Gibt es einen Zusammenhang zwischen Angststörungen und Intelligenz?

5. März 2019

Das Glück ist mit den Dummen, lautet ein bekanntes Sprichwort, das in jüngster Zeit wiederholt wissenschaftlich untermauert zu seinen worden scheint. So zeigte eine Studie, die an der Lakehead University in Kanada durchgeführt wurde, dass überdurchschnittliche Intelligenz mit einer Neigung zu Angststörungen korreliert. Es scheint ein direkter Zusammenhang zu bestehen zwischen einem brillanten Geist mit ausgeprägten analytischen Fähigkeiten und der übermäßigen Sorge um Gesellschaft und Umwelt.

Vor einiger Zeit haben wir in unserem Blog über eine mögliche Verbindung zwischen Intelligenz und Depressionen geschrieben. Damals wie heute gilt, dass die zitierten Studien darauf hinweisen, dass diejenigen mit einem hohen Intelligenzquotienten eine verstärkte Tendenz zeigen, bestimmte psychische Störungen zu entwickeln. Dabei handelt es sich nicht um ein festgeschriebenes Gesetz, aber durchaus um eine ernst zu nehmende Tatsache.

Es besteht eine direkte Verbindung zwischen überdurchschnittlicher Intelligenz und Angststörungen, deren organische Grundlagen in der weißen Substanz des Gehirns zu suchen sind.

Ganz unterschiedliche wissenschaftliche Einrichtungen, darunter die medizinischen Fakultäten mit ihren psychologischen Instituten, versuchen immer wieder, interessante Studienergebnisse nicht nur dem Fachpublikum, sondern auch der Allgemeinbevölkerung zugänglich zu machen. Das gilt insbesondere, wenn die Resultate sowohl in der Klinik als auch in der Prävention von Relevanz sind, wenn sie Betroffene in die Lage versetzen, ihre eigene Situation besser zu verstehen. Eine solche Veröffentlichung besagte kürzlich, dass ein wesentlicher Anteil der Menschen mit hohem Intelligenzquotienten Gemütszustände und Verhaltensweisen aufweist, die nicht mit ihrem privilegierten Gehirn harmonisieren. Sie sind nicht glücklich; sie sind häufig frustriert und es fällt ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen.

Könnten wir Neuropsychologen und Psychiater auf der ganzen Welt befragen, würden uns wohl viele von ihnen vom selben Problem berichten, nämlich von Patienten mit hoher Intelligenz und chronischer, generalisierter Angststörung. Worin aber besteht dieser Zusammenhang?

Frau mit zwei Gesichtern stützt sich auf ihre Hand

Zusammenhang zwischen Angststörungen und Intelligenz

Wer im Bildungswesen arbeitet, dem mag das kein gänzlich unbekanntes Problem sein. Es gibt brillante Schüler, die sich durch ein außerordentlich stabiles Gleichgewicht und eine bewundernswerte Ruhe auszeichnen. Andere hingegen sind schnell frustriert, wenn sie sich mit Veränderungen konfrontiert sehen, antizipieren das Negative und verfallen so in einen erschöpfenden, von Stress geprägtem Zustand. Das kann so weit gehen, dass ihre schulischen Leistungen sinken.

Tscahi Ein-Dor und Orgad Tal, beide Psychologin an der Lakehead University, haben dazu an mehreren weiterführenden Schulen Experimente durchgeführt. Es ging ihnen darum, die beschriebenen Verhaltensweisen zu analysieren und zu verstehen, stellen sie doch für die betroffenen Schüler nicht nur eine Belastung, sondern oft auch ein Hindernis dem Weg zum persönlichen Erfolg dar. Einige der Schüler, die die gesuchten Merkmale aufwiesen, wurden magnetresonanztomografisch untersucht, und es war jene bildgebende Technik, die erstaunliche Details ans Licht brachte.

Überdurchschnittliche Intelligenz und weiße Substanz

Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass sich sowohl der hohe Intelligenzquotient als auch die Neigung zur Angststörung durch eine Anomalie in der weißen Substanz erklären lassen. Rufen wir uns in Erinnerung, dass diese Substanz vorwiegend aus myelinisierten Axonen besteht, also aus Nervenfasern, nicht aus grauen Zellen, und dass sie der Weiterleitung von Informationen dient. Damit wird sie zur Basis sämtlicher kognitiver Prozesse und unserer Intelligenz.

Virtueller Mensch

Einige Autoren sind der Meinung, dass die Entwicklung unserer Intelligenz im Laufe der Evolution des Menschen von der Entwicklung der Angst begleitet wurde. Der Grund dafür? Beide waren überlebenswichtig. Nur der, der Angst verspürte, konnte Gefahren und Risiken vorausahnen und ihnen so aus dem Weg gehen. Dafür bedurfte es analytischer Fähigkeiten und, in der Mehrzahl der Fälle, einer schnellen Verarbeitung von Informationen. Sie waren die Grundvoraussetzungen für unser Überleben und damit für die Weitergabe unserer Gene. Trotzdem müssen wir feststellen, dass die Intelligenz an dem Punkt ihre Funktion einbüßt, an dem die Angst den Schwellenwert zum Pathologischen überschreitet. Dann motiviert sie nämlich nicht mehr zu Kampf oder Flucht, sondern lähmt.

Merkmale intelligenter Personen mit Angststörungen

Die erwähnte Anomalie in der weißen Substanz lässt keinen sicheren Rückschluss darauf zu, ob eine Person überdurchschnittlich intelligent ist oder zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben eine Angststörung entwickelt. Vielmehr ist sie als Risikofaktor zu verstehen. Diese Menschen sind empfindlicher, was einen Kontrollverlust über ihre Emotionen in Momenten von Stress betrifft. Sollten sie jedoch den entsprechenden Phänotyp entwickeln, dann zeigt sich dieser in den folgenden Merkmalen:

  • Wächterintelligenz. Damit beziehen wir uns auf die Fähigkeit, Bedrohungen und Gefahren zu antizipieren, die andere Menschen nicht wahrnehmen. Das mag sich unter bestimmten Umständen als Vorteil erweisen.
  • Überempfindlichkeit. Das gemeinsame Auftreten von hoher Intelligenz und Angststörungen bewirkt eine geringe Toleranz in Momenten sozialer Interaktion. Die Gegenwart vieler weiterer Menschen bedeutet eine Reizüberflutung, die Betroffene überfordern kann und sie geistig erschöpft.
  • Emotionale Ansteckung. Ein weiteres Merkmal von intelligenten Personen mit Neigung zur Angst ist ihre gering entwickelte Fähigkeit zur Ekpathie, also zur bewussten Abgrenzung der eigenen Gefühlswelt von den Emotionen anderer. Sie sind sehr empfindlich gegenüber deren Gefühlen, können sie nur unzureichend filtern und sind deshalb kaum in der Lage, sie nicht an sich heranzulassen. Deshalb leiden sie, wenn andere leiden, stecken sich regelrecht mit deren Problemen an, was ihre eigenen Energiereserven aufzehrt.
  • Verschwenderisches Unterbewusstsein. Dieser Terminus mag ein wenig seltsam klingen, bezieht sich aber auf ein Phänomen, das uns allen bekannt ist: Menschen mit hohem Intelligenzquotienten tendieren dazu, sich übermäßig zu sorgen – und zwar nicht nur über globale Probleme, die wirklich weitreichende Folgen haben können. Nein, sie investieren ihre geistige Energie in unbedeutende Details, die sich ungeachtet ihrer Konfiguration weniger stark auf ihr Leben auswirken als die mentale Erschöpfung, die sich aus ihrer Neigung zur Sorge ergibt.
  • Die Welt ist voller Möglichkeiten und sie können keine einzige davon ignorieren. Auch dies ist ein Zeichen für überdurchschnittliche Intelligenz in Kombination mit einer Angststörung. Betroffenen ist es nicht möglich, Grenzen zu ziehen, sich für eine Möglichkeit (oder zumindest einige wenige) zu entscheiden und andere beiseite zu lassen. Ihrer Welt ist voller Chancen, aber auch voller Variablen und Bedingungen, die es ihnen unmöglich machen, die bestmögliche Entscheidung zu treffen, ohne ein Risiko einzugehen. Deshalb fällt es ihnen enorm schwer, sich festzulegen.
Kopf als Labyrinth

An diesem Punkt drängt sich eine bestimmte Frage regelrecht auf: Wie können wir damit umgehen, wenn uns das betrifft? Was können wir mit diesem hyperaktiven Geist tun, der nicht in der Lage ist, Filter anzuwenden, um in dieser komplexen Realität nicht mit Reizen, Informationen und Emotionen überflutet zu werden? Der Schlüssel scheint darin zu liegen, unsere Angst zu mindern, so weit es uns möglich ist, damit sie uns nicht länger daran hindert, unser volles Potenzial zu entfalten. Aber diese Annahme ist falsch.

Machen wir uns unsere Angst zum Partner, nutzen wir sie zu unserem Vorteil. Arbeiten wir mit unserer Angst und lassen wir zu, dass sie unser Potenzial noch steigert. Wir haben erwähnt, dass evolutionsgeschichtliche Entwicklung von Intelligenz und Angst Hand in Hand ging, um uns jenen Vorteil zu verschaffen, der unser Wachstum als Spezies zuließ. Orientieren wir uns deshalb an der Natur, versuchen wir, nachzuvollziehen, was die Entwicklung des Menschen vorangebracht hat. Lernen wir, unseren hyperaktiven Verstand zu benutzen, um zu sehen, was andere nicht sehen: Chancen und Risiken, vor allem aber auch Wahrscheinlichkeiten. Letztere setzen erstere in eine realistischere Perspektive, verschaffen uns das nötige Gleichgewicht, um effektive Filter zu entwickeln, durch die unsere geistige Energie nur dann fließt, wenn wir es wollen.