Jeder hat einen Zufluchtsort, um sich vor dem Sturm zu verstecken

15. Mai 2019

In seinem Buch Das Labyrinth der Lichter  schreibt Carlos Ruíz Zafón: „Wer sein gesundes Urteil bewahren will, braucht einen Platz in der Welt, wo er verloren gehen kann und will.“ Er beschrieb diese Art von Refugium, diesen Zufluchtsort, der Sicherheit vermittelt, als „ein kleiner Anhang der Seele, zu dem man immer wieder hingehen kann, wenn die Welt in ihrer absurden Komödie Schiffbruch erlitten hat, wo man sich verstecken und den Schlüssel wegwerfen kann“.

Diese Überlegung gibt uns sicherlich etwas zum Nachdenken. Denn es scheint so, als hätten wir alle diese kleine Ecke, jene Zuflucht und einen sicheren Platz, wo wir uns wirklich geschützt fühlen. Das könnte ein physischer Raum sein, ein Ort im Geist oder eine Kombination aus beiden, wo es physische Objekte gibt, aber auch Erinnerungen und Hoffnungen. Ein Ort, wo es nur sehr wenigen Leuten erlaubt ist, uns nahezukommen. Und niemand ist jemals hineingegangen. Hier verwahren wir unsere Träume, die wir nur mit ausgewählten Menschen geteilt haben, und auch die, die wir noch gar nicht mit irgendjemandem geteilt haben. Das Gleiche gilt für unseren Schmerz.

Alicia Gris, die rätselhafte Protagonistin des Labyrinths der Lichter ist eine fortwährende Bewohnerin dieses Zufluchtsortes, aber gleichzeitig weiß sie nicht, was in ihm steckt: Sehr selten verlässt sie diesen Ort und genau deshalb sind ihre Augen zu müde, um die Form der Dinge darin zu erkennen oder zu identifizieren, was sie bestimmt. Hinter ihrem Schleier verbirgt sich das Porträt eines unsicheren Menschen, wie viele Menschen aus Fleisch und Blut es sind.

„Geht es dir gut, Fermín?“
  „Wie ein wütender Bulle.“
„Ich glaube, ich habe dich noch nie so traurig gesehen.
„Das ist, was du entscheidest, zu sehen.
Daniel nahm keinen Anstoß.

„Was hast du gesagt? Kommen wir durch? Was ist, wenn ich dich zu ein paar Drinks in El Xampanyet einlade?“
„Danke, Daniel, aber heute werde ich nein sagen.“
„Warum nicht? Das Leben wartet auf uns!“

Fermín lächelte, und zum ersten Mal wurde Daniel klar, dass sein alter Freund kein Haar mehr auf dem Kopf hatte, das nicht grau war.
„Für dich, Daniel. Alles was auf mich wartet, ist die Erinnerung.“

Carlos Ruíz Zafón in: Das Labyrinth der Geister

Was befindet sich an deinem Zufluchtsort?

An diesem Zufluchtsort verwahren wir den Geruch von Menschen auf, die uns geholfen haben. Wir schaffen besondere Erinnerungen an diejenigen, die es weiterhin jeden Tag tun, und erhalten unsere Erlebnisse mit denjenigen, die immer da sind, mit denen wir glücklich sind. Ebenso verstauen wir auch Bilder und Empfindungen, die wir in unseren schlimmsten Momenten hervorholen, und kleine Trophäen unserer größten Triumphe an diesem Ort. Hier treffen wir auf diejenigen, die uns bereits verlassen haben, die wir nie wieder sehen werden und die wir schrecklich vermissen.

Mann mit Wolke vor dem Gesicht

Dieser Zufluchtsort enthält jene Träume, die wir in der Vergangenheit einmal hegten und dann abgelegt haben. Diese Träume sind der Beweis dafür, dass es eine Zeit gab, in der wir sie in unseren Händen hielten, aber ihre Existenz als bloße Erinnerung ist ebenso ein Beleg dafür, dass wir sie noch nicht wieder aufgegriffen haben. Dann sind da noch ganze Stapel von gemischten „unaussprechlichen Fantasien“, die den Wunsch beinhalten, alles fallen zu lassen und wirklich zu leben.

Auf der anderen Seite enthält jener Ort auch unsere Ängste, die zerbrechlichsten und verletzlichsten Teile unserer selbst. Diejenigen, die wir längst zum Schweigen bringen wollten, die uns aber weiterhin erschrecken. Diejenigen, die wir fühlen, bei denen wir es aber nicht wagen, sie aufzudecken, weil es uns abschreckt, die Wahrheit zu entdecken, die darunter liegt. Vielleicht umfasst diese Wahrheit schmerzhafte Erinnerungen an die Zeiten, in denen wir die schlechteste Version unserer selbst waren.

Dieses Refugium ist wie ein großer Raum, der von einem guten Teil von uns selbst eingenommen wird, was uns das Gefühl gibt, dass wir einzigartig seien, aber wir fühlen uns auch klein, wenn wir sehen, wie klein dieser Raum im Vergleich mit der Weite des Universums ist. Sind wir denn gänzlich austauschbar?

In dieser Ecke von uns lebt eines unserer größten Paradoxe: austauschbar und entbehrlich zu sein, obwohl wir unvergleichbar sind: Direkt neben den Andenken aus unseren schlechtesten Zeiten, wie wir sie oben beschrieben haben, liegen die Erinnerungen an jene, in denen wir uns selbst übertrafen.

Kaminzimmer, Buch und Teelicht

 

Ein Zufluchtsort, um sich zu entspannen, nicht um zu bleiben

Zu viel Zeit in diesem Refugium zu verbringen, würde unsere Augen mit einem Meer von Nostalgie füllen, das fast unmöglich zu navigieren wäre. Wir müssten den Felsen der Vergangenheit und der Zukunft ausweichen, während wir versuchen, dann und wann einen Sonnenstrahl zu erhaschen, der uns schöne Erinnerungen bringt und Hoffnung macht. Leider würden wir so die Gegenwart vollständig eliminieren, wo alle unsere Sinne tatsächlich sein sollten. Menschen, die zu viel Zeit in jener abgelegenen Ecke verbringen, gehen im Autopilot durch den Tag und projizieren ein Gefühl von Abwesenheit und Distanz.

In der Tat fangen all die positiven Dinge, die in diesen Regalen sitzen oder auf dem Boden gestapelt sind, irgendwann an, einen modrigen Geruch abzugeben. An diesem Punkt löst sich unser Interieur vollständig von dem projizierten Bild, denn je mehr Zeit wir an diesem Ort verbringen, desto schwieriger wird es für uns, uns selbst näherzukommen.

Was können wir also tun, damit uns dieser Zufluchtsort nicht mit negativen Emotionen überschwemmt?

  • Trenne dich nicht von dem, was um dich herum passiert. Wenn du willst, verbringe ein paar Tage damit, alte Nachrichten zu lesen oder fernzusehen, aber trenne nicht die Bande zu den Menschen, die du liebst.
  • Wenn du dich missverstanden fühlst, versuche, die Menschen dazu zu bringen, dich zu verstehen, anstatt dich zu distanzieren. Die einzige Sache, die Entfernung schafft, ist das Gefühl, missverstanden zu werden.
  • Habe immer auch kurzfristige Ziele. Passe sie an deine Stresstoleranz an, aber habe immer mindestens ein Projekt, das dich bald zufriedenstellen kann.
  • Sei dir bewusst, wo du bist, nicht nur physisch, sondern auch mental. Wenn du deinen Zufluchtsort betrittst, notiere dir die Zeit und halte dich nicht zu lange dort auf. Bringe die Zeit, die du allein verbringst, und die Zeit, die du in mit der Familie, mit Freunden und auf Arbeit verbringst, in ein gesundes Gleichgewicht.

Wie du sehen kannst, kann dieser Zufluchtsort dich bei vielen Gelegenheiten retten, aber er kann auch die schlimmste Falle sein, in die du fallen kannst. Unsere Empfehlung ist es, so viel wie möglich zu genießen, während du dort bist, aber nicht dein Leben auf das zu reduzieren, was innerhalb dieser vier Wände ist, egal ob sie real oder imaginär sind.