Die 4 Persönlichkeitstypen nach Gerlach, Farb, Revelle und Nunes Amaral

· 1. Februar 2019

Im Laufe der Geschichte der Psychologie haben verschiedene Autoren unterschiedliche Persönlichkeitstheorien entwickelt, die verschiedene Typen von Persönlichkeiten beschreiben sollen. Erst vor Kurzem hat eine Gruppe von Forschern an der Northwestern University in Evanston, Illionois (USA) eine umfassende Analyse von Daten durchgeführt, deren Ergebnisse die Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie infrage stellen. Diese Studie wurde von Martin Gerlach geleitet.

Die Sozialpsychologen werfen die Frage auf, ob es verschiedene Persönlichkeitstypen gebe. Menschliche Charakterzüge sind ein weiterer Aspekt ihrer Untersuchung. Die Merkmale der jeweiligen Persönlichkeit „können durchgängig, über alle Altersstufen und Kulturen hinweg, gemessen werden“,  sagte Amaral, Mitautor der Studie und Professor für chemische und biologische Verfahrenstechnik an der McCormick School of Engineering der Northwestern University.

Die Forscher haben Daten von mehr als 1,5 Millionen Befragten überprüft und festgestellt, dass es mindestens vier verschiedene Gruppen von Persönlichkeitstypen gibt: durchschnittlich, zurückhaltend, egozentrisch und vorbildlich. Diese vier Persönlichkeitstypen basieren auf fünf grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen: Neurotizismus, Extravertiertheit, Aufrichtigkeit, Freundlichkeit und Bewusstsein.

Die hier zitierte Studie wurde in der Zeitschrift Nature Human Behavior veröffentlicht.

Ein Konzept, das in der Psychologie immer noch umstritten ist

William Revelle, Professor für Psychologie am Weinberg College of Arts und Sciences und ebenso Hauptautor der Studie, erklärt, dass „die Menschen seit Hippokrates versuchen, Persönlichkeitstypen zu klassifizieren. Doch bisherige Studien haben gezeigt, dass es keinen Sinn ergibt.“  Die Daten dieser neuen Forschung zeigen nun aber, dass bestimmte Persönlichkeitstypen eine höhere Dichte aufweisen.“

Zunächst war Revelle jedoch skeptisch gegenüber der für die Studie vorgelegten Hypothese. Das Konzept der Persönlichkeitstypen bleibt in der Psychologie weiterhin umstritten, zumal bereits mehrere verschiedene Klassifikationen veröffentlicht wurden und schließlich auch Unterstützung erhalten haben. Frühere Versuche, die auf kleineren Gruppen von Probanden basierten, führten allerdings regelmäßig zu Ergebnissen, die nicht aussagekräftig und nicht reproduzierbar waren.

„Persönlichkeitstypen existierten nur in der Selbsthilfeliteratur und hatten keinen Platz in wissenschaftlichen Zeitschriften“, sagt Amaral dazu. „Wir glauben nun, dass sich dies aufgrund unserer Studie ändern wird.“

Mann, der mit verschiedenen Bildern unterschiedliche Emotionen darstellt

Die Persönlichkeitstypen: ein neuer Ansatz

Diese neue Studie kombinierte einen alternativen rechnerischen Ansatz mit Daten, die unter Verwendung von vier Fragebögen und John Johnsons IPIP-NEO mit 120 bzw. 300 Elementen von mehr als 1,5 Millionen Probanden aus aller Welt  erhoben wurden. Ebenso wurden das Projekt myPersonality und Datensätze einer Studie der BBC inkorporiert.

Die von der Forschungsgemeinschaft seit Jahrzehnten entwickelten Fragebögen umfassen hunderte Fragen. Die Studienteilnehmer beantworteten diese freiwillig in Form von Online-Fragebögen, wobei sie sich von der Möglichkeit, mehr über ihre eigene Persönlichkeit zu erfahren, motiviert fühlten.

Aus diesem umfangreichen Datensatz identifizierte das Forscherteam die fünf Merkmale, die möglicherweise eine größere Akzeptanz erzielen: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Freundlichkeit und Bewusstsein. Nach der Entwicklung neuer Algorithmen konnten vier Gruppen oder Persönlichkeitstypen definiert werden:

  • Der durschnittliche Typ: Die Anzahl an Menschen mit diesem Persönlichkeitstyp weist einen hohen Grad an Neurotizismus sowie an Extraversion auf, während ihre Offenheit eher gering ist. Nach Ansicht der Forscher gehören Frauen eher diesem Persönlichkeitstyp an.
  • Der zurückhaltende Typ: Der zurückhaltende Typ ist emotional stabil und gleichzeitig ein wenig neurotisch. Jene Menschen, die diesem Persönlichkeitstyp angehören, sind nicht besonders extrovertiert, was nicht bedeutet, dass die Interaktion mit ihnen nicht angenehm wäre.
  • Der vorbildliche Typ: Die Menschen, die dem vorbildlichen Persönlichkeitstyp entsprechen, weisen eine niedrige Punktzahl in Bezug auf die Neurotik auf, in allen anderen Eigenschaften jedoch eine hohe. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine vorbildliche Persönlichkeit hat, steigt mit dem Alter drastisch an. Den Forschern zufolge sind dies sehr verlässliche Menschen, die offen für neue Ideen sind. Ebenso sind sie Menschen, die gern Verantwortung übernehmen. Auch hier ist es wahrscheinlicher, dass Frauen diesem Persönlichkeitstyp angehören.
  • Der egozentrische Typ: Egozentrische Menschen erzielen in der der Extraversion extrem hohe WErte, in Bezug auf Offenheit, Freundlichkeit und Bewusstsein jedoch unterdurchschnittlich wenige. Die Zahl der egozentrischen Typen nimmt mit zunehmendem Alter, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, stark ab.

Wie sich aus diesen Definitionen bereits ableiten lässt, verändert sich unsere Persönlichkeit im Laufe des Lebens. Die Forscher erklären, dass sich mit der Reife des Menschen auch die Konfiguration seiner Persönlichkeit wandelt. Zum Beispiel neigen ältere Menschen dazu, weniger neurotisch, aber bewusster und freundlicher zu sein als Menschen unter 20 Jahren.