Die unendliche Einsamkeit der Kinder von heute

· 28. Juni 2017

Über das letzte Jahrzehnt hinweg konnten wir vielerorts eine Tendenz zur „Erwachsenierung“ der Kinder beobachten. Von Anfang an versuchen manche Eltern, ihre Kinder zu etwas zu erziehen, das wie Autonomie um jeden Preis wirkt. Sie wollen, dass ihre Kinder so wenig wie möglich ihr eigenes Leben stören: Sie sollen selbstständig aufstehen und ins Bett gehen, ihre Hausaufgaben machen, ohne dass die Eltern präsent sein müssen, und dann weiter ruhig zu Hause warten, bis diese von der Arbeit kommen. Sie sollen sich wie kleine Erwachsene benehmen.

Die Kindheit hat ihre eigene Art zu sehen, zu denken und zu fühlen, und es gibt nichts Törichteres, als zu versuchen, diese durch die unsere zu ersetzen.

Jean Jacques Rousseau

Diese Einstellung führt bei den Eltern nicht selten zu Schuldgefühlen. Das Schlimme ist, dass sie versuchen, diese Schuldgefühle mit teuren Geschenken oder damit gutzumachen, dass sie sich in manchen Bereichen ganz extrem um ihre Kinder kümmern. Das kann sich beispielsweise darin äußern, dass sie alle zwei Stunden anrufen, um zu fragen, wie es ihnen geht. Oder sie nutzen ihren Urlaub, um gemeinsam ans andere Ende der Welt zu fahren, scheinbar, um ihre ständige Abwesenheit wettzumachen.

Angestrengte Eltern und unzufriedene Kinder

Einsamkeit von Kindern ist eine wahre Epidemie. Die Gesellschaft, in der es scheint, als gäbe es keine Zeit mehr zum Küssen, Umarmen und für entspannte Unterhaltungen, hilft, sie zu verbreiten. Diese Gesellschaft steht für Arbeit, ausgelaugte Menschen und lange Gesichter. Eltern kommen spät nach Hause und sind immer müde und genervt.

UNICEF führte eine Studie durch, um herauszufinden was Lebensqualität für Kinder bedeutet, und konnte zeigen, dass sie auf ganz andere Dinge Wert legen als Erwachsene. Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren, die an unterschiedlichsten Orten der Welt wohnten, erstellten eine Liste dessen, was sie als essenziell für ein gutes Leben betrachteten. Sie erwähnten keine teuren Spielzeuge und außergewöhnlichen Geschenke, sondern vielmehr eine Reihe ganz einfacher Dinge:

  • Ihre Eltern sollen weniger schreien und mehr reden.
  • Die Handys der Eltern sollen ausgeschaltet sein.
  • Ihre Eltern sollen sie häufiger in den Arm nehmen.
  • Sie möchten weniger Zeit in der Schule verbringen und mehr mit ihren Eltern unternehmen.
  • Die Menschen sollen mehr lächeln.
  • Sie möchten nicht an einen anderen Ort umziehen.

Kinder sind still und traurig geworden

Es kommt heutzutage häufiger vor, dass man Kinder mit einem traurigen oder abwesenden Gesichtsausdruck sieht. Die Kinder von heute fühlen sich sehr allein und dadurch werden sie still. Sie wissen nicht, wie sie ihre Gefühle ausdrücken sollen, weil das nie ein Gesprächsthema ist. Und nicht zu wissen, wie sie ihre innere Welt zum Ausdruck bringen können, verstärkt ihre Einsamkeit noch.

Sie sind gereizter, intoleranter und anspruchsvoller. Sie können ihre Emotionen nicht in einen Zusammenhang zueinander bringen. Für viele von ihnen ist es schwierig, spontan zu sein, und sie sind extrem empfindlich, was die Meinung anderer betrifft.

Aufgezwungene Einsamkeit ist nie etwas Gutes und die Betroffenen ersticken an diesem emotionalen Schwebezustand, ganz besonders, wenn es sich dabei um Kinder handelt. Sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, und haben das Gefühl, keinen Boden unter den Füßen zu haben. Sie haben Angst und können deshalb eine abwehrende und phobische Persönlichkeit entwickeln, die ihnen in ihrem späteren Leben als Erwachsene ein großes Hindernis sein wird, wenn es darum geht, gesunde zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen.

Was kann man angesichts der großen Einsamkeit von Kindern tun?

Mit Sicherheit stellen viele Eltern irgendwann fest, dass ihre Kinder sich einsam fühlen. Aber sie sehen sich mit einem ernsthaften Dilemma konfrontiert: Entweder sie gehen arbeiten, um für sich selbst und die Kinder zu sorgen, oder sie lassen es, um Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Daran kann man allerdings etwas ändern. Hier sind einige mögliche Lösungen für das Problem:

  • Es ist wichtig, eine gewisse Flexibilität im Arbeitsalltag auszuhandeln, um sich um die Kinder zu kümmern. Das kann auch nur eine einzige Stunde sein, die ihnen gewidmet wird.
  • Sich mit dem Partner oder mit anderen Erwachsenen absprechen, sodass das Kind so wenig Zeit wie möglich ohne einen zuverlässigen Erwachsenen an seiner Seite verbringt. Dies bezieht sich auf die Zeit, in der es nicht in der Schule ist.
  • Eine Zeit festlegen, die ausschließlich den Kindern gewidmet wird. Wenn du mindestens 30 Minuten am Tag nur mit ihnen verbringst, dein Handy ausschaltest und an nichts anderes denkst, sondern nur dein Kind in den Arm nimmst und ihm erzählst, wie dein Tag heute war, und es fragst, wie der seine war, wirst du bereits einen großen Beitrag zu seinem Glück leisten. Wenn du 30 Minuten wirklich nicht schaffst, dann nimm dir wenigstens eine Viertelstunde Zeit.
  • Spiele mindestens einmal in der Woche mit deinen Kindern. Diese Zeit ist sehr wertvoll: Sie geht schnell vorbei und wenn das erst einmal der Fall ist, kann man sie nicht mehr zurückholen. Wenn du mit ihnen spielst, musst du ihnen nicht sagen, dass du sie lieb hast. Sie werden es wissen und sich wertgeschätzt fühlen.

Was auch immer die momentanen Umstände sind, es lohnt sich immer, darüber nachzudenken, wie man mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen kann. Sie haben es verdient. Sie befinden sich in einem Lebensabschnitt, in dem jede Erfahrung ihre Spuren hinterlässt. Das mag Opfer fordern, aber wir können mit Gewissheit sagen, dass sie sich lohnen. Denke daran, dass es Dinge gibt, die ihnen sehr wichtig sind!

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Tankieka Kast, Anne Byrme