Küsse – eine natürliche und wundervolle Sucht

· 11. April 2016

Vor nicht allzu langer Zeit fragte mich jemand nach dem rationalen und logischen Grund eines Kusses: Wozu dient ein Kuss? Welchem Evolutionscode folgt ein Kuss? Welchem Überlebensinstinkt ist er zuzuschreiben? Wo kommen Küsse überhaupt her? Wer war die oder der erste, der seine Zuneigung auf diese Art und Weise ausdrückte?

Küsse sind Instrumente der Kommunikation, des Verständnisses oder der Zuneigung zweier Personen. Wir sprechen hierbei nicht nur von Küssen, die sich ein Paar auf dem Mund gibt, sondern von Küssen zwischen Großeltern und Enkeln, Eltern und Kindern, Freunden und Geschwistern.

„…leider machen Küsse süchtig.“

Joaquín Sabina

Küsse können ausdrücken, was wir mit Worten nicht beschreiben können, sie können der Höhepunkt eines Gefühlsausbruchs sein, der Beginn eines unersetzbaren Momentes oder das letzte Kapitel einer Geschichte, deren Ende vorherzusehen war.

Für jeden Moment gibt es einen bestimmten Kuss, und so begann man Küsse zu hinterfragen. Doch wie können wir Küsse erforschen? Wie kommen wir zu dem Entschluss, dass sie süchtig machen?

Kuesse

Filematologie – die Wissenschaft des Kusses

Studien über Küsse und Arten der Kommunikation auf verschiedenen Gebieten (physiologische, evolutionsbezogene, psychologische Bereiche) haben dazu geführt, dass sich all die Kenntnisse und Forschungen zu einer Wissenschaft vereinen, die sich Filematologie nennt.

Ein seltsames Wort, das mit dem attraktiven Wort „küssen“ nicht mehr viel zu tun hat, ist von dem Begriff Philema (Kuss auf griechisch) abgeleitet. Das zeigt uns unter anderem, dass der Kuss schon seit tausenden Jahren besteht und bereits in einem früheren Zeitalter als eine Geste des Respekts oder der Bewunderung benutzt wurde.

Hinduistischen Texten zufolge erschienen Küsse wahrscheinlich erstmals 1.000 v. Chr., obwohl sie erst mit der Zeit in Bezug auf Sexualität an Wichtigkeit gewonnen haben.

Die Antwort auf die Frage, woher Küsse stammen, könnte der Cro-Magnon-Mensch sein. Zu dieser Zeit kauten Mütter ihren frisch geborenen Babys das Essen vor und gaben es ihnen mithilfe dieser Geste. Doch dieser „Kuss“ war auch ein Zeichen der Fürsorge, des Wohlbefindens, der Zuneigung und der Liebe.

Anthropologen und Biologen erforschen noch immer seine Bedeutung und wie er in Zusammenhang mit der Wahl des Partners in Verbindung steht. Die Filematologie ist eine Wissenschaft, in der es noch viel zu entdecken gibt.

Süchtig nach Küssen?

Wieso sprechen wir von einer Sucht? Dank Studien über den Kuss ist bekannt, welche Effekte dieser bei uns auslösen kann, mal ganz abgesehen von der Kommunikation und dem Ausdruck der Zuneigung.

Ein Beispiel hierfür ist, dass Küsse Schmerz lindern können, weil sie im Gehirn Hormone und chemische Elemente freisetzen, die ein Gefühl von Wohlbefinden, Entspannung, Beruhigung und Befreiung auslösen.

Küsse stimulieren unser Nervensystem, in dem ein lebendiger Strom entsteht, der viele Informationen zu unserem Herzen, unseren Muskeln, unserem Speichel und an unsere Atmung weiterleitet. Außerdem werden beim Küssen mehr als 30 verschiedene Muskelpartien beansprucht, was die Durchblutung der Haut fördert.

In der Wissenschaft könnte man das Küssen als eine Art Sucht betrachten, da eine Vielzahl an Neurotransmittern und Hormonen, wie Adrenalin (zuständig für freudige Gefühle, Aufregung, Hochmut), Oxytocin (zuständig für Gefühle des Wohlbefindens, Freude und Entspannung), Endorphine, Testosteron und Östrogen (zuständig für die sexuelle Lust) freigesetzt werden.

All diese Substanzen bilden eine natürliche Form der Sucht nach Küssen im Allgemeinen, küssen oder geküsst zu werden.

In unseren Lippen befinden sich viele Nervenbahnen, die unser Wohlbefinden und unsere Freude anregt – laut Angaben einiger Studien zufolge hat ein Kuss in etwa denselben Effekt wir 1 Gramm Kokain.

Tassen kuessen sich

Neueste neurologische Studien sprechen von einer Stimulierung der Spiegelneuronen, wenn wir uns küssen, was in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ausdruck von Mitgefühl steht.

Gibt es Menschen, die nicht gern küssen? Die gibt es natürlich auch – Menschen, die eben nicht so „kussfreudig“ sind. Dies kann mit der Erziehung, dem Temperament, Schüchternheit, Skrupellosigkeit oder schlechten Erfahrungen zusammenhängen.

Falls man mit so einer Person in einer Beziehung lebt, muss man zusammen als Paar andere Methoden oder Arten finden, um Liebe und Zuneigung zu zeigen.

Kiss, kuss, baiser, beijo, calus…

Für manche Kulturen ist der Mund die Pforte zur Seele und der Kuss eine Bedrohung, die diese erschüttern oder einem den Geist rauben kann. In anderen Ländern ist es verboten oder nicht gern in der Öffentlichkeit gesehen, sich zu küssen, oder es wird sogar ein bestimmtes Alter verlangt, um Küsse zu vergeben oder zu bekommen.

Auf jeden Fall fühlt sich Küssen gut an. Wenn wir küssen, teilen, vermitteln, übersetzen wir Gefühle. Es ist eine der am häufig verwendetsten Arten, Liebe zu kommunizieren. Und wenn dann noch die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt, ist es der perfekte Kuss.

„Ein Kuss? Der Kuss ist ein liebenswerter Trick der Natur, ein Gespräch zu unterbrechen, wenn Worte überflüssig werden.“

Ingrid Bergman

95 % der Bevölkerung kann sich nicht irren, wenn ein Kuss als etwas vollkommen Normales angesehen wird, mit dem jeder für sich etwas ausdrücken möchte.

Ein Eskimokuss, ein Kuss auf die Wange (je nach Land zwischen zwei und drei), ein Kuss auf die Hand, etc. – je nach Land, Volkskultur und Traditionen ist ein Kuss unterschiedlich.

Trotz Keimen, verlorener Seelen und „Kusskrankheiten“ ist es etwas Wunderschönes, wovon wir niemals genug bekommen können.

Verliebtes Paar im Wasser

Der perfekte Kuss

Du spitzt deine Lippen und schließt deine Augen (oder auch nicht), gibst oder bekommst von deinem Partner oder deinem Kind ein oder mehrere Küsse auf den Mund. Die perfekte Stelle für einen Kuss, mit dem du von einem Familienmitglied oder einem Freund Zuneigung erhältst, ist die Wange. Genauso perfekt ist ein Kuss auf die Stirn, wenn du dich von deinem Bruder verabschiedest… – jede Art des Kusses ist perfekt, abhängig von Moment und Person.

Wenn wir an unseren Partner denken, gibt es so viele verschiedene Küsse. Ein Kuss auf den Mund, sanft, mit Zunge, ohne Zunge, ein Kuss auf die obere oder untere Lippe, auf die Mundwinkel, ein Kuss, der die Lippen nur teilweise berührt… Doch was letztendlich zählt, ist, dass ihr miteinander verbunden seid und dieses Gefühl teilt, von dem wir zuvor gesprochen haben. Alles andere kann man immer noch verbessern.

Die Verbindung zu unseren Liebsten zu stärken, indem wir ihnen mit einem Kuss auf die Wange oder die Stirn unsere Zuneigung und Liebe zeigen, erzeugt ein Gefühl des Wohlbefindens und der Nähe, was nunmal süchtig machen kann, wenn wir ehrlich sind.

Das Küssen ist eine wunderbare Sucht, die es wert ist, ihr zu verfallen.

„Der Kuss ist der Zufluchtsort der Ehrlichkeit.“

Paul Géraldy