Jerome Bruners 9 Theorien für bessere Bildung

· 24. September 2018

Jerome Bruner ist einer der Urheber einer Revolution in der kognitiven Psychologie, die den klassischen Rechenparadigmen folgte. Seiner Ansicht nach war die Psychologie in ein allzu rechnerisches und mechanisches Schema verfallen. Um diesem anhaltenden Trend entgegenzuwirken, plädierte Bruner für eine kulturpsychologische Disziplin. Sein Argument war, dass keine Gehirnaktivität unabhängig vom sozialen Kontext sei, in dem sie stattfinde. Bruner hielt es für unmöglich, zu verstehen, was im Kopf passiere, ohne den kulturellen Kontext zu berücksichtigen.

Bruner leistete große Beiträge zur pädagogischen Psychologie – von der kognitiven Psychologie bis zur Lerntheorie, analysierte unter anderem die Auswirkungen der Kulturpsychologie auf die Bildung. Damit versuchte er, ein Bildungssystem zu verändern, das auf reduktionistischen Ideen und Erinnerungen basiert. Bruner wünschte sich eine konstruktivistische, individuell ausgerichtete Ausbildung.

Um diese zu erreichen, schlug er neun Theorien vor, die die pädagogische Psychologie anpassen sollte, um das Bildungssystem zu verbessern.

Jerome Bruner

Die Bildungstheorien von Jerome Bruner

Perspektivismus

Als erstes sprechen wir über eine der Hauptideen in Bruners Konzepten. Bruner glaubte, dass jede Wissensschöpfung relativ zu der Perspektive sei, auf der sie aufbaue. Bedeutungen und Interpretationen seien weder absolut noch objektiv. Sie hängen zu einem großen Teil vom Standpunkt des Betrachters ab. Sie zu verstehen bedeute deshalb, sie im Zusammenhang mit zahlreichen weiteren Faktoren zu begreifen. Erst dann könne entschieden werden, ob sie richtig oder falsch seien.

Die Interpretation von Wissen zeigt uns die akzeptierten Wege auf, die Realität in einer Kultur zu konstruieren. Individuen erkennen diese Wege also durch einen kulturellen und individuellen kognitiven Filter. Auf diese Weise sehen wir alle Wege, die ähnlich und einzigartig zugleich sind.

Puzzleteil fehlt im Gehirn

Die Theorie der Grenzen

Die nächste Theorie bezieht sich auf die Grenzen der Ableitung einer Bedeutung. Bruner sprach über zwei wichtige Grenzen:

  • Die erste ist der Arbeitsweise des Menschen inhärent. Die Evolution hat uns darauf spezialisiert, auf eine bestimmte Weise wahrzunehmen, zu denken und zu fühlen.
  • Die zweite Grenze bezieht sich auf die Einschränkungen, die die Umwelt auferlegt. Jene Umwelt, in der wir mentale Operationen durchführen. Die Hypothese von Sapir und Whorf ist die Grundlage für diese Einschränkung. Sie bestätigt, dass die Sprache die Art und Weise beeinflusst, wie der Mensch seine Gedanken ausdrückt oder formuliert.

Konstruktivistische Theorie

Wenn wir über die Konstruktion von Wissen und die Ableitung von Bedeutungen sprechen, müssen wir von einem konstruktivistischen Paradigma ausgehen. Der Konstruktivismus besagt, dass die Realität, in der wir leben, eine Konstruktion sei. Mit den Worten von Nelson Goodman: „Die Realität ist gemacht, nicht gegeben.“

Folglich sollte die Gesellschaft die Bildung darauf aufbauen, den Kindern zu helfen, sich die kulturellen Werkzeuge anzueignen, die sie benötigen, um sich auf kritische und anpassungsfähige Weise zu entwickeln. Es geht mehr darum, Architekten von Wissen auszubilden, als darum, Wissen zu vermitteln.

Kinder melden sich im Unterricht

Die interaktionale Theorie

Der Austausch von Wissen setzt, wie jede zwischenmenschliche Interaktion, die Existenz einer Gemeinschaft von Menschen voraus. Zum Beispiel lernen Kinder durch ihre Interaktion mit anderen Menschen etwas über Kultur und Weltanschauung.

Man sagt, dass diese Gemeinschaft nur entstehen konnte, weil wir miteinander sprechen. Allerdings ist sie vielmehr auf die starke Intersubjektivität zwischen den Individuen zurückzuführen. Die menschliche Fähigkeit, den Geist anderer Menschen zu verstehen, bildet die Grundlage dieser Intersubjektivität oder Theorie des Geistes.

Externalisierungstheorie

Diese Theorie basiert auf der Idee, dass das Ziel aller kollektiven kulturellen Aktivitäten darin bestehe, „Werke“ oder externe Produkte zu schaffen. Daher ist der Nutzen der Externalisierung der Kultur die Schaffung einer sozialen Identität. Diese Identität fördert die kollektive Solidarität.

Diese externalisierten Arbeiten schaffen gemeinsame Denkweisen. Dadurch wird die Zusammenarbeit auf ein gemeinsames Ziel hin erleichtert. Die Verwendung von Externalisierungen (z. B. von Büchern) ist die Grundlage des Bildungssystems. Wir greifen auf Bücher zurück, um zu vermitteln, wie wir handeln sollen. Auf welche? Das wiederum hängt von der Kultur ab, in der das Bildungssystem existiert.

Instrumentalistische Theorie

Bildung hat Konsequenzen. Es spielt keine Rolle, wie wir erziehen oder in welcher Kultur wir das tun. Sie beeinflusst das Leben derjenigen, die sie erhalten. Wir wissen auch, dass diese Folgen für die Menschen von entscheidender Bedeutung sind. Ebenso sind sie Instrumente der Person, der Kultur und ihrer Institutionen.

Diese Theorie betont, dass Bildung niemals neutral sein könne. Sie habe immer auch soziale und wirtschaftliche Folgen. Diese Folgen würden für einige Mächte von Nutzen sein. Bildung sei also ein politisches Thema im weitesten Sinne.

Lehrerin mit Arbeitsgruppe

Institutionelle Theorie

Jerome Bruners siebte Theorie ist die institutionelle Theorie. Bruner sagte, dass die Bildung in der entwickelten Welt institutionalisiert werde und sich so verhalte, wie sich deren Institutionen verhalten. Die Rolle, die Bildung spiele, unterscheide sie jedoch von anderen Institutionen. Ihr Ziel sei es, die Kinder darauf vorzubereiten, sich aktiver in anderen kulturellen Einrichtungen zu beteiligen.

Folglich hat die Institutionalisierung der Bildung Auswirkungen auf die Bildung selbst. So bestimmt die Natur der Bildung die Funktionen, die jeder Akteur im Bildungssystem erfüllt, sowie den Status und den Respekt, den er erhält.

Identität und Selbstachtungstheorie

Das vielleicht universellste Element der menschlichen Erfahrung ist das Phänomen des „Selbst“. Eine andere Beschreibung ist „Selbstverständnis“ oder „Selbstbewusstsein“. Wir kennen uns aus eigener Erfahrung. Wir erkennen auch die Existenz anderer „Selbst“ in den Köpfen unserer Mitmenschen. Einige Zweige der Sozialpsychologie gehen davon aus, dass Selbsterkenntnis nur auf Basis der Existenz der Identität anderer entstehe.

Daher spielt Bildung eine wichtige Rolle bei der Bildung von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Deshalb ist es wichtig, dass das Bildungssystem die Konsequenzen der formalen Unterweisung für die Entwicklung der persönlichen Identität berücksichtigt.

Kinder in der Schule

Die Erzähltheorie

Schließlich beschrieb Bruner die Erzähltheorie. Diese Theorie spielt auf Denkweisen und Gefühle an, insbesondere auf die Art und Weise, wie Individuen denken und fühlen, wenn sie die individuelle Welt erschaffen, in der sie leben. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses ist die Erzählfähigkeit bei der Gestaltung von Geschichten.

In der Tat war dies einer von Bruners größten Beiträgen zur Psychologie. Er machte auf die Bedeutung des Erzählens in der Kulturpsychologie aufmerksam: Die Menschen haben immer angenommen, dass die Erzählfähigkeit von selbst komme und nicht gelehrt werden müsse. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass das nicht wahr ist. Tatsächlich verändert Bildung die erzählerische Qualität und Fähigkeit der Menschen erheblich. Deshalb ist es wichtig, den Einfluss des Bildungssystems auf das Erzählen zu berücksichtigen.