Ich hatte Angst und war verwirrt, aber es war noch Leben in mir

· 13. Mai 2016

Die meisten Dinge verlieren wir aus Angst, sie zu verlieren. Wenn du manchmal in die Vergangenheit zurückblickst, fällt dir auf, dass du dich am wenigsten an die Phasen deines Lebens erinnerst, in denen du alles kontrollieren konntest. Woran du dich wirklich erinnerst und was in dir erneut Gefühle hervorruft, wenn du nur allein ein Foto ansiehst, ein Lied hörst oder an Erlebtes denkst, sind die Etappen deines Lebens, in denen so einiges durcheinander und verwirrend war, in denen du keine Stabilität hattest und sich etwas für dich änderte.

Es scheint so, als könnten in diesem Leben Jahre an uns vorbeiziehen, in denen wir überhaupt nicht leben und unser Leben sich nur um ein und denselben Augenblick dreht. Als würden sich all unsere Träume, Sehnsüchte, unsere Leidenschaft und unser Streben wahrhaftig nur eine einzige Sekunde fokussieren.

Es sind diese Erfahrungen, die wir als chaotisch empfinden, die uns auf die Probe stellen, die aus uns das Beste und Schlechteste herausholen und es kommt uns so vor, als würden sie für jeden von uns eine Lektion fürs Leben bereithalten, die wir nur dann lernen können, wenn wir diese Momente hinter uns gelassen haben.

„Was für eine entsetzliche Verwirrung“ , dachte ich damals und wie sehr vermisse ich sie doch heute

So oft habe ich mich darüber beklagt, zu einer bestimmten Zeit meines Lebens Unglück gehabt zu haben. Und jetzt, wo manchmal alles so leblos erscheint, fällt mir auf, dass nur die Erinnerungen an diese Vielzahl an erlebten Gefühlen in der Vergangenheit mir die Augen öffnen und meiner Gegenwart Hoffnung geben.

Die Hoffnung darauf, sie wieder erleben zu können; die Hoffnung auf Realität und Überzeugung dessen, dass das, was kommen wird, anders sein wird und auch ich ein anderer Mensch sein werde. Weder besser, noch schlechter. Doch was in unserem Leben passiert ist, sollte man niemals versuchen, genau so wieder zu erleben, sondern jeden Moment in vollen Zügen und mit all seinen Unterschiedlichkeiten zu genießen.

„Wir sind die Summe der Momente unseres Lebens.“

Gondeln im Hafen am Abend

Es ist nicht gut für uns, wenn wir eine ständige Nostalgie wegen etwas aus der Vergangenheit verspüren. Aber es ist wunderschön, so viele Phasen im Leben gehabt zu haben, die uns nostalgische Momente schenken, denn das ist das Zeichen dafür, dass wir wertvolle Erfahrungen gemacht haben und dass unsere Reise Sinn macht.

Doch gleichzeitig ist es normal, Druck oder Angst wegen dem zu empfinden, was in der Zukunft auf uns wartet. Uns begleiten die ewigen Fragen: Habe ich die gleiche Vorstellung davon? Werde ich in der Zukunft genauso stark sein, wie ich es in der Vergangenheit war? Wird das, was mich erwartet, besser oder schlechter sein?  Hin und wieder beantworten wir diese Fragen im Stillen, ohne genau zu wissen, was wir uns eigentlich selbst sagen sollen.

Ich möchte, dass es es immer noch wert sein wird; ich möchte mich immer noch am Leben fühlen

Wenn wir möchten, dass das Zukünftige bei uns auch Gefühle und Hoffnungen auslöst, ohne all das Erlebte dabei aus den Augen zu verlieren, fällt uns zweifellos auf, dass jede neue Etappe an einem toten Punkt anfängt, an dem der Weg niemals zuvor vorhergesagt sein kann. Die Richtungen auf ihm können neu sein, auf den Abzweigungen werden uns neue Herausforderungen begegnen und das ist niemals etwas Schlechtes, sondern einfach nur eine neue Geschichte.

Sobald wir uns bemühen, nostalgische Momente wieder aufleben zu lassen, an denen wir so hängen, können wir uns falsche Hoffnungen machen: was zuvor neu war, ist es längst nicht mehr, und was mich vorher anstrengte und mir Energie gab, ist nun ein gerader und geebneter Weg. Aus diesem Grund gilt das Motto: Wer nicht gewagt, der nicht gewinnt. Und auf unserem Weg müssen wir das oft in die Tat umsetzen, bevor er sehr unangenehm wird und wir auf der Stelle treten.

„Ich kann in zwei Wörtern zusammenfassen, wie viel ich vom Leben gelernt habe: Mach weiter.“

Robert Frost

Aber es fällt manchmal gar nicht so leicht, weiterzumachen, wenn der Weg dich nicht dazu bewegt, ihn zu beschreiten. Es ist schwer, wenn es dir so vorkommt, als würden sich alle Ereignisse wiederholen. Es ist nicht einfach, wenn sich der Weg gabelt und du dich entscheiden musst, ob du den bequemen Weg gehst oder die Abzweigung nimmst, die so manch Stolpersteine aufweist.

Gerade weil es manchmal nicht leicht ist, zu entscheiden, welchen Weg wir gehen sollen, habe ich mich dazu entschlossen, auf das zu setzen, was mich noch nie enttäuscht hat: Ich folge meinem Instinkt, mich auf einen unruhigen Weg zu begeben, der meinem Leben aber einen Sinn gibt. Nur so können wir uns von der Nostalgie verabschieden und wir bekommen unser Leben in seiner ganzen Hülle und Fülle zurück.

Ich werde vor nichts mehr Angst haben, denn meine größte Angst ist, dass alles gleich bleibt

Und so erinnere ich mich an das Wichtigste, das mich das Leben gelehrt hat, zurück: Du lernst nur etwas, wenn du dich etwas stellst, und wenn das die Angst ist, verlierst du sie.

„Die Liebe verscheucht Angst und die Angst verscheucht ebenfalls die Liebe. Und die Angst vertreibt nicht nur die Liebe, sondern auch die Intelligenz, die Güte, all das Denken an Schönheit und Wahrheit, und was zurückbleibt, ist die blanke Hoffnungslosigkeit. Und am Ende wird die Angst dem Menschen die Menschlichkeit nehmen.“

Aldous Huxley

Maedchen mit Luftballons

Es geht nicht darum, eine verlorene Seele ohne zu erreichende Ziele oder Träume zu sein. Es geht darum, dich manchmal zu verlieren, um dich und deine Seele wiederzufinden. Es geht nicht darum, den einen oder den anderen Weg zu gehen, sondern es geht um die Art, wie du das tust. Es geht darum, Ohren und Augen zu öffnen, denn die Melodie des Lebens kann immer anders sein.

Traue dich wieder, auf etwas zu setzen, auch wenn du nicht viel hast, dass dir dabei helfen kann – darum geht es doch im Leben: Es geht darum, auf das Leben zu setzen, auch wenn wir manchmal nicht wissen, was wir zu erwarten haben. Den Weg des Lebens wieder zu betreten, bedeutet, Unsicherheiten zu akzeptieren, Hand in Hand mit deinen Ängsten und Geistern der Vergangenheit zu gehen, mit Nostalgie in deinem Rucksack und mit der Unschuld eines Kindes allem zu begegnen, was dir begegnen wird.

Wieder zu merken, dass noch Leben in dir steckt, heißt, Angst und Verwirrung zu empfinden, doch die Mühe ist es immer wert. Deshalb wandeln wir hier auf der Erde, um dem Leben entgegenzulaufen, bevor es uns davonläuft und wir es nicht einmal bemerken.