Kunst als Zufluchtsort und Abhilfe bei Leid

8. Juni 2017 en Psychologie 182 Geteilt

Für Frida Kahlo war das Malen eine Möglichkeit, ihren Schmerz auf eine künstlerische Art und Weise zum Ausdruck zu bringen. Es war ihre Abhilfe, ihr Zufluchtsort, ihre Form der Freiheit. Denn sie wollte nie ein Opfer sein, verstand schon sehr früh, dass es es im Leben nicht wert ist, sich durch sein physisches Leid zu identifizieren. Für Frida Kahlo war das Leben vor allem eins: Leidenschaft.

Wenn man ihr Werk Zerbrochene Säule  von 1944 bestaunt, kommt man nicht umhin, einen regelrechten Schauder zu verspüren. Auf diesem Leinwandgemälde ist die Bedeutung des Schmerzes so stark wie in keinem anderen ihrer Werke zu spüren. Der physische Schmerz ist so deutlich zu erkennen, dass es fast schon entmutigend wirkt. Die jahrelange Behandlung und die orthopädischen Stützen, die sie so lange tragen musste, sind von ihr auf diesem Bild in Form des übersäten Leides ihres Körpers und  als Synonym für ihre Tortur verewigt worden:

Es war Frida, die einst erklärte, dass sie all diese Selbstporträts male, weil sie sich einsam fühle. Sie wollte nicht nur ihr physisches Leid kanalisieren, sondern brauchte vor allen Dingen jemanden, dem sie erklären konnte, wie sie sich fühlte, und dieser Mensch war kein anderer als sie selbst.

Die berühmte mexikanische Malerin ist ein Vorbild, was das Leben und die innere Einstellung anbelangt, und sie verdeutlicht uns eines sehr stark: Die Kreativität ist eine Strategie, ein außergewöhnliches Werkzeug, das dazu in der Lage ist, uns zu helfen, nicht nur um den Schmerz zu verarbeiten, sondern auch um Abhilfe bei Leid zu schaffen. Ausdruckstherapien wie das Malen, das Schreiben oder die Komposition sind daneben auch eine Möglichkeit, sich selbst zu finden, sich um sich selbst zu kümmern und sein emotionales Gleichgewicht wiederzufinden.

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel zum Fliegen habe?“

Frida Kahlo

Leid und der gefolterte Künstler

Oft denken wir, dass ein Künstler einen gefolterten Verstand und ein verletztes Herz benötige, um den Gipfel der Ausdrucksfähigkeit und Genialität zu erreichen. Viele von uns stellen sich noch immer einen gefolterten Poeten und einen Autor, der in den Nächten seines Deliriums frenetisch schreibt, als den typischen Künstler vor.

„Unsere Existenz ist nichts weiter als ein Kurzschluss des Lichts zwischen zwei unendlichen Dunkelheiten.“

Valdimir Nabokov

Doch abgesehen vom Leid gibt es ein weiteres, wohl wichtigeres Merkmal, das Künstler wie Lord Byron, Edgar Allan Poe, Ernest Hemingway und eben Frida Kahlo beschreibt: die Leidenschaft. Frida Kahlos Verstand war keinesfalls gewöhnlich. Wenn wir ihn im Detail analysieren, fällt uns auf, dass ihr Geist perfekt den Vorstellungen von Howard Gardner von einem kreativen Verstand entspricht:

  • Kreativität ist ein einsamer Akt.
  • Kreative Menschen gehen über das Gewöhnliche, über das, was für andere logisch oder zu erwarten ist, hinaus.
  • Der kreative Verstand geht Risiken ein und traut sich etwas.
  • Das kreative Potenzial ist der emotionalen Welt sehr unterwürfig.

Vincent van Gogh, 1889: Sternennacht

Traurigkeit und Schmerz laden einen Künstler dazu sein, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen

Eine der zutreffendsten Definitionen für die Kreativität lieferte uns der Essayist Richard Luecke. Für ihn ist die Kreativität kein mentaler Zustand, nichts Genetisches und noch weniger ein ausschließlich mit dem Intelligenzquotienten verbundenes Konstrukt. Sie ist ein Entwicklungsprozess und eine Form des Ausdrucks, mit der wir Probleme lösen oder emotionale Bedürfnisse befriedigen können, was am interessantesten an seiner Theorie ist.

Zweifellos dient Kunst als Abhilfe bei Leid, aber durch sie können wir auch Glück, Angst und sogar Wut ausdrücken. Wir finden in der Kunst auch einen sehr angenehmen Zufluchtsort, an dem wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, uns Beachtung schenken, Unsicherheiten verstehen lernen und aus schwarzen Löchern entkommen können, um gestärkt und vor allem befreit in die Realität zurückzukehren.

Ich bin Künstler und kann mit meinen negativen Emotionen gut umgehen

Rufus Wainwright ist ein anerkannter kanadischer Sänger, der 2010 die CD All Days Are Nights: Songs for Lulu  herausbrachte, auf der er wiederholte Male sein Leid, wie er es im jeweiligen Moment verspürte, umgesetzt hat. Zu den entsprechenden Konzerten erschien er vollkommen in schwarz gekleidet und bat das Publikum darum, zwischen den Liedern nicht zu applaudieren.

„Leid rechtfertigt sich, sobald es zum Rohmaterial der Schönheit wird.“

Jean-Paul Sartre

Er hatte gerade seine Mutter verloren und sein Verstand wurde zudem von dem Trauma gepeinigt, das er erlitt, als er im Alter von 14 Jahren vergewaltigt wurde. Heute, und dank einer glücklichen Ehe, fährt sein Boot des Lebens auf einem emotional viel ruhigeren und sichereren Ozean. Manche fragen sich daher, ob ihm das heutige Glück vielleicht nicht erlaube, „gute Songs“ wie vor einigen Jahren zu schreiben.

Wainwright ist sehr entschieden, was diesen Punkt betrifft. Er weiß ganz genau, dass es im Bezug auf Leid kein Davor oder Danach gibt, besonders dann nicht, wenn von traumatischen Kindheitserfahrungen die Rede ist. Die Dämonen tanzen immer um einen herum und werden niemals ganz verschwinden. Was aber Fakt ist, ist, dass man an einen Punkt kommt, an dem man sich entscheidet, für immer ein Opfer zu sein oder sich zu erlauben, glücklich zu sein, trotz dieser schrecklichen Erinnerungen.

In seinen Kompositionen ist ein Teil der Traurigkeit aus seiner Vergangenheit noch immer nicht verstummt, ist noch immer präsent, weil es ein Teil von ihm und ein Teil der Befreiung ist, die seine Kreativität formt. Doch auch sein heutiges Glück ist ein wunderbarer Teil seiner Werke. Wieso sollte er  sich von einem dieser beiden Aspekte distanzieren?

Letztendlich sind wir Menschen doch ein komplexes Gemisch entgegengesetzter Gefühle und bestehen aus Licht und Schatten, die aus uns den Menschen machen, der wir sind. Am wichtigsten ist, dass wir nicht den Kopf in den Sand stecken, so wie Frida Kahlo, unsere Leidenschaft entdecken, ausleben und aus ihr unseren Zufluchtsort machen, wo wir unseren Schmerz kanalisieren können, um der Welt unser bestes Ich zu schenken und um gleichzeitig unser emotionales Universum zu umsorgen.

Sage der Opferrolle endgültig Lebewohl

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entscheidend, um ein glückliches… >>> Mehr

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