José Saramago: Biografie eines Schriftstellers, der uns über eine blinde Gesellschaft aufklärte

23. August 2019

José Saramago war einer der bemerkenswertesten portugiesische Autoren aller Zeiten. Sein einzigartiger Schreibstil brachte ihm den Nobelpreis ein. Was ihn insbesondere auszeichnete, war sein Vermögen, auch bei heftigem Gegenwind zu seinen Worten zu stehen. So sind Werke, wie Stadt der Blinden  heute eine außergewöhnliche Referenz für Katharsis und philosophische Reflexionen, ein Vermächtnis, das uns im wahrsten Sinne des Wortes die Augen öffnet.

Über Saramago sagt man gern, dass er stets das Bewusstsein der Menschen geschärft habe. Er prangerte Ungerechtigkeiten an und bezog angesichts der Konflikte seiner Zeit Stellung. So definierte er sich in einem seiner Vorträge selbst als ein leidenschaftlicher Schriftsteller, als jemand, der jeden Stein hochheben müsse, obwohl er wisse, dass sich darunter echte Monster versteckten könnten.

Durch die Suche nach der Wahrheit und seine Bemühungen, die Gesellschaft wachzurütteln, konnte er einen einzigartigen Schreibstil entwickeln. Er benutzte Gleichnisse, die auf Fantasie, Ironie und Mitgefühl basieren, um uns eine Realität aufzuzeigen, die niemanden kalt lassen kann.

Auch noch nach dem Tod von Saramago werden seine Werke weiterhin in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Die neuen Generationen entdecken und bewundern diese vielfältige Persönlichkeit, die sogar danach strebte, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte  um eine Charta der Pflichten und Verpflichtungen  zu ergänzen.

Er war einer bedeutendsten Schriftsteller, den Portugal uns beschert hat. Er war Autor provokanter, magischer und uns zum Nachdenken bewegender Werke, die uns dazu einladen, die Gegenwart mit seinen Augen zu sehen.

„Der moderne Mensch leidet unter drei Krankheiten: der Inkommunikation, der technologischen Revolution und seinem auf den persönlichen Triumph ausgerichtetes Leben.“

José Saramago

José Saramago in einem Ruderboot

Biografie eines weisen Mannes, der aus bescheidenen Verhältnissen stammte

José de Sousa Saramago wurde am 16. November 1922 in Golegã, Portugal, geboren. Seine Eltern waren José de Sousa und María da Piedade, ein Paar, das aus bescheidenen Verhältnissen stammte und von seiner Arbeit auf dem Land lebte. Als der kleine José zwei Jahre alt war, beschlossen sie, nach Lissabon auszuwandern, um ihre finanzielle Lage zu verbessern.

Nachdem sie sich in der portugiesischen Hauptstadt niedergelassen hatten, konnten sie sich eine gewisse Stabilität aufbauen. Der Vater begann, als Polizist zu arbeiten, und Saramago bekam die Möglichkeit, eine Ausbildung zu absolvieren. Einige Jahre lang besuchte er eine Berufsschule, bis sich seine Eltern die Finanzierung einer höheren Ausbildung nicht mehr leisten konnten.

So hatte er keine andere Wahl, als in einer Schmiede zu arbeiten. Doch über diese berufliche Tätigkeit hinaus, mit der er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, führte Saramago ein anderes Leben: das eines weisen Mannes. Er hörte nie auf, zu lesen, zu lernen und vor allem, zu schreiben. So veröffentlichte er im Alter von 25 Jahren Land der Sünde. In diesem Jahr, 1947, wurde auch seine Tochter Violante geboren.

Der Reifeprozess eines engagierten Schriftstellers und Journalisten

1955 begann José Saramago, die Werke von Hegel und Tolstoi ins Portugiesische zu übersetzen. Gleichzeitig war er bestrebt, seinem Schreibstil eine angemessene Reife zu verleihen, um mit seinen eigenen Werken eine Chance auf Erfolg zu haben. Doch trotz seines Talents wollte es kein Verleger wagen, seine Werke zu veröffentlichten.

Nachdem seine Werk Clarabóia oder Wo das Licht einfällt  abgelehnt wurde, vergingen mehrere Jahre, bis er es erneut versuchte. Erst 1966 startete er einen weiteren Versuch mit Vermutlich Fröhlichkeit  und später mit O Ano de 1993  (zu Deutsch: Das Jahr 1993,  bisher nicht auf Deutsch verfügbar; 1975). Beide begeisterten, sodass Saramago mit dem portugiesischen Verlag Estúdios Cor. zusammenarbeiten konnte.

Als er zunehmend literarische Erfolge verbuchte, verspürte José Saramago das Bedürfnis, sich dem Journalismus zu widmen. Er fing an, beim Diário de Notícias  und später dann beim Diário de Lisboa  zu arbeiten und wurde dort stellvertretender Direktor und politischer Kommentator.

Schwarz-Weiß-Foto von Saramago

Nach dem Beginn der Nelkenrevolution in Portugal am 25. April 1974 beschloss er jedoch, sich ausschließlich auf das Schreiben zu konzentrieren. Er war eine anerkannte und respektierte Persönlichkeit und wollte der Welt mehr Werke, mehr Bücher schenken. 1976 veröffentlichte er Os Apontamentos: crónicas política (zu Deutsch: Anmerkungen: politische Chroniken, bislang nicht auf Deutsch verfügbar), und später Theaterstücke wie Die Nacht  (1979) und Kurzgeschichten wie Der Stuhl und andere Dinge  (1983).

Der Nobelpreis

In den 1980er Jahren war José Saramago ein weltberühmter Autor. Er erhielt die literarische Weihe mit dem Denkmal des Klosters. Daraufhin sollten Werke wie Das steinerne Floß  (1986)Das Evangelium nach Jesus Christus  (1991) und, nicht zu vergessen, Die Stadt der Blinden  (1995) veröffentlicht werden.

Seine Schreibweise ist raffiniert, seine Bücher sind mit Köpfchen geschrieben, weshalb ihm das Stockholmer Komitee (Schweden) im Jahr 1998 die höchste Auszeichnung verlieh: den Nobelpreis für Literatur. Damals lebte er bereits in zwei Ländern, Lissabon in Portugal und Lanzarote auf den Kanarischen Inseln. Auf den Kanarischen Inseln verweilte er mit seiner letzten Frau, María del Pilar del Río Sánchez, einer spanischen Journalistin und Übersetzerin.

José Saramago verstarb am 18. Juni 2010 an Leukämie. Er wurde 87 Jahre alt und hatte einen neuen Roman zu schreiben begonnen, der bis dato erst 30 Seiten lang war.

Die Stadt der Blinden

Sie sind nicht schon immer blind, sie werden blind.  Mit diesen Worten verleiht José Saramago einer der beunruhigendsten argumentativen Metaphern seines Werkes Gestalt. In seinem Werk Die Stadt der Blinden  spricht er über die Unfähigkeit des Menschen, seinen Nächsten anzuerkennen. Er stellt den Menschen als ein infames Wesen, als Geschöpf dar, der die Führung anderer braucht, um zu verstehen und zu überleben.

Dieses Werk befasst sich eingehend mit der menschlichen Seele. Es ist ein dystopischer Roman, der davon handelt, dass der Mensch in einer Art Weißblindheit gefangen ist, die sich wie eine Krankheit ausbreitet. Die Regierung beschließt daraufhin, die Kranken unter Quarantäne zu stellen und ihnen strenge Regeln aufzuerlegen.

In jener Gruppe von Menschen, die in dieser Geschichte die Hauptrolle spielen, kann nur ein Mensch sehen: eine Frau, die die Blindheit nur vorgetäuscht hat, um ihren Mann begleiten und allen anderen helfen zu können. Das Szenario ist mehr als angsteinflößend: Es gibt keinerlei Hygiene, die Soldaten zögern nicht, zu schießen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt, und der Geruch von Verwesung breitet sich aus. Das Chaos regiert und die Hoffnung stirbt nach und nach.

Mehrere Menschen tragen eine schwarze Augenbinde

Wir haben es demnach  mit einem Werk zu tun, in dem uns vor allem aufgezeigt wird, wie blind die menschliche Seele ist. Diese Unfähigkeit, sich gegenseitig anzuerkennen, ist es, was den Verlust von Vernunft, Egoismus, Konflikte und Ängste zur Folge hat. Es ist ein Szenario, angesichts dessen uns José Saramago zu einer mutigen moralischen Reflexion einlädt.

Die Stadt der Blinden  ist ein mitreißendes Buch, das als eines der großen Werke der zeitgenössischen Literatur gilt. Erneut in dieses Buch einzutauchen oder es zum ersten Mal zu lesen, ist immer eine Lesestunde wert.

  • Saramago, José (2001) Ensayo sobre la ceguera. Alfaguara