Kinder in Therapie: Behandlung von Dysfunktionalität

26 Oktober, 2020
Die Art und Weise, wie sich Kinder verhalten, sagt häufig sehr viel über ihre Familiendynamik und ihre Beziehungen aus. Daher kann eine psychologische Behandlung und Therapie auch so wichtig sein.

Heutzutage nimmt die Zahl der Kinder, die sich in Therapie befinden, fortlaufend zu. Die Ansätze, um dieses Phänomen und die Dysfunktionalität dieser Kinder zu erklären, deuten auf soziale Faktoren hin.

Bis zu einem gewissen Grad ist die Familiendynamik ein Spiegelbild der Dynamiken unserer heutigen Gesellschaft. Daher ist es nicht wirklich überraschend, dass Kinder heute immer mehr Probleme damit haben, einen Sinn in dieser zunehmend chaotischen Welt zu finden. Was sind die motivierenden Faktoren für ihr dysfunktionales Verhalten? Und wie kann eine psychologische Therapie bei der Behandlung dieser Dysfunktionalität hilfreich sein?

Damit wollen wir uns nun näher beschäftigen.

Chaos auf familiärer und sozialer Ebene

In Grund- und Mittelschulen treten in zunehmendem Maße Aggressionen und Gewalt unter Schülern auf. Dennoch wäre es reduktionistisch, diese Gewalt alleine auf das schulische Umfeld zurückzuführen.

Trotzdem sollten wir uns durchaus die Frage stellen, warum wir erwarten, dass Schulen frei von Gewalt sein sollten, obwohl Gewalt in jedem anderem sozialen Kontext eine Konstante ist. Verkehrsunfälle, Korruption, Körperverletzungen, Überfälle usw. Selbst auf Fußballplätzen kann es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommen.

Dysfunktionalität - trotziges Mädchen

Auch das Arbeitsumfeld ist heute häufig sehr instabil und oft sind Korruption und Missbrauch an der Tagesordnung. Dies alles hat zu einer Wirtschaft geführt, die durch eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich und eine große Anzahl von entrechteten, wütenden Menschen gekennzeichnet ist. Und als ob das nicht schon genug wäre, ist das Fernsehen voller Filme über Kriege zwischen den Sternen und Menschen im Showbusiness.

Wenn die Gesellschaft den Kindern Parameter über das, was richtig und falsch ist, zur Verfügung stellen soll, diese aber ausschließlich Dummheit, Korruption und Gewalt sehen, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie können wir dann erwarten, dass diese Kinder ein gesundes Weltbild haben?

Darüber hinaus führt der permanente Krisenzustand auch zu einer Verschärfung problematischer Situationen und zu Konflikten im familiären Umfeld. Dies wiederum führt letztendlich bei jedem einzelnen Familienmitglied zu einem gewissen Grad an Neurose. Daher ist Dysfunktionalität nicht mehr nur eine Falle, sondern sie wird zu einer echten Bedrohung.

Probleme zu Hause

Familieneinheiten existieren nicht isoliert von der Umwelt. Sie sind eingebunden in den sozialen Kontext und daher reproduzieren sie unweigerlich bis zu einem gewissen Grad auch das Gute und Schlechte des kulturellen Umfeldes, in dem sie sich befinden.

Heutzutage ist das familiäre Klima mit dem sozialen Klima identisch. Menschen haben Schwierigkeiten, mit einer übermäßigen Arbeitsbelastung Schritt zu halten, und befürchten, dass sie ersetzt werden, wenn sie es nicht schaffen.

Darüber hinaus sprechen viele Paare auch zu Hause nicht miteinander. Sie kümmern sich um die Organisation des täglichen Lebens und um die Erziehung der Kinder. Daher drehen sich die Gespräche häufig um die ausstehenden Rechnungen und Terminpläne.

Allerdings werden dabei tiefere und persönliche Fragestellungen und Reflexionen meist vernachlässigt. Denn viele Menschen wollen nicht das empfindliche Gleichgewicht ihrer Existenz riskieren. Sie haben Angst vor dem Chaos, das eine mögliche Trennung nach sich ziehen würde. Dieser Lebensstil verursacht eine gewisse Hilflosigkeit, die sich in ungesunden Reaktionen manifestiert, welche sich wiederum zu etwas viel Größerem und Zerstörerischem entwickeln können.

Das Klima permanenter Anspannung führt in Kombination mit aggressiven Verhaltensweisen zu einem Umfeld, das in jedem Familienmitglied Wut, geringes Selbstwertgefühl, Konflikte und Hilflosigkeit erzeugt.

Kinder und die Symptome der Dysfunktionalität

Die Kinder bleiben in diesen Verhaltensmustern stecken und die Eltern werden weniger tolerant. Ein forderndes Umfeld, in dem es wenig Raum für Beschwerden oder emotionalen Ausdruck gibt, führt zu gewalttätigen Situationen. Allerdings sind die Auswirkungen ehelicher Spannungen noch weitaus tiefgreifender. Wenn die Eltern sich permanent streiten, werden die Kinder zwangsläufig ebenfalls in diesen konfliktbehafteten Teufelskreislauf mit hineingezogen.

Letztendlich wird jedes Kind zu einem Teil dieses Disputes und neigt dazu, sich entweder auf die Seite der Mutter oder des Vaters zu stellen. Wenn das Kind für den Vater Partei ergreift, wird es über alles, was die Mutter dem Vater antut, wütend oder empört sein.

Gleichzeitig führt dies aber auch zu Schuldgefühlen bei den Kindern, denn sie fühlen sich schuldig dafür, dass sie über ihre Mutter schlechte Dinge denken und umgekehrt. Daher führt dieser Kreislauf von Schuld und Wut dazu, dass die angespannte und stressbehaftete familiäre Situation weiterhin aufrechterhalten bleibt.

Die Kommunikation der Komplexität wird schnell kompliziert. Die Gefühle der Kinder manifestieren sich daher auch in anderen Kontexten. Mit anderen Worten, sie beginnen damit, sich auch an anderen Orten schlecht zu benehmen, an denen sie viel Zeit verbringen: der Schule.

Probleme in der Schule

Dort wiederum reproduziert das Kind den ungesunden Kommunikationsstil, den es zu Hause erlernt hat. Darüber hinaus befreit es sich aber auch von angestauten Angst- und Stressgefühlen. Wenn die Kinder nur einige Male das gewalttätige Verhalten, welches sie zu Hause beobachtet haben, in der Schule wiederholen, führt dies dazu, dass sie in der Schule als “Tyrann” abgestempelt werden.

Daher führt dann eines zum anderen und sie werden auch in der Schule Opfer von Anfeindungen und Ausgrenzungen durch die Klassenkameraden. Aber damit nicht genug, denn sie fühlen sich nun ausgeschlossen und alleine und das kann dann zu noch aggressiverem und gewalttätigem Verhalten führen, wodurch die Wahrnehmung der anderen lediglich bestätigt wird.

Darüber hinaus werden die Eltern früher oder später von der Schule Benachrichtigungen über das aggressive Verhalten ihrer Kinder und über deren schlechte Schulleistungen erhalten. Das führt meist dazu, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses Kind richten. Außerdem werden sie verschiedene Belohnungs- und Bestrafungsmethoden ausprobieren, um das Verhalten der Kinder zu verändern. Allerdings ist diese Strategie, wie du dir vermutlich schon denken kannst, ziemlich wirkungslos und wird die Dysfunktionalität nicht beseitigen.

Denn jetzt ist das Kind nicht nur in der Schule problematisch, sondern auch zu Hause. Hierin liegt dennoch eine gewisse Weisheit. Die Kinder haben ihre aufgestauten Emotionen abgebaut und erhalten jetzt die Aufmerksamkeit der Eltern. Darüber hinaus ist dies auch eine Ablenkung von den Diskussionen, die andernfalls zu einer Trennung der Eltern führen könnten. Dennoch wiederholt sich dieser kräftezehrende Kreislauf immer wieder aufs Neue. Wenn du ihn nicht stoppst, wird er nur zu weiterem Chaos, Verzweiflung und letztendlich auch zu psychischen Störungen führen.

Dysfunktionalität - Eltern sprechen mit ihrem Sohn

Therapie kann helfen, Dysfunktionalität zu bearbeiten

Heutzutage ist es gesellschaftlich wesentlich akzeptierter, eine Therapie zu machen, als dies früher der Fall war. Die meisten Menschen assoziieren dies nicht mehr mit einer “Geisteskrankheit”. Stattdessen wird eine Therapie heute im Allgemeinen als gesunde Möglichkeit angesehen, um psychische Probleme anzugehen und das Wohlbefinden zu verbessern.

Einige Therapeuten sprechen zuerst einmal mit den Eltern. Erst danach führen sie eine Reihe von Einzelsitzungen mit dem Kind durch. Ab einem Alter zwischen vier und fünf Jahren wenden Therapeuten eine Spieltherapie an, um dadurch die Konfliktanzeichen zu identifizieren und zu entschlüsseln.

Die Symptome, die die Kinder zeigen, können ein Hinweis auf Beziehungsprobleme der Eltern, Trennungsängste, fragmentierte Familien usw. sein. Daher besteht die Aufgabe des Therapeuten darin, die Botschaft, die durch die Symptome und die Dysfunktionalität übermittelt werden, zu entschlüsseln. Aus diesem Grund ist häufig eine Familientherapie angebracht. Denn diese erlaubt es dem Therapeuten, die Familiendynamik und das daraus resultierende Verhalten des Kindes zu verstehen.

Unabhängig davon, welchen therapeutischen Ansatz der Psychologe auch verfolgt, letztendlich geht es immer um ein Ziel. Dem Kind oder dem Teenager die erforderlichen Instrumente an die Hand zu geben, um diesen dysfunktionalen Prozess wieder rückgängig zu machen.

Darüber hinaus müssen die Therapeuten auch die Eltern darüber aufklären, was genau geschieht. Denn diese müssen ebenfalls die Verantwortung für die eigentlichen Ursachen des Problems übernehmen. Wenn diese allerdings weiterhin alle Verantwortung auf das Kind abwälzen, werden sie nichts lösen können. Und der Zyklus setzt sich fort.

Abschließende Gedanken

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Psychotherapie ein Raum für Reflexion und Lernen sein sollte. Außerdem ist sie eine Möglichkeit, die Umwege und destabilisierenden Faktoren des Wohlbefindens eines Menschen zu organisieren und zu korrigieren. Für ein Kind, das mit Stress, Angst, Unsicherheit und Instabilität lebt, ist es sehr wichtig, wenn es irgendwann wieder lächeln kann.