Egozentrische Sprache – Was bedeutet sie?

· 4. November 2018

Wir haben alle schon gesehen, wie jemand mit sich selbst gesprochen hat. Tatsächlich haben wir es selbst wohl auch ein paar Mal getan. Kinder sind hier echte Spezialisten hierin: Viele Kinder unter sechs Jahren scheinen spontan eine egozentrische Sprache zu definieren, die ihre Entwicklung beeinflusst.

Die egozentrische Sprache ist ein interessantes Thema in der Entwicklungspsychologie. Auch wenn Sprache an sich vor allem soziale Funktionen erfüllt, scheint sie etwas anderes zu verbergen. Ihre spontane Nutzung, egal ob es einen Empfänger gibt oder nicht, könnte ein Indikator dafür sein, dass sie einen höheren Sinn erfüllt.

In diesem Artikel werden wir zwei verschiedene Theorien untersuchen, die versuchen, das Auftreten und die Funktionsweise der egozentrischen Sprache zu erklären. Diese beiden Theorien haben ihre Wurzeln in zwei der wichtigsten Psychologen, was das Studium der Entwicklungspsychologie betrifft: Jean Piaget und Lew Wygotsky. Beide präsentierten zwei verschiedene Erklärungen für dieses Phänomen.

Piagets Theorie zur egozentrischen Sprache

„Wenn man Kindern etwas beibringt, nimmt man ihnen für immer die Chance, es selbst zu entdecken.“

Jean Piaget

Um Piagets Perspektive zu verstehen, ist es wichtig, seine Entwicklungstheorie zu berücksichtigen, die auf der Entwicklung der logischen Intelligenz basiert. Diese Art der Entwicklung beeinflusst also die Fähigkeit der Kinder, sich mit anderen zu identifizieren. Laut Piaget weisen Kinder ein Defizit an sozialen Fähigkeiten auf, bis sie die sogenannte „Theory of Mind“ entwickeln.

Für Piaget konzentriere sich das egozentrische Sprachphänomen auf die Sprecher, ohne sich um die Perspektive einer anderen Person zu kümmern. Dies geschehe, weil den Kindern die Fähigkeit zur sozialen Interaktion fehle. Wir können dieses egozentrische Verhalten auch in Bezug auf Denken und Wahrnehmung beobachten.

Kind mit Sprechblase

Nun, warum gibt es aber diese egozentrische Sprache, wenn sie für die Kommunikation nicht nützlich ist? Piaget erklärte, dass die egozentrische Sprache als Ausdruck der Fähigkeiten erscheine, die die Kinder gerade erworben haben. Im Alter von drei Jahren können sich Kinder ihre Welt in Worten vorstellen, haben aber ihren soziale Fähigkeiten nur wenig entwickelt. Die Sprache basiert also auf sich selbst. Sie erfüllt eher eine symbolische als eine kommunikative Funktion.

Nach und nach, im Alter von sechs oder sieben Jahren, erwerben die Kinder die vorgenannte „Theory of Mind“. Das wird sie dazu bringen, soziale Interaktionen besser zu verstehen und zu begreifen, wie wichtig es ist, Sprache zur Kommunikation zu verwenden. In den meisten Fällen reichen diese Reize aus, damit die Kinder ihre egozentrische Sprache aufgeben. Ihre Denkprozesse gehen vom Egozentrischen zum Logischen über und sie lernen die kommunikativen Aspekte der Sprache zu nutzen.

Wygotskys Theorie zur egozentrischen Sprache

Wygotskys Erklärung ist eine völlig andere. Er sagte, dass soziokulturelle Faktoren uns von klein auf beeinflussen. Er wies die Prämisse von Piaget zurück, dass Kinder unter sechs Jahren kein Interesse an sozialer Interaktion hätten. Die kommunikativen Versuche von Babys zeigen deutlich ihr Interesse daran, in einem sozialen Umfeld zu handeln.

„Die Kinder beginnen, die Welt nicht nur durch ihre Augen, sondern auch durch Worte wahrzunehmen.“

Lew Wygotsky

Für Wygotsky hat Sprache immer eine soziale und kommunikative Funktion. Kinder sprechen, um mit anderen Menschen zu kommunizieren, und entwickeln gleichzeitig eine symbolische Funktion im sozialen Kontext. Kinder beginnen, den Nutzen der Sprache zu entdecken, indem sie sie benutzen, wobei einer dieser Nutzen die Fähigkeit der Sprache ist, das Verhalten zu regulieren. Sprache hilft uns lebenslang, unser Denken und Handeln zu strukturieren.

Vater und Sohn auf einer Wiese

Laut Wygotsky nutze egozentrische Sprache die Sprache, um die Selbstregulierung zu verbessern. Aus diesem Grund müsse sie keinen Empfänger haben. Nun, warum verschwindet die egozentrische Sprache dann im Alter von sechs Jahren? Hier zeige sich der Schlüsselprozess der Internalisierung, meinte Wygotskys: Im Alter von sechs Jahren seien Kinder in der Lage, diese egozentrische Sprache zu verinnerlichen und in ihren Denkprozess einzubinden. Das bedeute, dass der Selbstregulierungsprozess Teil ihrer internen Sprache werde und diese Sprache zur wesentliche Grundlage des Denkens. Sie müsse dann nicht länger geäußert werden.

Dies sind zwei sehr ernsthafte Versuche, die Gründe und den Kontext zu erklären, in dem sich die egozentrische Sprache entwickelt. Beide Hypothesen sind unterschiedlich und haben Stärken und Schwächen. (Gegen-)belege unterscheiden sich je nach Perspektive, aus der heraus eine Studie angestellt wird. Dies zeigt, wie komplex und dimensional der Prozess der Sprachentwicklung ist. Es bedarf einer gründlichen Untersuchung, um die vielen noch offenen Fragen beantworten zu können.

„Sprache ist das Werkzeug der Werkzeuge.“

Lew Wygotsky