür steht, lässt uns die Abwesenheit geliebter Personen noch bewusster fühlen, jenseits aller Entscheidungen und Überraschungen.

Wie viele von uns werden am 24. da sein? Und am 25.? Wer wird kommen und wo werde ich an Weihnachten sein?

Wie viele von uns werden am 24. da sein? Und am 25.? Wer kommt vorbei und wo werde ich Weihnachten feiern? Wenn diese Fragen gestellt werden, kommt auch unvermeidbar die Frage nach den leeren Stühlen auf. Die leeren Stühle stehen sinnbildlich für die Menschen, die nicht mehr da sind. Menschen, die fortgegangen oder gestorben sind. Wir haben noch die Erinnerungen an die Augenblicke, die uns jetzt sogar noch glücklicher und reichhaltiger vorkommen, als wir sie damals erlebt haben. Das sind unsere Erinnerungen – mehr als die, die noch kommen werden, und natürlich die, die wir aktuell formen.

Diejenigen, die weit fort sind, Leute, die das Leben einen anderen Weg entlanggeführt hat. Menschen, die aus eigener Entscheidung nicht mehr da sind, die jetzt nachtragend sind und die vom Tod mitgenommen wurden. Leere Stühle, die – obwohl auf ihnen kein Mensch aus Fleisch und Blut sitzt – uns an diesen Festtagen begleiten, um den Schmerz in den gegenwärtigen Augenblick hineinzutragen. Einen Schmerz, der aufgrund unseres alltäglichen Lebens betäubt wurde. Und ja, der Anblick der leeren Stühle tut weh – unsere Augen füllen sich dabei mit Tränen, unsere Seele mit Trauer. Wir spüren die Umarmungen, die noch zu vergeben waren, ohne dass die Körper anwesend wären, um die sich die Arme legen könnten.

Es tut wirklich weh, sie zu sehen. Aber es gibt da einen Raum über diesen Stühlen, den wir umarmen, akzeptieren und ohne jedes Misstrauen benennen können. Und ich sage hier ohne Misstrauen, weil wir nicht vergessen sollten, dass die Stühle, auf denen jemand sitzt, unser Lächeln verdienen – obwohl wir über die leeren Stühle weinen könnten.

Das Weihnachtsfest ist in sich widersprüchlich

Weihnachten trägt einen Widerspruch in sich. Die Magie, die sich durch miteinander geteilte Momente und die Zusammenkunft entfaltet, steht in krassem Widerspruch zu dem Schmerz, den wir durch die Abwesenheit unserer Lieben spüren. Auch zu der Sehnsucht, die wir nach den Menschen haben, die gestorben sind, oder zum Ressentiment über einen Stuhl, der leer bleibt. Oder zu der Leere eines Stuhls, die das Ergebnis von Meinungsverschiedenheiten im laufenden Jahr und auch in den vorangegangenen Jahren ist.

Wir können die leeren Stühle nicht ignorieren, aber wir können auch die besetzten Stühle nicht ignorieren, die voll von Präsenz und Liebe sind. Es ist sehr wahrscheinlich, dass uns nicht alle besetzten Stühle mit einem wohligen Gefühl erfüllen. Dennoch sollten wir nicht den Wert der Möglichkeit untergraben, die Stühle zu genießen, die wir mögen. Denken wir daran, dass uns das Leben per definitionem zu irgendeinem Zeitpunkt von den Stühlen trennen wird, die wir jetzt über alle Maßen lieben.

Lasst uns also während der Weihnachtsferien – die für die einen anstehen und für die anderen verbrannte Erde sind –  nicht vergessen, auf alles anzustoßen, was uns angeboten wird. Denn es ist immer gut, das Glas zu erheben und dankbar für die Tatsache zu sein, dass unser Herz noch schlägt. Dadurch bieten wir den Stühlen, die besetzt sind, unseren Frieden an und erinnern uns gleichzeitig an die guten Zeiten, als die leeren Stühle noch besetzt waren.