Introversion mit hochfunktionaler Angststörung. Beschreibt dich das?

· 17. August 2018

Introversion mit hochfunktionaler Angststörung kommt häufiger vor, als wir vielleicht annehmen. Oft verbergen sich diese Eigenschaften jedoch hinter dem Begriff der „versteckten Angst“. Obwohl Betroffene nach außen hin ruhig wirken, treibt die Angst im Inneren ihr Spiel mit ihnen. Das kann intensive Sorgen, den Zwang zur Vermeidung und zum Perfektionismus beinhalten.

Seit einigen Jahren findet nun ein schleichender Prozess statt, durch den introvertierte Menschen Stück für Stück ihren Platz in der Welt finden. Wir können die Tatsache nicht ignorieren, dass sich unsere Gesellschaft, vor allem in den Bereichen Schule, Studium und Karriere, eher in Richtung Menschen orientiert, die offener, sozialer und folglich auch extrovertierter sind.

Introversion mit hochfunktionaler Angststörung betrifft einen großen Teil der introvertierten Menschen. Es ist eine Form von versteckter Angst, sehr beständig über die Zeit.

Bücher wie Still: Die Kraft der Introvertierten  von Susan Cain schätzen die charakteristischen Züge dieser Menschen. Eigenschaften wie Kreativität, Empathie, Selbstreflexion oder die Fähigkeit zur Konfliktlösung sind es, die Introvertierte in Führungspositionen bringen können. Außerdem helfen sie Betroffenen dabei, ihren Alltag effektiv zu bewältigen.

So wichtig es ist, ihre Werte, Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, ist es auch, die komplizierteren, meist schwächenden Züge dieser Art der Introversion zu verstehen. Jeder von uns ist, unabhängig von seiner Persönlichkeit, zu bestimmten Zeiten mehr oder weniger anfällig für verschiedene Arten der Angst. Trotzdem neigen gerade Introvertierte dazu, sich sehr spezielle Verhaltensmuster anzueignen, über die wir – und sie – Bescheid wissen sollten.

Unter vier Stiften ist einer verknotet.

Introversion mit hochfunktionaler Angststörung – was ist das?

Ein Sprichwort, das oft verwendet wird, lautet: „Die größten Schätze findet man in den tiefsten Tiefen.“  Nun wissen wir alle, dass in diesen Worten der tiefsten Tiefen die Dunkelheit und andere, bedrohliche Präsenzen herrschen. In diesen Tiefen zu leben hat seine Vorteile, birgt andererseits aber auch Gefahren.

Lasst uns, bevor wir diese Form der Introversion genauer beschreiben, über folgendes Konzept nachdenken: Die Begriffe der Introversion und Extroversion stellen eine bestimmte Größe dar. Wir alle befinden uns darin – meist irgendwo in der Mitte. Manche tendieren etwas mehr zur einen oder zur anderen Seite. Menschen, die sich in extremen Punkten befinden, weisen allerdings deutliche Symptome auf. Es ist schwer für sie, eine hohe Lebensqualität zu genießen, produktiv zu sein und stabile soziale Verbindungen aufrechtzuerhalten.

Introvertierte mit hochfunktionaler Angststörung befinden sich zwar nicht am Ende dieses Spektrums, bewegen sich aber auch nicht weit weg davon. Im Allgemeinen führen sie ein normales Leben, haben ihre Verpflichtungen, Berufe und Beziehungen, wo der Begriff „hochfunktional“ ins Spiel kommt. Trotz dieser scheinbaren Ruhe tobt in ihrem Inneren ein Sturm. Dieser lässt sich wie ein gut getarntes Labyrinth beschreiben, aus dem Angst immer einen Weg findet, Unsicherheit ständig auf Widersprüche trifft, und in dem Sorgen permanent gegen Wände stoßen … wieder und wieder.

Lasst uns nun genauer betrachten, welche Charakteristiken Betroffene auszeichnen:

Das permanente Gefühl, sich selbst verteidigen zu müssen

Menschen mit dieser Art von Introversion tendieren dazu, aufmerksam zu sein und eine defensive Haltung einzunehmen. Es gibt immer etwas, dass ihnen Sorgen bereitet, sie bedroht oder beschäftigt. Ihre Gedanken ruhen nie. Oft ist es der Termin, das Interview oder das Projekt, das fertig werden muss. Diese Ereignisse zwingen Betroffene aus ihrer Komfortzone und erzeugen so Unwohlsein in hohem Maße.

Ängstlich im Inneren sein und gleichzeitig nach außen hin selbstbewusst wirken

Interessant an Betroffenen ist, dass sie selten die Fassung verlieren. Sie werden äußerlich als im Gleichgewicht, ruhig und kontrolliert eingestuft. All das sind Eigenschaften, die ihre Mitmenschen äußerlich wahrnehmen können, ohne zu wissen, dass in ihrem Inneren etwas völlig anderes passiert. Tatsächlich schwanken Introvertierte innerlich nämlich zwischen Angst und Unsicherheit.

Dieses kontinuierliche Bestreben, entschlossen und auf Augenhöhe zu sein, kann schiefgehen. Betroffene landen schließlich in einem Konstrukt aus Widersprüchen, unterdrücken ihre Angst jeden Tag aufs Neue und panzern sich mit einer Rüstung aus Tapferkeit, die Tag für Tag schwerer wird.

Menschen diskutieren im Kreis.

Die Welt anders zu sehen und sich allein zu fühlen

Introvertierte brauchen eine entspanntere Umgebung um sich wohlzufühlen, um das eigene Potenzial auszuschöpfen, um zu arbeiten und sich selbst zu finden. Manche fühlen sich in ihrer eigenen, privaten Ecke wohl. Andere denken anders über diese Abgeschiedenheit. Sie sind frustriert, weil sie sich unverstanden fühlen und verärgert, weil Mitmenschen deren Bedürfnisse, deren Sichtweise auf das Leben nicht erkennen.

Alles muss perfekt sein

Auch typisch für die Introversion mit hochfunktionaler Angststörung ist ein hohes Maß an Perfektionismus. Betroffene verlangen eine Menge von sich selbst. Das liegt daran, dass Perfektion ihnen ein Gefühl der Sicherheit gibt. Und ist etwas unter Kontrolle, bringt das positive Emotionen mit sich. Diese Denkweise ist ein unendlicher Quell des Leidens.

Schmerzen, Ticks, Erschöpfung, Nervosität …

Die „versteckte Angst“ der Introvertierten zeigt sich auf vielerlei Weise. Oft leiden Betroffene unter psychosomatischen Symptomen wie Hauptproblemen, Verdauungsproblemen, Migräne, Muskelschmerzen, Zuckungen, etc. Das alles sind Kanäle für den Körper, um innere Unruhe, konstante Sorgen, den Zwang zur Selbstverteidigung und alles, was er nicht kontrollieren kann, nach außen zu transportieren.

Charakteristisch für diesen Persönlichkeitstyp ist auch die Art, sich selbst auszudrücken. Betroffene neigen dazu, regelmäßig hastig und nervös zu sprechen – das wiederum lässt ihre Mitmenschen glauben, sie seien extrovertiert. In Wahrheit ist das aber eher ein Symptom der inneren Unruhe; eben ein Teil dieses so komplizierten, inneren Knotens.

Frau versteckt sich im Rollkragenpullover.

Abschließend lässt sich sagen: Fühlen wir uns, wie gerade beschrieben, ist es das Beste, uns professionelle Hilfe zu suchen. Introversion mit hochfunktionaler Angststörung zählt nämlich eher zu den chronischen Problemen. Wir spielen unseren Zustand herunter, bis wir nach ein paar Jahren mit den Konsequenzen zu kämpfen haben. Mit Konsequenzen wie psychosomatischen Erkrankungen oder anderen, schwereren psychologischen Störungen.

Lasst uns einen Schritt aus diesem Labyrinth der Angst machen, hin zu einem Leben mit mehr Balance.