Die japanische Kunst der Akzeptanz: die Verwundbarkeit umarmen

15, Juli 2017 en Psychologie 550 Geteilt

In einem entscheidenden Moment im Leben nichts zu tun, kann bewirken, dass wir den entscheidenden Schritt zu einer unglaublichen Erfahrung nicht tun. Sich die eigene Verwundbarkeit einzugestehen, ist mutig und Voraussetzung, um seine Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Im Japanischen gibt es einen Ausdruck, der im zweiten Weltkrieg an Beliebtheit gewann. Dieser Ausdruck wird seit dem Tsunami vom 11. März 2011 wieder häufiger verwendet. „Shikata ga nai“ bedeutet etwa „wir können nichts tun“.

„Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit machen dich verwundbar. Egal was passiert, sei immer ehrlich und aufrichtig.“

Heilige Mutter Theresa von Kalkutta

Japaner verstehen diesen Ausdruck ganz anders als er wahrscheinlich für die meisten Abendländer klingt, nämlich negativ und hoffnungslos. Japaner schreiben ihm eine nützlichere und würdevollere Bedeutung zu: Wenn es ungerecht zugeht im Leben, bringen Zorn oder Wut gar nichts. Genauso wenig nützt es, sich im eigenen Leid zu verfangen, indem man sich ständig fragt: „Warum ich, wie habe ich das verdient?“

Akzeptanz ist der erste Schritt zur Befreiung. Man kann sich niemals von allem Schmerz und Leid befreien, das ist klar, aber wenn man akzeptiert, was einem widerfahren ist, kann man etwas Essenzielles zurückgewinnen, das einem ermöglicht, den Blick nach vorn zu richten: den Lebenswillen.

„Shikata ga nai“ oder die Macht der Verwundbarkeit

Seit dem Erdbeben 2011 und der darauf folgenden nuklearen Katastrophe in dem Atomkraftwerk in Fukushima reisen viele westliche Journalisten in den Nordosten Japans, um sich anzuschauen, was diese Tragödie angerichtet hat und wie die Menschen dort mit der Katastrophe fertig werden. Es ist faszinierend, zu sehen, wie sie mit ihren Verlusten und diesem radikalen Einschnitt in ihrem Leben umgehen.

Die Journalisten nehmen mehr als nur einen Bericht mit nach Hause. Sie erreichen mehr als nur Interviews und Fotos. Sie erfahren Weisheit und kehren mit dem Gefühl einer inneren Veränderung in ihren westlichen Alltag zurück. Ein Beispiel für die beeindruckende Tapferkeit bietet Herr Sato Shigematsu, der durch den Tsunami seine Frau und seinen Sohn verloren hat.

Sato Shigematsu schreibt jeden Morgen er ein Haiku. Das ist ein Gedicht über die Natur oder das alltägliche Leben, das aus drei Versen besteht. Herr Schigematsu findet großen Trost in dieser Morgenroutine und zeigt den Journalisten gern seine Haikus, wie das folgende:

„Ohne Hab und Gut, nackt
Aber gesegnet von der Natur
Von der Brise gestreichelt, die den Sommer ankündigt.“

Wie der Mann, der gleichzeitig Überlebender und Opfer des Tsunami ist, erklärt, läge der Wert dieser Morgenroutine darin, eine Verbindung zu sich selbst zu schaffen, um zu heilen, wie es die Natur ebenfalls tue. Er erklärt zudem, dass das Leben ungewiss sei, und manchmal erbarmungslos. Gelegentlich könne es sogar grausam sein. Das Passierte zu akzeptieren und zu sich selbst „Shikata ga nai“  zu sagen, ermögliche es ihm aber, sein Leid zu lindern, um sich auf das Notwendige zu konzentrieren, darauf, sich ein neues Leben aufzubauen.

„Nana korobi, ya oki“: Wenn du siebenmal hinfällst, stehe achtmal wieder auf

„Nana korobi, ya oki“ bedeutet etwa „wenn du siebenmal hinfällst, stehe achtmal wieder auf“ und ist eine alte japanische Redewendung. Sie spiegelt dieses Ideal der Widerstandsfähigkeit, das in der japanischen Kultur so fest verwurzelt ist, perfekt wider. Diese Widerstandsfähigkeit können wir in ihrem Sport beobachten, in der Art, wie sie Geschäfte abschließen, wie sie sich auf die Bildung konzentrieren und auch in ihrer Kunst.

Der weiseste und stärkste Krieger ist sich seiner eigenen Verwundbarkeit bewusst.

Diese Widerstandsfähigkeit weist wichtige Nuancen auf. Diese zu verstehen, kann sich als sehr nützlich erweisen und ermöglicht es uns, auf effektivere Weise mit Widrigkeiten umzugehen.

Wie Verwundbarkeit unsere Widerstandsfähigkeit stärken kann

Einem Artikel der Zeitung Japan Times  zufolge, führt das Eingeständnis der eigenen Verwundbarkeit zu positiven Veränderungen im Organismus. Der Blutdruck sinkt und wir fühlen uns weniger gestresst. Sich mit der Tragödie abzufinden, sich seine Verwundbarkeit einzugestehen und seinen Schmerz zu akzeptieren, ist eine Art, loszulassen und das, was man sowieso nicht mehr ändern kann, so hinzunehmen, wie es ist.

  • Nach dem Tsunami halfen sich die meisten Überlebenden gegenseitig, nach dem Motto „Ganbatte kudasai“, also „wir dürfen nicht aufgeben“. Die Japaner verstehen, dass man die Situation, in der man sich befindet, akzeptieren muss und sich für sich selbst und andere nützlich machen muss, um eine Krise zu überwinden.
  • Ein weiterer interessanter Aspekt ist ihre Auffassung von Ruhe und Geduld. Japaner wissen, dass alles seine Zeit braucht. Niemand kann sich von einem auf den anderen Tag erholen. Die Heilung eines gebrochenen Herzens braucht Zeit, viel Zeit. Auch der Wiederaufbau eines Dorfes, einer Stadt und eines ganzen Landes braucht Zeit.

Wir brauchen viel Geduld, Umsichtigkeit und Ausdauer. Denn egal wie oft uns das Leben oder die Natur mit ihren Katastrophen zu Boden schlägt, wir werden nie aufgeben. Die Menschheit ist widerstandsfähig und wird fortbestehen. Lernen wir also von der Weisheit, die uns die japanische Kultur schenkt.

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