Kufungisisa – oder die Gefahr, zu viel nachzudenken

· 9. März 2019

In Simbabwe gibt es einen Stamm, der einen Begriff gefunden hat, der die meisten der psychologischen Probleme beschreibt, die die moderne Gesellschaft quälen. Dabei handelt es sich um den Ausdruck „kufungisisa“, den wir in etwa mit „zu viel nachdenken“ übersetzen könnten. Kufungisisa kann sich auf Konflikte beziehen, die uns in der Gegenwart beschäftigen, oder auf Traumata, die wir in der Vergangenheit erlebt haben.

Unter den Shona, die einen Großteil der Bevölkerung Simbabwes ausmachen, ist die Vorstellung verbreitet, dass es krank mache, wenn wir uns bestimmte Gedanken immer und immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Tatsächlich glauben sie, dass solches Verhalten nicht nur zu mentalen Problemen beitrage, sondern auch körperliche Beschwerden verursache. Die Angehörigen dieses Volkes wissen, dass exzessives Grübeln zu Angststörungen und Depressionen führen kann, aber auch zu weiteren Symptomen, die sich auf physiologischer Ebene zeigen und unter anderem Müdigkeit und Kopfschmerzen umfassen.

Steckt aber etwas Wahres hinter diesem Konzept von Kufungisisa? Und lässt es sich auf unsere Gesellschaft übertragen? Bereiten wir uns Probleme, wenn wir zu viel nachdenken? in diesem Artikel wollen wir die Antworten auf diese Fragen suchen.

Kufungisisa – wenn zu viel nachdenken uns krank macht

Die Spezies Mensch ist zu Recht stolz darauf, eine enorme Fähigkeit zur Reflexion und zum Nachdenken entwickelt zu haben. Im Gegensatz zu den allermeisten anderen Arten, die sich von ihrem Instinkt leiten lassen, sind wir in der Lage, zu reflektieren, was uns passiert, und einen Plan zu entwerfen, wie wir darauf reagieren wollen. Das hat uns in der Evolutionsgeschichte weit nach vorn gebracht, ist aber trotzdem ein zweischneidiges Schwert.

Frau sieht sich mit mehreren Problemen konfrontiert

Denn mit dem Vermögen, zu erkennen und zu analysieren, was uns geschieht, haben wir eine weitere Fähigkeiten erworben: die, aufgrund der Umstände zu leiden. Wenn wir darüber einen Moment lang nachdenken, dann wird uns schnell klar, dass es eben jene Fähigkeit zur Reflexion ist, die uns auch jede Menge Probleme bringt.

Unseres Wissens nach sind die Shona der einzige Stamm, der diesen Zusammenhang mit einem einzigen Wort beschreibt. Kufungisisa. Die Psychologen der westlichen Welt wissen um dieses Problem, benötigen aber eine ganze Hand voll Absätze, um es zu erklären. Davon wollen wir uns gar nicht ausnehmen.

Nun, mit der Entwicklung der kognitiven Wissenschaft und ihren unzähligen Untersuchungen dazu, wie der menschliche Geist funktioniert, ist uns zunehmend klar geworden, dass es nicht die Ereignisse sind, die uns widerfahren, die uns schlecht fühlen lassen, sondern unsere Interpretation derselben, unsere Emotionen und Gedanken über sie.

Albert Ellis, seines Zeichens Begründer der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie, wusste darüber nur zu gut Bescheid. Was uns wirklich nahegeht, ist nicht, was wir erleben, sondern was wir in unserem Kopf mit dem Erlebten assoziieren. Wie aber ist es möglich, dass unser Hirn uns schlecht fühlen lässt?

Die Rolle unseres Gehirns verstehen

Wir Menschen wachsen in einer uns feindlichen Umgebung auf. Ja, die meisten von uns leben im Überfluss, müssen sich keine Sorgen darum machen, auch morgen noch Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber Teile unseres Gehirns funktionieren nach wie vor, als lebten wir in der Steinzeit. Wir könnten sogar sagen, dass einige dieser Funktionen obsolet geworden seien – während sie vor Tausenden von Jahren unser Überleben sicherten, tragen sie heute dazu bei, dass wir psychische Störungen entwickeln.

Einige dieser Funktionen, die der modernen Welt kaum angepasst sind, betreffen die Verarbeitung von Informationen. Unser Urahnen lebten in ständiger Gefahr. Wenn sie überleben wollten, durften sie ihre Umgebung nicht aus den Augen verlieren und mussten jederzeit bereit sein, zu reagieren, wenn sich eine Bedrohung materialisierte. Die Risiken, denen sie ausgesetzt waren, umfassten wilde Tiere, Konkurrenten im Kampf um Nahrung und Obdach, aber auch so unkontrollierbare Dimensionen wie Temperatur und Niederschlag.

Aus evolutionärer Sicht ist das noch gar nicht solange her und unser Gehirn ist immer noch darauf programmiert, vor Säbelzahntigern zu fliehen. Unser retikuläres Aktivierungssystem kümmert sich weiterhin darum, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf all das lenken, von dem potenziell eine Gefahr ausgeht.

Das ist der Grund dafür, warum wir dazu neigen, uns auf das Negative zu konzentrieren. Und es ist das organische Pendant zu kufungisisa, jenem Konzept, dass die Shona verwenden, um zu beschreiben, dass der Mensch in seiner Umwelt vor allem das Schlechte wahrnimmt und darunter leidet.

Wie wir damit aufhören können, zu viel nachzudenken

Die Bedeutung unserer Denkmuster für unser Wohlbefinden kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das wird uns deutlich, wenn wir versuchen, sie zu durchbrechen und die Art und Weise, wie wir die Welt sehen zu verändern. Es ist eine wahre Herausforderung, die aber zu bewältigen ist, wenn wir uns auf zwei Schlüsselaspekte konzentrieren, die Philosophen schon seit Jahrhunderten bekannt sind:

  • Ändern wir unsere Gedanken zu dem, was uns passiert.
  • Leben wir in der Gegenwart.

Schauen wir uns beide Punkte einmal genauer an.

Frau stützt ihren Kopf auf

1. Unsere Gedanken ändern

Die erste Antwort auf die Frage, wie sich Unwohlsein wegen zu viel Grübelei begegnen lässt, ist, ganz einfach, unsere Gedanken und unseren inneren Dialog umzugestalten. Schulen wie die des Stoizismus lehren, dass das, was uns widerfährt, nur selten wirkliche Bedeutung erlangt. Und die moderne kognitive Psychologie greift diese althergebrachte Idee auf, um uns beizubringen, wie wir unsere Perspektive auf das aktuelle Geschehen erweitern können.

Vertreter dieser Ideen sind davon überzeugt, dass das, was wir erleben, selten so schrecklich sei, wie wir es erleben. Wenn wir es schaffen, diese Vorstellung zu verinnerlichen, werden wir sehen, wie sich viele unserer Probleme in Luft auflösen. Dieser Lehre nach hat es beispielsweise wenig Sinn, sich in einem Meer der Sorgen zu ertränken, und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen liegt vieles außerhalb unseres Einflussbereiches und zum anderen sind wir in der Lage, unser Glück zu finden, komme, was wolle.

2. Im Hier und Jetzt leben

Wenn wir in den fernen Osten schauen und uns mit den Philosophien beschäftigen, die dort ihren Ursprung haben, mit dem Buddhismus und der modernen Praxis des Mindfulness beispielsweise, dann stoßen wir ebenfalls auf Ideen, die der von kufungisisa ähneln: Die Ursache allen Leides sind unsere Denkmuster. Daher wird all jenen Denkern, die die Welt in einem eher unschönen Licht wahrnehmen, empfohlen, Strategien zu erlernen, die es ihnen erlauben, ihre Aufmerksamkeit aus Vergangenheit und Zukunft abzuziehen und in der Gegenwart zu bündeln.

Das ist keine leichte Aufgabe. Wenn wir uns aber das Ziel setzen, mehr in der Gegenwart zu leben, und Techniken wie Meditation und Yoga praktizieren, können wir erfolgreich sein. Zahlreiche Studien haben bestätigt, dass sowohl psychische als auch physische Gesundheit davon profitieren, wenn wir unseren Geist zur Ruhe bringen.

Die Vorstellung von kufungisisa oder die Idee, dass es uns nichts Gutes bringe, wenn wir zu viel nachdenken, findet sich in verschiedenen Kulturen auf allen Kontinenten wieder. Aber wenn wir ein bisschen Zeit und Mühe investieren, können wir alle lernen, wie sich dieses Problem vermeiden lässt. Solltest du dabei Hilfe benötigen, zögere nicht, einen Experten zu konsultieren oder mit dem Psychologen deines Vertrauens zu sprechen. Sie können dir helfen, den Weg zur Freiheit des Geistes zu finden. Er ist weniger steinig, als du vielleicht glauben magst.